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Ein Millionengeschäft

Freie Wohlfahrt als Wirtschaftsfaktor: Sie bewegen riesige Summen und beschäftigen eine Heerschar von Mitarbeitern. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung ist kaum zu überschätzen. 105 295 Einrichtungen, 3,7 Millionen Betten und Plätze, 1,67 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bis zu drei Millionen Ehrenamtliche.

09.10.2015
  • TEXT: Bernd Ulrich Steinhilber | FOTOs: Horst Haas

Ein Millionengeschäft
Rund 900 Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen werden in den Werkstätten der Bruderhaus-Diakonie unterstützt.

Zurückhaltend geschätzt taxiert die Deutsche Bank Research die Bruttowertschöpfung der Freien Wohlfahrtspflege auf 37,9 Milliarden Euro. Und doch verstehen sich die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege als Non-Profit-Organisationen. Auch wenn sie auf jeden Euro achten müssen, steht Gewinnstreben nicht an erster Stelle.
An erster Stelle stehen soziale Dienst- und Hilfeleistungen für Menschen, die ihrer bedürfen. Von ihrer Arbeit profitieren Alte ebenso wie Menschen mit physischen Handicaps, seelischer und geistiger Einschränkung. Ihre Klientel sind Wohnungslose, Langzeitarbeitslose, Suchtkranke und psychisch Kranke. Obendrein übernimmt die Freie Wohlfahrtspflege die Rolle einer Sozialanwaltschaft auf politischer Ebene.
Mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Caritas, dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche, dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV), dem Roten Kreuz sowie der kleinen Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) haben sich sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege etabliert. Ihre Bedeutung soll hier an zwei Beispielen aufgezeigt werden.

Ein Millionengeschäft
Die Unterstützung betrifft Berufsbildung, Arbeit Förderung und Betreuung.

Caritas, die organisierte Nächstenliebe der Katholischen Kirche
Einer der großen Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg ist der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart (DiCV). Im Bereich der Diözese unterhalten der Caritasverband und seine Mitglieder, wie etwa die Keppler-Stiftung, rund 1000 Einrichtungen in sämtlichen Sparten der sozialen Arbeit, die 770 Kindertagesstätten nicht eingerechnet. Alles in allem verfügen die Einrichtungen über 80 000 Plätze. Der Umfang ihrer Aufgaben lässt sich auch an der Zahl der Mitarbeiter/innen abschätzen. 29 500 Hauptamtliche und 33 000 Ehrenamtliche kümmern sich um 400 000 Klienten. Als ein Verband der katholischen Kirche ist er auch in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen präsent.

Beide Städte bilden zwar das Oberzentrum der Region Neckar-Alb. Als Standorte für eine der neun Caritas-Regionen innerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart (siehe unten) kommen sie nicht infrage. Tatsächlich gehören sie als untergliederte Caritas-Zentren sogar zwei verschiedenen Regionen an: Tübingen der Caritas-Region Schwarzwald-Gäu mit Sitz in Böblingen, Reutlingen der Region Fils-Neckar-Alb mit Sitz in Esslingen. Ihre Aufgaben freilich gleichen sich bei ähnlich umfangreichen Etats.

Ein Millionengeschäft
In den Werkstätten der Bruderhaus-Diakonie bearbeiten Menschen mit Behinderung Kundenaufträge.

Beide Regionen werden von Frauen geleitet. Schwarzwald-Gäu von Silvia Hall, Fils-Neckar-Alb von Lisa Kappes-Sassano. Und beide Regionen bilden ihre Finanzen auf regionaler Ebene ab. Was ihre Zentren in Reutlingen und Tübingen finanziell umsetzen, heißt es unisono, sei nur sehr schwer zu ermitteln.
Anders verhält es sich mit der konkreten Arbeit vor Ort. Die lässt sich trefflich darstellen. Im Landkreis Tübingen unterhält die Caritas Einrichtungen an drei Standorten: nämlich das Caritas-Zentrum in der Kreisstadt, die Kirche am Eck im Französischem Viertel sowie eine Außenstelle in Rottenburg. Mit zwölf Beschäftigen und 16 Arbeitsgelegenheiten, den „Ein-Euro-Jobbern“, bewältigt man die Arbeit mit dem Schwerpunkt auf Beratung (Schwangerschaftsberatung, Beratung für Migranten und Spätaussiedler) und dem Coaching von Langzeitarbeitslosen.
Außerdem leitet Karin Kluth-Buchholz den „Stromspar-Check“ im Französischen Viertel, bei dem einkommensschwache Haushalte zu Strom- und Wasserverbrauch beraten werden. Dank einer Soforthilfe mit LED-Lampen und Wasserspar-Artikeln lassen sich jährlich durchschnittlich 100 Euro einsparen. Rund 150 Haushalte pro Jahr werden auf diese Weise zu Strom- und Wassersparern gemacht und obendrein deren Geldbeutel saniert.
In einem mit der Stadt Tübingen aufgelegten Austauschprogramm für Kühlgeräte geht man sogar noch einen Schritt weiter, indem alte Geräte gegen neue der Effizienzklasse A++ ausgetauscht werden. Einkommensschwache Haushalte bezahlen dann lediglich noch 20 Prozent des Kaufpreises.
Warum sich Umsatz und Ertrag nur schwer auf Landkreiskreisebene abbilden lassen, erklärt der für die regionalen Finanzen zuständige Fachleiter Johannes Sipple so: „Wir denken in Diensten und Fachbereichen, die die örtlichen Strukturen überlagern.“ Fein aufgedröselt sind allerdings die Zahlen für den Gesamthaushalt der Region. Der weist 4,65 Millionen Euro aus. Und ähnlich wie in anderen Organisationen der Freien Wohlfahrtpflege, wird das meiste davon, nämlich 79 Prozent, für die 223 Hauptamtlichen und die 106 geringfügig Beschäftigten ausgegeben, nur 21 Prozent aber für den sächlichen Aufwand. Im Übrigen wird die Arbeit von 198 Ehrenamtlichen unterstützt.
Auf der Ertragsseite steuern öffentliche Kassen mit 58 Prozent den größten Brocken bei, gefolgt von kirchlichen Mitteln mit 24 Prozent. Zehn Prozent kommen von Sozialversicherungsträgern und Verbänden, jeweils vier Prozent aus Hilfs- und Nebenbetrieben, dazu Spenden in Höhe von zuletzt 183 654 Euro. 70 Prozent der Spenden gibt die Caritas für die Kinder- und Jugendhilfe aus. 22 Prozent gehen in die Familienhilfe, acht Prozent dienen der Existenzsicherung für Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten gekommen sind.
„Die Zahlen stimmen“, sagt Sipple im Gespräch mit Wirtschaft im Profil. Und sie dürften auch weiterhin stimmen. Die Bemerkung war schon deshalb fällig, weil sich in der Region ein durchaus bedeutender Wandel vollzieht: „Wir wollen künftig weniger eine ,Projekt-Region‘ sein, sondern als ein verlässlicher Partner auftreten.“ Projekte sollen nur noch „innovativ“ eingesetzt werden. „Ich reagiere ja gar nicht mehr fachlich, wenn ich den Fördermitteln hinterherrenne und mit Projektanträgen befristete Stellen finanziere.“ Nun gehe es um die Frage: „Was trägt langfristig?“
Für die Caritas ist es die Katholische Kirche, die wieder mehr an der Sozialarbeit beteiligt werden soll. „Wir setzen auf die Stärke der Dekanate. Sie werden sich künftig der „Allgemeinen Sozialberatung“ annehmen. Ein Arbeitsfeld, das lange vernachlässigt wurde und das sich, worin seine Bedeutung liegt, an keine bestimmte Zielgruppe richtet. „Jeder darf kommen.“ Sipple: „Man kann die allgemeine Beratung als eine Eingangstüre verstehen, durch die man geht und dann auf die anderen Dienste der Caritas verwiesen werden kann“.
Der Verband habe sich professionalisiert. Soll heißen: „Caritas und Kirche waren lange mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs.“ Weniger Projekte verringern nicht nur den Anteil befristet Beschäftigter, die nach Projektende ohne Job dastehen, ist einer der leitenden Gedanken. Sipple verspricht sich von der neuen Strategie mehr Profil, das durch immer neue Projekte doch auf der Strecke bleibe. Zurück also zu den Basisaufgaben, der Beratung in den Feldern Migration, Schwangerschaft und Langzeitarbeitslose.
Die in Esslingen angesiedelte Caritas Region Fils-Neckar-Alb mit 80 Beschäftigten und 580 Ehrenamtlichen ist in Reutlingen mit zehn Hauptamtlichen und 200 Ehrenamtlichen präsent. Im Mittelpunkt stehen Arbeitshilfen, Schwangerschaftsberatung Migranten und Flüchtlinge. Auch „Solidaritätsstiftung“ ist ein Thema, indem man Ehrenamtliche, Spender und Unternehmer für Anliegen der Caritas begeistern und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern will.
Daneben liegt einer der Schwerpunkte auf der Suche und Schulung von Ehrenamtlichen für ihren Einsatz in den „Orten des Zuhörens“, Anlaufstellen für in Not geratene Menschen. Als Spitzenverband versteht sich die Caritas außerdem als Interessenvertretung ihrer Mitgliedseinrichtungen, wozu in Reutlingen neben der Altenhilfe der Kepplerstiftung auch das berufliche Internat und Jugendwohnheim Kolpinghaus gehört.
Darüber hinaus arbeiten in Reutlingen Caritas und Arbeiterwohlfahrt (AWO) in zwei Bereichen eng zusammen. Im Jahr 2004 fusionierten der „Soziale Möbeldienst“ der Caritas mit dem Gebrauchtwaren-Kaufhaus der AWO. Fortan hatte das Langzeitarbeitslosen-Projekt Da Capo zwei Gesellschafter. 400 Teilnehmer wurden seitdem betreut und qualifiziert. Rund 4000 Möbelstücke und große Mengen an Haushaltsartikeln und Textilien werden Jahr für Jahr in neue Hände gegeben. Ein Beispiel auch für gelungenes Recycling
Nicht nur für ein gelungenes Recycling steht der soziale Kleiderladen „fair-Kauf“, das zweite, von rund 50 Ehrenamtlichen betriebene Kooperationsprojekt der beiden Partner. Der „fair-Kauf“ ist ein hoch frequentierter sozialer Kleiderladen, der Menschen geöffnet ist, die über einen schmalen Geldbeutel verfügen.
Die Finanzen gleichen in Umfang und Struktur der Region Schwarzwald-Gäu. Und es sei auch der Caritas Fils-Neckar-Alb gelungen, die Erträge zu festigen und Tariferhöhungen abzufangen. Doch Regionalleiterin Lisa Kappes-Sassano beurteilt den Erfolg ihre Arbeit weniger unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. „Die 580 Ehrenamtlichen in der Region üben einen großen gesellschaftspolitischen Einfluss aus. Die Leute verändern ihr Bewusstsein und das strahlt auf alle Lebensbereiche aus.“.
Auch wenn sie mancherorts unauffällig daherkommt, ist die Caritas ein Riese. Kein Konzern im üblichen Sinne, das erweist schon die Zahl von bundesweit 9 400 Rechtsträgern. Dabei ist sie einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. 590 401 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind der Caritas in 24 248 Einrichtungen und Diensten angeschlossen.
Schon der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist ein differenziertes Gebilde. Zu ihm gehören die Caritas-Regionen Fils-Neckar-Alb mit Sitz in Esslingen, Biberach-Saulgau, Bodensee-Oberschwaben, Heilbronn-Hohenlohe, Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, Ost-Württemberg, Schwarzwald-Alb-Donau, Schwarzwald-Gäu mit Sitz in Böblingen, Stuttgart und Ulm. Diese neun Regionen untergliedern sich wiederum in Caritas-Zentren und Anlaufstellen vor Ort. Für das Stuttgarter Stadtgebiet ist der Caritasverband für Stuttgart (der Mitglied des DiCV ist) zuständig.
64,03 Millionen Euro setzte der Caritasverband Rottenburg-Stuttgart im Jahr 2014 um. Und wie es bei einem sozialen Dienstleistungsunternehmen nicht anders zu erwarten ist, machen die Personalkosten mit 45 732 000 Euro (71,42 Prozent) den weitaus größten Teil der Ausgaben aus. Freilich sind auch die 15,85 Millionen Euro (24,75 Prozent), die für den sächlichen Aufwand ausgegeben werden, kein Pappenstiel, wozu sich noch Sonderposten von 2,45 Millionen Euro (3,83 Prozent) addieren.
Aus seinen wirtschaftlichen Verhältnissen macht der Caritasverband jedenfalls kein Geheimnis (siehe unten stehenden Kasten). Dabei zeigt die lange Liste, die Thomas Wilk vom Caritasverband für „Wirtschaft im Profil“ minutiös aufgelistet hat, deutlich, dass sich ein Wohlfahrtsverband gar nicht am Markt refinanzieren kann. Der Markt ist außen vor. Jedenfalls dort, wo es sich um die großen Summen handelt, etwa die kirchlichen Mittel in Höhe von 18,9 Millionen Euro, mit denen 29,5 Prozent des Budgets bestritten werden. Oder die 20,7 Millionen Euro, die von den Kommunen erstattet werden. Dazu die Mittel von Bund, Land, Arbeitsagentur, schließlich Spenden und Erbschaften.
Mit dieser Sonderstellung korrespondiert ein eigenes, kirchliches Arbeitsrecht, das, wie es heißt, die „gemeinsame Verantwortung“ für die Caritas betont. So spricht der Verband nicht etwa von Angestellten und Arbeitern. Bei der Caritas ist man als „Dienstnehmer“ Mitarbeiterin oder Mitarbeiter. Der Arbeitgeber ist Dienstgeber, das Arbeitsverhältnis eine Dienstgemeinschaft – und dieses eingehegt von einem eigenen Tarifwerk. Eine paritätisch von Dienstgebern und Dienstnehmern besetzte arbeitsrechtliche Kommission fasst Beschlüsse mit Dreiviertelmehrheit.
Nicht in jedem Fall ist der Öffentlichkeit klar, wofür der Name Caritas alles steht, zumal es andernorts mehr oder weniger, zum Teil auch andere Fachverbände gibt. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind es der Katholische Pflegeverband, die Caritas-Konferenzen, ein Familienerholungswerk, der Katholische Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit, der Verband Zukunft Familie, der Sozialdienst katholischer Frauen, der Kreuzbund, der Landesverband Katholischer Kindertagesstätten, der Malteser Hilfsdienst sowie die Vinzenzkonferenzen (ein Verband Ehrenamtlicher). Dazu kommen Einrichtungsträger wie das Kolpinghaus oder in der Altenhilfe die Keppler-Stiftung.

Bruderhaus-Diakonie: Die Teamarbeiter im Geiste Gustav Werners
Mit über 4000 Beschäftigten und 1500 Ehrenamtlichen an rund 100 Standorten ist sie eine der Großen in der Freien Wohlfahrtspflege, einer der größten Arbeitgeber in der Region Neckar-Alb und allemal ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Niemals freilich würden sich die Akteure der Bruderhaus-Diakonie als die Chefs eines Konzerns begreifen wollen, auch wenn das nach den Zahlen durchaus möglich wäre. Wohl ist man sich in der Reutlinger Zentrale neben der diakonischen Arbeit seiner wirtschaftlichen Bedeutung bewusst. Doch trifft man dort auf christliche Demut verpflichtete Vorstände. Indem sie dem Vorbild des Bruderhaus-Gründers Gustav Werner nachfolgen, verstehen sie ihre Arbeit auf allen Ebenen als Teamarbeit.
Auf diese Feststellung legen der Vorstandvorsitzende Pfarrer Lothar Bauer, der Fachliche Vorstand Günter Braun und der Kaufmännische Vorstand Rainer Single besonderen Wert. Und man findet sie auch in ihrem letzten Jahresbericht. „Unsere Leistung und Erfolge sind das Ergebnis von Gemeinschaftsarbeit: die Arbeit für Klientinnen und Klienten in der Betreuungs-, Pflege- und Assistenzarbeit, die Arbeit in Wohngruppen und Werkstätten, in der Bildungs- und Ausbildungsarbeit mit jungen Menschen.“
Und tatsächlich spiegelt sich diese Einstellung in der Organisationsform der Bruderhaus-Diakonie wieder. „Wir wollen die Organisation des Unternehmens in unserem Stiftungszweck verankert wissen“, stellt Bauer im Gespräch mit unserer Zeitung fest und meint damit das Prinzip der Teilhabe.Eine „Teilhabeorganisation“ sei die Bruderhaus-Diakonie in doppeltem Sinne, weshalb sich alle darin Beschäftigten als „Teilhabearbeiter“ verstehen dürfen.
Diesem Ansatz korrespondiert der Stiftungszweck, nämlich die Sorge um die Teilhabe benachteiligter und von Ausgrenzung bedrohter Menschen: psychisch Kranke, geistig Behinderte, pflegebedürftige Alte, benachteiligte Jugendliche, Menschen, die geschützter Arbeitsverhältnisse bedürfen. Diesem Arbeitsauftrag sei man verpflichtet und dazu die Stiftung die richtige Rechtsform. Die Botschaft ist deutlich: eine gewerbliche Organisation gestatte es Eigentümern, etwas aus dem Unternehmen herauszuziehen, indes die Stiftung sämtliche Erträge in den Dienst des Gemeinwohlauftrags stellt.
Und Erträge werden erwirtschaftet, wenn auch nicht in dem Umfang, den man sich in der Reutlinger Ringelbachstraße wünscht. Die 232 Millionen Umsatz wie zuletzt bei einer konsolidierten Bilanzsumme von 347 Millionen Euro „sind eine große Masse“, sagt Finanzvorstand Single. „Eine Masse, die zusammengehalten werden muss“, angesichts auch der dezentralen Struktur der Bruderhaus-Diakonie. Denn nur rund die Hälfte des Umsatzes wird in den drei Landkreisen der Region Neckar-Alb erwirtschaftet. Der Rest in weiteren 13, in einem Gebiet, das von Stuttgart im Norden bis Friedrichshafen im Süden und von Langenau hinter Ulm im Osten bis nach Teningen bei Emmendingen im Westen reicht und wo sich zur etablierten Altenhilfe, Behindertenhilfe, Jugendhilfe und zu den Sozialpsychiatrischen Hilfen neuerdings das Geschäftsfeld Arbeit hinzugesellt.
Zehn Prozent des Umsatzes erwirtschaften Tochterunternehmen wie der Supermarkt in Orschel-Hagen, zwei Pflegeheime in Stuttgart, eine Service-GmbH und Intego, ein Integrationsunternehmen, das Menschen mit Behinderungen Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt bietet.
4078 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen sich 2456 Vollzeitstellen. Doch werden diese Zahlen auf Dauer keinen Bestand haben. Der Dienstleistungssektor, mithin die Freie Wohlfahrtspflege, sei ein Wachstums- und Jobmotor, erklärt Single. „Und wir gehören dazu. Wir werden mitgezogen“, seit anderthalb Dekaden schon mit Wachstumsraten von jährlich drei Prozent. Und damit ist klar:
„Unser Rohstoff sind Menschen, die helfen können.“ Und klar ist auch, dass dieser „Rohstoff“ als größter Kostenfaktor des Unternehmens nicht billig zu haben ist. Denn bezahlt werden die „Teilhaberinnen“ und „Teilhaber“ nach dem Allgemeinen Arbeitsvertrag für Einrichtungen (AVR), einem Tarifwerk, das, laut Single, mit marginalen Abweichungen vom TVöD, dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst, abgeschrieben sei. „Dieses Geld müssen wir erst einmal verdienen.“
Das gelingt der Bruderhaus-Diakonie am wenigsten auf dem freien Markt. Drei Viertel ihres Budgets erhält sie von der Pflegeversicherung, den Landkreisen als Träger der Sozial- und Jugendhilfe sowie von der Arbeitsagentur für die Menschen in den Werkstätten. Das restliche Viertel wird über Selbstbehalte in der Pflege und Selbstzahler erwirtschaftet, durch betreutes Wohnen, Mieten, Spenden sowie Zuschüssen aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und den Erlösen der Werkstätten.
Doch werde es immer schwieriger, „mit den Vergütungssätzen die schwarze Null zu erreichen“. Und selbst die liegt unter dem Optimum. Mindestens zwei bis drei Prozent Ertrag sollten schon rausspringen, um die jährlich für Investitionen in die Gebäude erforderlichen 20 Millionen Euro zu erwirtschaften. „Es muss also mehr übrigbleiben“, erklärt Single. „Aber wir schaffen gerade ein bis zwei Prozent.“
Rund 350 Gebäude sind zu unterhalten, damit der Stiftungszweck ohne Einschränkungen erfüllt werden kann, so der Vorstandsvorsitzender Bauer: „Denn wenn Investitionen nicht finanzierbar sind, kommen wir auf die schiefe Ebene.“ Die Gefahr ist keinesfalls gebannt, denn „der Staat reguliert nach oben“, verlange Einzelzimmer, Gruppengrößen mit maximal 15 Klienten, Häuser mit weniger als 60 Plätzen, was die Kosten in die Höhe treibe.
Trotz solcher Restriktionen blicken die Bruderhaus-Diakonie-Vorstände zuversichtlich nach vorne. „Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Alter und benötigen unsere Unterstützung“, sagt Bauer. Aber auch, weil die psychischen Krankheiten Volkskrankheiten sind und benachteiligte Menschen nicht den Anschluss verlieren sollen, fühle man sich herausgefordert. „Weil solche Probleme zu lösen sind, bekommen wir Rückenwind“, stellt Single fest, nicht zuletzt, weil der Dienstleistungssektor weiter wachse.
Da wundert es nicht, dass sich die Bruderhaus-Diakonie an allen ihren Standorten der Rolle als Kaufkraftbringer bewusst ist. Sieben Millionen Euro für Lebensmittel, sechs Millionen Euro für Wasser, Energie und Benzin, sieben Millionen Euro für die Gebäudeunterhaltung, bleiben in den Regionen hängen. Bewusst, so Single, sei man sich angesichts der Klimagefährdung auch der Aufgabe, die Mittel für solche Sachkosten verantwortungsvoll auszugeben. Seit fünf Jahren lasse man sich durch das Öko-Audit EMAS zertifizieren. Bauer „Wir sind der Erhaltung der Schöpfung verpflichtet.“

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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