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„Inszeniert!“ Eine Münchner Ausstellung über das Theatralische in der Gegenwartskunst
Nan Goldins wunderbare Fotografien von Drag Queens, hier: „Jimmy Paulette + Tabboo! in the bathroom, NYC 1991“. Foto: Courtesy Sammlung Goetz, München
Von der Rolle

„Inszeniert!“ Eine Münchner Ausstellung über das Theatralische in der Gegenwartskunst

Rollenspiele, Spektakel – und die Bühne selbst sind Thema einer großen Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle mit Werken aus der Sammlung Goetz.

23.08.2016
  • LENA GRUNDHUBER

München. Wie schön sie sind. Mit roten Mündern und verhangenem Blick posieren sie nachts auf der Bühne. Mit zerzauster Perücke und verrutschtem BH sitzen sie frühmorgens im Taxi. Mit nacktem Oberkörper stehen sie im Badezimmer, die Locken abgelegt, die Glitzerkleider ausgezogen, den dichtbehaarten Arm vor der fehlenden Brust. Und doch ist die Illusion noch fast perfekt. Wie schön sie aussehen, diese Frauen, die „eigentlich“ Männer sind.

Nan Goldins Fotografien von Drag Queens feiern diese erhabene, bedrohte, aggressive, zerbrechliche Erotik auf eine gar nicht grelle, sondern zarte und liebevolle Weise. Man steht noch im ersten Raum der Ausstellung und möchte entweder bleiben oder sofort wieder nach Hause gehen, denn diese wenigen Bilder erzählen schon so viel über Illusion, Sehnsucht und Wahrhaftigkeit, dass es für das Nachdenken an einem Nachmittag reichen würde. Aber es sind ja noch diverse Räume zu bewältigen in der Hypo-Kunsthalle München. „Inszeniert! Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst“ zeigt fast 90 Werke von mehr als 20 zeitgenössischen Künstlern aus der Münchner Sammlung Goetz.

Mehr als erwartbar, dass der Besucher an der Schwelle schon von Shakespeare abgeholt wird, klar doch: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler“. Doch der alte Dramatiker, selbst ein Liebhaber des geschlechtlichen Rollenspiels, wird von Goldin ja gleich dankenswert subversiv in die Sphäre der bildenden Kunst übersetzt. Zwei Jahre lang hatte die Fotografin selbst mit einer Drag Queen zusammengelebt, die Faszination blieb – für eine Welt des Dazwischen, in der die Verwandlung Teil der Existenz ist und der Schein vielleicht das eigentliche Sein.

Wer sowas durchzieht, lebt gefährlich – weil er selbst Konventionen gefährdet, weil er Rollenbilder durch seinen bloßen Auftritt radikal in Frage stellt. Jürgen Klauke wird das ein paar Meter weiter in einem grotesken Spiel am eigenen Leib konzeptuell durchexerzieren. Und Cindy Sherman geht den Sachwaltern der Geschlechterklischees an die Wäsche. In ihren „Fashion“-Fotos – etwa für ein Modelabel – inszeniert die Künstlerin sich mit Augenringen, Piercings und Tattoos, auf den Boden gesunken, den Finger wie eine Pistole auf die eigene Schläfe gerichtet: „Es ekelt mich, was Leute alles unternehmen, um gut auszusehen, ich bin vielmehr von der anderen Seite fasziniert“, sagte Sherman einmal dazu.

Die andere Seite der Normalität, die Außenseiter beschäftigen auch Ulrike Ottinger, die ihren androgynen Helden im Film „Freak Orlando“ durch die Zeiten wandeln lässt. Auch auf Fotos an der Wand treten die „Freaks“ auf, siamesische Zwillinge und Kleinwüchsige, die sich wie „Fräulein Mausi und Paulchen“ ausstellen oder ausstellen lassen.

Wie gesagt: All das wäre schon heterogen genug und abendfüllend auszudiskutieren, doch diese Ausstellung scheint wild entschlossen, das ganze weite Feld der Bühne abzuschreiten. Da wären jene, die die Kunst selbst zur (megalo-)manischen Multimedia-Oper ausbauen, wie Groß-Inszenator Matthew Barney, der mit dem „Cremator Cycle“ natürlich einen eigenen Raum beansprucht. Oder, im wahrsten Sinne zugänglicher, charmanter, pointierter: das Künstler-Duo Cardiff & Miller, das den Zuschauer ohne groß zu fragen zum Mitspieler macht. Wer in der Holz-Box „The Paradise Institute“ Platz nimmt, schaut vom Kinosessel hinab auf ein nachgebautes Mini-Kino, während sich im Kopfhörer das Geschehen auf der kleinen Leinwand mit den Nebengeräuschen einer Kino-Situation verschränkt. Im „Playhouse“ findet man sich allein in der Opern-Loge wieder und wird von einer unsichtbaren, flüsternden Sitznachbarin zum Komplizen eines Komplotts gemacht! Laurie Simmons Puppen stoßen uns nochmal drauf: Welch Illusion zu glauben, wir hätten unsere Rolle alleine in der Hand.

Nur die Illusion der Bühne schenkt uns die Freiheit der Verwandlung. Als Hommagen an diesen Freiraum kann man Candida Höfers Fotografien menschenleerer Theaterhäuser lesen oder Hiroshi Sugimotos Aufnahmen alter Lichtspiel-Orte mit geisterhaft weiß leuchtenden, weil langzeitbelichteten Leinwänden. Shao Yinong und Mu Chen dokumentieren die in der Kulturrevolution errichteten Versammlungsräume in China – wo einst die Propaganda tobte, ruht still ein kleiner Altar. Stan Douglas dokumentiert melancholisch den Verfall der Industriestadt Detroit – unter der einst prachtvollen Decke des Michigan Theatre parken die Autos.

Doch die findige menschliche Fantasie braucht ja nicht viel, um die Traumfabrik anzuwerfen, wie Hans-Peter Feldmann mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln zeigt. Auf einer Holzplatte dreht sich allerhand Trödel und Tand. Lampen malen deren Schatten an die Wand, verleihen ihnen Bedeutung, machen sie größer, als sie wirklich sind. Und plötzlich haben diese billigen Nippes-Figuren etwas zu erzählen – denn vielleicht liegt ihre Wahrheit ja doch: in den Schattenbildern an der Wand.

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23.08.2016, 06:00 Uhr
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