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Zeit-Zeugen

Ins gleiche Horn blasen

Im Oktober 1969 erschien Paul Horn auf dem Gewerbeamt der Gemeinde Gomaringen und meldete die Gründung eines neuen Betriebes zur „Herstellung von Hartmetallwerkzeugen“ an. Sein Sohn Lothar Horn ging damals noch zur Schule, es war kurz vor seinem 12. Geburtstag. Das Büro war gleichzeitig sein Kinderzimmer.

07.10.2019

Von TEXT: Simone Maier|FOTOS: HORN/Sauermann

Einer der wenigen Zeitzeugen aus den Anfangsjahren des Unternehmens ist Rudolf Nagel, der 1971 bei Horn anfing. Anfangs betrieb die Firma ausschließlich Lohnfertigung. Doch 1972 kam die erste Eigenentwicklung auf den Markt: die Wendeschneidplatte Typ 312. Das eigene Produktportfolio war geboren. „Ich erinnere mich noch, wie ich vor Aufregung zitterte, als ein bekannter Traditionshersteller von Elektrowerkzeugen aus Schwäbisch Gmünd auf einen Schlag 100 Wendeschneidplatten bestellte. Das war ein absoluter Großauftrag. Herr Horn reagierte euphorisch: ´Herr Nagel, das ist der Anfang und bald werden Sie sich vor Aufträgen kaum mehr retten können.` Ich war skeptisch, aber rückblickend gestehe ich gerne: Paul Horn hatte recht“, so Rudolf Nagel. So kam quasi mit der Wendeschneidplatte die Wende und bald wurden die großen deutschen Automobilhersteller aufmerksam auf das kleine, schwäbische Unternehmen. Allen voran avancierte Daimler-Benz in den 1970er-Jahren zum wichtigsten Kunden des Unternehmens. Der wirtschaftliche Erfolg, den Paul Horn mit seiner Firma bereits im ersten Jahrzehnt nach der Gründung verzeichnete, stand im sichtbaren Gegensatz zur Schlichtheit der Geschäftsräume. Hinzu kam noch, dass die „Verwaltung“ im Wohnhaus der Familie Horn in Waiblingen mehr als 60 Kilometer von der „Fertigung“ in der Garage in Gomaringen entfernt war. So kam es dann auch, dass die Firma am Anfang sozusagen aus dem Kinderzimmer von Lothar Horn heraus geführt wurde. Diese Situation war nur deshalb erträglich, da Paul Horn viele Kundenbesuche machte. Eine Verbesserung ergab sich allerdings, als die Familie nach Kressbach zog. Dann wurden aus sechs Quadratmetern Bürofläche 60, was auch dringend nötig war. Die Hartnäckigkeit in geschäftlichen Dingen verband sich bei Paul Horn mit Menschlichkeit und Nähe zur Belegschaft. Er zeigte bei seinen häufigen Rundgängen durch den Betrieb echtes Interesse für die Sorgen und Nöte seiner Leute und war bereit, im Einzelfall auch unbürokratisch zu helfen. Sein soziales Unternehmertum und nicht zuletzt seine Kommunikationsstärke haben über die Jahre das gute Verhältnis zu seiner Belegschaft wachsen lassen.

Paul Horn begann seine unternehmerische Karriere erst kurz vor seinem 50. Geburtstag.

Von der Garagenfirma zum Technologieführer – diese Entwicklung barg Herausforderungen. So stand das Unternehmen in den 1980er-Jahren vor allem vor der Aufgabe, Strukturen zu schaffen. Horn hatte damals bereits mehr als 60 Beschäftigte und erzielte Jahresumsätze zwischen acht und neun Millionen Euro. Verwaltung und Fertigung waren zu weit voneinander entfernt. Deshalb unterschrieb die Geschäftsleitung 1981 den Kaufvertrag für ein größeres Gelände am Steinlachwasen in Tübingen. Nach acht Jahren musste zum ersten Mal angebaut werden. So entstand der erste Bauabschnitt am heutigen Firmensitz „Unter dem Holz“, heute Horn-Straße, der 1991 bezogen wurde. Im selben Jahr trat auch Lothar Horn, damals 34 Jahre alt, in die väterliche Firma ein. Denn Paul Horn, inzwischen 70 Jahre alt, kam zwar immer noch fast täglich in den Betrieb, doch war auch ihm klar, dass bei mehr als 200 Beschäftigten eine Zukunftsstrategie her musste. Mit Lothar Horn kam ein studierter Betriebswirt, der aus seiner Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung Kenntnisse in IT und Fertigungssteuerung mitbrachte. Frischer Wind kam ins Unternehmen. Was dann auch prompt zur Folge hatte, dass 1992 die Horn Hartstoffe GmbH gegründet wurde, die als Tochterunternehmen Hartmetallrohlinge in Eigenregie herstellte. Eine weitere Entscheidung wurde in den frühen 1990er-Jahren auf Anregung des neuen Junior-Chefs getroffen: Das Unternehmen beendete die bisherige Zusammenarbeit mit freien Handelsvertretern und baute stattdessen eine eigene Vertriebsorganisation auf. Ein deutlicher Wachstumsschub erfolgte zwischen 1992 und 2002, als die Jahresumsätze von 33,7 Millionen D-Mark auf 58,6 Millionen Euro anstiegen. Bald gab es Horn France, Horn UK, es ging in die USA und nach Ungarn. Auch der Firmensitz in Tübingen platzte immer mehr aus allen Nähten. Erweiterungsbauten kamen 1999 und 2008 hinzu. 2007 war Horn dann in Tübingen in aller Munde, da die bisherige TÜ-Arena in Paul Horn-Arena umbenannt wurde. Die Firma hatte einen hohen Betrag für den Betrieb der Halle gespendet.

Auch die Rohlingsfertigung bei Paul Horn besitzt einen Maschinenpark, der sich auf dem neuesten Stand der Technik befindet.

2009 machte jedoch die weltweite Wirtschaftskrise auch vor Tübingen nicht halt und so traf es Horn mit einem Umsatz- und Auftragsrückgang von rund 37 Prozent zum Vorjahr hart. In dieser schwierigen Zeit entschied sich Horn, den schon länger geplanten Greenline-Prozess einzuführen. Damit garantiert das Unternehmen dem Kunden, geringe Stückzahlen eines bestimmten Sonderwerkzeug binnen fünf Tagen nach Zeichnungsfreigabe auszuliefern. So hatte Horn ein Ass im Ärmel, das dem Vertrieb während der Krise half, wichtige Aufträge zu sichern. Seitdem befindet sich das Unternehmen im Aufwärtstrend. Die weiteren Expansionen nach China, Schweden, Mexiko und Russland sowie der Ausbau des Standorts Tübingen sind Indiz dafür. Erst 2016 hat das Unternehmen seine Produktionsflächen um 12 000 Quadratmeter erweitert.

Der 34-jährige Markus Horn, Enkel des Firmengründers und Sohn von Lothar Horn, trat Anfang 2017 ins Unternehmen ein. Mittlerweile verantwortet er neben der IT auch die Themen Vertrieb und Verwaltung und ist seit 2018 Geschäftsführer. Wie sein Vater, sammelte auch er zunächst Erfahrung außerhalb des eigenen Unternehmens. Auch das große Thema Digitalisierung ist in seinem Verantwortungsbereich verankert. „Wir realisieren ein Projekt nach dem anderen, immer mit dem großen Ziel vor Augen, die gesamte Prozesskette vom Kunden über die Produktion bis zurück zum Kunden digital abbilden zu können. Wie in einem Puzzle wird so Stück für Stück ein Bild einer digitalen Fabrik entstehen.“ Auch er möchte an den bisherigen Erfolgsfaktoren festhalten: der hohen Fertigungstiefe, der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern, dem Fokus auf technologischer Innovation sowie dem Bekenntnis zu weltweitem Wachstum. „Ich bin überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte des Unternehmens unter der Leitung meines Sohnes Markus weitergeht – mit gleichen Grundwerten, aber auch mit neuen Ansätzen“, so Lothar Horn.

Paul Horn HmbH

Mit fast 1000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 197 Millionen 2018 ist die Paul Horn GmbH heute der größte industrielle Arbeitgeber in Tübingen. Weltweit arbeiten über 1500 Menschen in der HORN-Gruppe. Doch wie bei so manchen berühmten Erfolgsgeschichten begann auch die Geschichte von HORN ganz bescheiden in einer Garage.

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Erstellt:
7. Oktober 2019, 08:33 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2019, 08:33 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2019, 08:33 Uhr

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