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Bauausstellung

Innen kleiner, draußen attraktiver

Beim IBA-Forum in Kornwestheim sagen interessierte Laien, wie sie sich das Wohnen der Zukunft vorstellen. Wenn die Quadratmeterzahl sinkt, wird das Umfeld wichtiger.

25.05.2019

Von TILMAN BAUR

Eine attraktives Quartier wie am Marienplatz soll den Verlust an Wohnungsgröße wett machen. Foto: Ferdinando Iannone

Muss es Besorgnis erregen, wenn das Laienpublikum die pointiertesten Beiträge zu einer Diskussion der Internationalen Bauausstellung Stadtregion-Stuttgart 2027 (IBA) liefert? Die Verantwortlichen würden die Frage verneinen. Im Gegenteil: die dritte große IBA-Veranstaltung war am Donnerstagabend in Kornwestheim ein öffentliches Plenum. Das Motto „Wohnen neu denken“ ließ auf Großes hoffen.

Das sogenannte Fishbowl-Format bezog das Publikum mit ein, jeder konnte sich zu Wort melden und kam auch fast immer zum Zug. Die Aufgabe, kreative Einfälle zu entwickeln, delegierte man sozusagen ans Publikum, das, wie eine Umfrage per Handzeichen ergab, zum Großteil aus architektonischen Laien bestand.

Die Herangehensweise hatte aber zur Folge, dass die geballte personelle Fachkompetenz auf dem Podium, darunter IBA-Intendant Andreas Hofer und zwei Kuratoriumsmitglieder, eher als Stichwortgeber fungierte. Ein solches Stichwort lieferte Frank Peter Unterreiner.

Der Herausgeber des Stuttgarter Immobilienbriefs plädierte dafür, gegen den Wohnraummangel alle Optionen zu ziehen: höher müsse man bauen, auf der grünen Wiese, vor allem müssten auch kleinere Wohnungen her. Die Forderung stieß auf offene Ohren. Schließlich würden in Stuttgart mehr als 50 Prozent aller Haushalte von nur einer Person bewohnt, betonte Moderatorin und Architekturkritikerin Amber Sayah.

42 Quadratmeter hat eine Person in Baden-Württemberg derzeit im Durchschnitt zur Verfügung. Zu viel, so der Konsens. Die Qualität des Wohnens werde sich künftig nicht mehr über die Größe der Wohnung, sondern über die Einbindung in ein attraktives Umfeld definieren. „Downsizing“ lautet das Stichwort.

Man müsse Anreize schaffen, dass Menschen in kleinere Wohnungen ziehen, forderte jemand. Ein Mann im Publikum berichtete über einen Freund, der sich eine Wohnung in Paris gekauft hat: 250 000 Euro habe diese gekostet – für 23 Quadratmeter. „Aber ich lebe dafür eben in Paris“, habe der Freund erklärt. Viele Teilnehmer äußerten ähnliche Bedürfnisse, forderten öffentliche Plätze mit Aufenthaltsqualität, weniger Konsumtempel, weniger Straßen, weniger Autos.

„Stuttgart braucht eine Mediterranisierung“, sagte die aus Madrid stammende IBA-Projektleiterin Raquel Jaureguízar und beschwor das Potenzial der markanten Innenhöfe, die man in den Innenstadtquartieren oft vorfindet. Andreas Hofer forderte, man solle vom „stereotypen Wohnraumversorgungsdenken“ wegkommen.

Veränderung werde beim Wohnen normaler, das Haus als „Endziel“ sei ein Auslaufmodell, stellte der Intendant fest. Bereits 1927 formulierte Anforderungen ans Wohnen stellten sich in dem Zusammenhang als aktueller denn je dar. Damals sagte der Architekt Ludwig Hilberseimer: „Eine Wohnung soll unter geringstem Platzaufwand ein bequemes, praktisches, allen Bedürfnissen entsprechendes Wohnen ermöglichen.“ Die Zeitschrift Wohnkultur verglich 1926 die moderne Wohnung mit einem Reisekoffer, in dem „jeder Kubikzentimeter Platz ausgenutzt werden muss“.

Flexiblere Strukturen hält Heidi Pretterhofer für zukunftsträchtig. Die Trennung von Arbeit, Wohnen und Freizeit habe ausgedient, zumal die Gesellschaft von brüchigen Biografien und Migration geprägt sei, so die Wiener Wohnbau-Professorin, die dem IBA-Kuratorium angehört.

Passend zur Downsizing-Debatte warb eine Frau aus Botnang für das Wohnprojekt „Kesselhof“, in dem sich die Bewohner den Großteil der Fläche teilen und jeder nur ein Zimmer für sich hat. Es gebe eine „tiefe Sehnsucht nach Gemeinschaft“, die derzeitige Wohnformen nicht befriedigen könnten, fand sie. Die Region Stuttgart hat eine tiefe Sehnsucht nach wegweisenden Bau- und Wohnformen – das Plenum in Kornwestheim konnte diese nur ansatzweise stillen.

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Erstellt:
25. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2019, 06:00 Uhr

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