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Schön und schräg mit Säge

Ina Z. und Mister Gray gastierten im Club Voltaire

Holla, was sich alles aus einem lauschigen Abend mit Tetrapack-Wein entwickeln kann! Das ungleiche Duo Ina Z. und Mister Gray sang sich einen Abend über die Bühne im gestopft vollen Club Voltaire.

21.01.2013

Von Fabian Ziehe

Tübingen. Ordentlich die Fliege, galant der Anzug, gewienert die Schuhe: ein Vorzeige-Kanadier ist dieser Mister Gray! Er hat was Anständiges gelernt: Cello. Das macht ihn sexy. Und sie, jene Ina Z.? „Habt ihr jemals einen Kleidercontainer von innen gesehen?“ – pfui, Mr. Gray, so beschreibt man die Klamotten von keiner, wenn sie auch aus Kleinburgwedel kommt. Zumal: Sie spielt Akkordeon, sie singt. Und sägt, dazu später mehr.

Zunächst die Szenerie: Freitag im Club Voltaire. Der Raum ist voll, 80 Besucher sind gekommen. Es hätten mehr sein können, aber das Veranstalter-Team vom Fairen Kaufladen musste irgendwann einmal stopp sagen. Ina Z. hat sich in den zehn Jahren, die sie nun im Schwäbischen lebt (derzeit in Kusterdingen), einen Namen als Liedermacherin, Kleinkünstlerin und Clownin erarbeitet. Jonathan Gray kennt man von Heiner Kondschaks Randgruppen-Combo.

Soviel zur musikalischen Verortung – wie klingt das also? Nun, nicht so barock, wie Mr. Gray anfangs seinen Bach spielte. Nein, mit Ina Z. und seinem Akkordeon kam da Blues mit rein, eine Note Tango, Dinge wie Klezmer, Musette, Chanson. Mr. Gray konnte da mitgehen, streichen, zupfen, schlagen, oft im Stil eines Fiddlers, aber auf dem Cello eben, nicht der Geige. Sein Cello durfte alles, auch seufzen, jaulen und frohlocken.

Das Leben als des Rätsels Lösung

Diese Musik lässt sich in der Liedermacher-Ecke verorten. Zumal die beiden etwas zu singen haben. Ina Z. beschreibt etwa in „Erster Fluchtversuch“ das Ausbrechen aus dem Bett des Liebhabers, um diesem „dicke, schwarze Kirschen“ zu holen. Welches Ziel dieser Fluchtversuch auch hat, Ina Z. besingt ihn leidenschaftlich, verrucht mit angerauter, brustiger Stimme. Mr. Gray malt einen lyrischen Ton dazu.

Auch Nachdenkliches spielten die zwei, „Land unter“ etwa, ein Lied im schweren Dreier-Takt. Es war ein Song, der erklingt, wenn dich der Alltags-Blues übermannt hat. Auch im Wortsinn gab?s „Nachdenkliches“: Mit einem Lied, das ein kleines Rätsel formulierte, verabschiedete sich das Duo in die Pause – Diskussionsstoff für die Raucherecke, für die Schlange vorm Klo und vorm Tresen. Die Auflösung („das Leben!“) gab es erst zu Beginn des zweiten Konzertblocks.

Rund um ihre Songs stricken die beiden eine lose Erzählung: Er kam bei ihr vorbei mit einem Discounter-Tetrapack-Wein, dann saß man da, plauderte, sang, grillte im Regen – was man eben so an einem Abend treiben kann und woraus man am Ende ein Programm strickt. Da ging es auch um die Unterschiede zwischen Deutschen und Kanadiern – breittreten wollte sie gottlob keiner.

Lieber holte Mr. Gray die alte Klampfe hervor und spielte sein Lieblingslied von Neil Young, „Harvest Moon“. Hinten an der Theke summte man mit. „Wenn man mit Musik Geld verdienen will, muss man die alten Lieder spielen – wenn man Glück hat die eigenen, meistens aber die von anderen“, stellte Ina Z. fest.

So gab?s manch hübsche Cover-Nummer mehr. Für eine Komposition von Charlie Chaplin kramte Mr. Gray eine kleine Trompete hervor – welch vielseitiger Musiker! In Erinnerung an „Randgruppen“-Konzerte gab es eine zauberhafte Nummer des ostdeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann. Und mit dem Element-of-Crime-Lied „An Land“ kann man eh nicht viel falsch machen. Besonders berührend war Ina Z.?s Version von Rio Reisers „Für immer und dich“.

Die schönen, alte Lieder – der anderen

Als Bonbon hatte sie ein neues Instrument dabei: Eine Säge brachte sie mit einem Bogen zum Singen. Damit begleitete sie ein „Lullaby“, und überließ es dem Publikum, ob es sich von der Performance amüsieren oder vom Lied einlullen lassen wollte. Das Publikum gab sich nicht mit einem Gute-Nacht-Lied zufrieden: Das Duo musste für Zugaben mehrfach zurück auf die Bühne. Einen frechen Hunde-Song, die „Ode an die Tresenkraft“, das kleine Lied „Still“ – so hätten sie noch lange weiterspielen können.

In Verschiedenheit einander zugeneigt: Das Duo Ina Z. und Mister Gray musizierte im Club Voltaire. Bild: Ziehe

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Erstellt:
21. Januar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2013, 12:00 Uhr

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