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Schauspiel

„In mir ist alles voller Scherben“

Ein Drama über Liebe und Politik: „Last Park Standing“ im Stuttgarter Kammertheater.

02.11.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Josephine Köhler (r) und Anne-Marie Lux in „Last Park Standing“. Foto: Tom Weller

Stuttgart. Die Welt ist ein globales Dorf. Wir sehen – verbunden miteinander – zwei kleine Wohnungen hinter Glas. Die eine in Istanbul, die andere in Berlin. Dahinter blicken wir auf eine Grünzone. Es ist jener Park, dessen Name kein einziges Mal fällt und der doch sämtlichen Zuschauern bekannt ist. Wie wäre es, fragt die türkische Autorin in ihrem auf Stuttgart bezogenen Textvorspann, wenn alle, die das Wort Rosensteinpark aussprechen und über den Schwarzen Donnerstag reden, zu Terroristen erklärt werden?

Das Stück „Last Park Standing“ von Ebru Nihan Celkan, kürzlich Stipendiatin am Schloss Solitude, ist eine Reise durch Zeit und Raum. Es erzählt von Umut und Janina, von zwei jungen Frauen und ihrer Liebe, die während der Gezi-Park-Proteste 2013 begann und mit den Jahren in eine Krise gerät. Am Donnerstag war im Kammertheater die deutschsprachige Erstaufführung zu sehen.

Im ständigen Hin und Her zwischen Istanbul und Berlin, zwischen der Anwaltsanwärterin Umut und der Astrophysikerin Janina entwickelt die Autorin die Geschichte dieser Liebe: im Pendeltakt zwischen Taksim und Wannsee und vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung in der Türkei. Die Jahre bis heute werden in Rück- und Vorblenden immer wieder neu beleuchtet. So entsteht ein Protokoll-Puzzle, eine Collage aus Gefühlen, Gerüchen und Erinnerungen, aus Wahlen, Verhaftungen und Polizeigewalt.

Regisseur Nuran David Calis verstärkt den multimedialen Ansatz der Autorin noch, setzt neben Textmessages auch Videosequenzen ein – spiegelt so die Praxis online vernetzter Oppositionsbewegungen. So erzeugt er eine flirrende Atmosphäre – im Spannungsfeld zwischen politisch und privat, zwischen Widerstand und der Suche nach Glück. Es ist die alte Frage: Gibt es ein richtiges Leben im falschen?

Den drei Darstellern – Josephine Köhler (Umut), Anne-Marie Lux (Janina) und Valentin Richter (Ahmet/Deniz) – gelingt es, emotional bedrängend die fatalen Folgen einer Atmosphäre der Angst zu zeigen. Gut, im Zauberlicht der Liebe schwingt verklärende Revolutionsromantik auch noch mit. Doch die Regie vermeidet Melodramatik. Zeigt eher, wie die Verhältnisse Druck ausüben. „In mir ist alles voller Scherben“, sagt Umut. Janina will, dass Umut zu ihr nach Berlin zieht.

Alles kreist um ein Dilemma, an dem Umut fast zerbricht: Ist es richtig, den Kampf vor Ort aufzugeben, die gefährdeten Freunde zu verlassen – und stattdessen nur noch in der Ferne das Glück zu zweit zu leben? Fazit: Theater über Liebe und Politik, stark gespielt, präzise inszeniert. Otto Paul Burkhardt

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Erstellt:
2. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. November 2019, 06:00 Uhr

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