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Staatsgalerie Stuttgart präsentiert ihre große Schau zu Giorgio de Chirico

In einer anderen Dimension

Die "Magie der Moderne" vermittelt die große Sonderausstellung, die jetzt in der Staatsgalerie Stuttgart eröffnet. Versammelt sind rund hundert Werke von Giorgio de Chirico und jenen, die ihm folgten.

18.03.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Stuttgart. "Ich würde vorschlagen: Vergessen Sie den Begriff und sehen Sie sich die Bilder an!", ruft der Kurator Gerd Roos in leichter Verzweiflung: "Das ist der unglücklichste Ausdruck, der je für eine Kunstrichtung gefunden wurde!" Denn da hat ihn schon wieder jemand gefragt, was das eigentlich sei, die "metaphysische Malerei" des Giorgio de Chirico (1888-1978).

Und Roos hat ja recht: In der Staatsgalerie Stuttgart löst sich der verwirrend philosophische Begriff wirklich in Bilder auf. In eine Welt aus rätselhaften Ding-Chiffren in mysteriösen Räumen, in einen Kosmos, in dem die Gegenstände in eine neue Dimension kippen, in dem ein Bild im Bild realer sein kann als der architektonische Raum außenherum.

"Magie der Moderne" nennt die Staatsgalerie das, was sich da in ihrer großen Sonderausstellung mit Hilfe zahlreicher wichtiger Leihgaben entfaltet: jene entscheidende Phase im Werk von Giorgio de Chirico zwischen 1915 und 1918, als er im italienischen Ferrara eine Bildsprache entwickelte, die für die Künstler des Surrealismus, der Neuen Sachlichkeit und des Dada prägend werden sollte. Mit "Metaphysisches Interieur mit großer Fabrik" besitzt die Staatsgalerie selbst ein bedeutendes Werk der Zeit.

Was Picasso für die Gestalt, Kandinsky für die Abstraktion und Duchamp fürs Konzept in der Moderne bedeutet haben, das sei de Chirico für den Traum und die Fantasie, sagt Roos. Vermittelt über Briefe, Abbildungen und Publikationsorgane wie "Valore Plastici" seien seine Bildideen quasi "in Echtzeit" von anderen verarbeitet worden. Deshalb stehen in dieser sorgfältig kuratierten Schau neben bedeutenden Werken von de Chirico und Kollege Carlo Carrà auch Werke von Magritte, Dalí, Max Ernst und George Grosz, Alexander Kanoldt und Kurt Schwitters, die seine Bildelemente ganz konkret aufnehmen.

Im Jahr 1909 kommt der in Griechenland geborene Giorgio de Chirico mit Bruder Alberto - der sich ab 1914 Savinio nennt - nach Italien; im Kunststudium in München hat er sich mit Arnold Böcklin und Max Klinger beschäftigt, jetzt lesen die jungen Männer Schopenhauer und Nietzsche. Als de Chirico in Turin zum Militär eingezogen wird, desertiert er und geht nach Paris, doch mit Eintritt Italiens in den Krieg und einer Amnestie für Deserteure melden sich Giorgio und sein Bruder zum Militärdienst und werden ins beschauliche Ferrara abgestellt, wo sie Filippo de Pisis und Carlo Carrà kennenlernen.

Reale Eindrücke aus Ferrara tauchen schon auf den ersten Bildern hier auf - etwa das Castello Estense im Hintergrund der "Pläne eines jungen Mädchens", das x-förmige Ferrareser Brot steht wie ein fremdartiges Wesen in "Die Sprache eines Kindes". Wie de Chirico mit der geläufigen Ikonografie spielt, demonstriert Kurator Roos an einem komplexen Werk wie "Der Traum des Tobias", in dem das Wort "AIDELE" laut Roos programmatisch auf das "Unsichtbare" verweise, das im Gemälde zur Sichtbarkeit kommen soll. Das Gerät, auf dem der Schriftzug steht, bilde wahrscheinlich ein altertümliches Modell zur Messung des Blutdrucks ab, das de Chirico in Ferrara gesehen haben mag. In diese Konstellation gebracht, weist es über sich hinaus, mutet an wie ein antikes Monument. Auf den Bildern im Bild daneben wird die biblische Geschichte des Tobias aufgenommen, doch der (gegrillte?) Fisch könnte sogar autobiografisch für eine verhinderte Heirat des Künstlers stehen. Auch die französischen und italienischen Nationalfarben finden sich - ohne die allerorten präsente Bedrohung durch den Krieg sind die Bilder mit ihren unheimlichen Schlagschatten nicht denkbar.

Auch und vor allem nicht jenes Gemälde, das als Ikone neben den Schlusssteinen "Der große Metaphysiker" und "Die beunruhigenden Musen" unvermittelt menschlich wirkt. Zwar sind auch "Hektor und Andromache" gesichtslose Gliederpuppen in einem jener abstrakten Bühnenräume, die de Chirico so gerne baut. Aber sie neigen ihre Köpfe zärtlich einander zu. Giorgio de Chirico hat den Krieg nicht unmittelbar dargestellt, doch in diesem Gemälde verbinden sich die antiken Helden mit dem Entstehungsjahr 1917. Viele Soldaten ließen sich in dieser Haltung, solche Holzstützen hinter dem Kopf, mit ihren Verlobten fotografieren, bevor sie in die Schlacht mussten. Ein Bild des Abschieds, in dem sich Menschheitsepochen überlagern - das ist sie, die Magie der Malerei.

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18.03.2016, 08:30 Uhr
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