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In einer Trabantensiedlung, nicht auf dem Land, holte die AfD ihre meisten Stimmen
Blick über Kiebingen auf das Kreuzerfeld. Nicht auf dem Dorf, sondern in städtischer Umgebung holte die AfD ihre meisten Stimmen. Bild: Sommer
Rottenburg: Abgehängt im Kreuzerfeld

In einer Trabantensiedlung, nicht auf dem Land, holte die AfD ihre meisten Stimmen

Es gibt Orte im Kreis Tübingen, in denen sich ein Rechtsruck bei Wahlen besonders deutlich abzeichnet. Der Rottenburger Stadtteil Kreuzerfeld gehörte bisher nicht dazu. Diesmal aber holte die AfD dort die höchsten Stimmanteile – 21,4 und 18,2 Prozent. Eine Ursachen-Suche.

15.03.2016
  • Ulrich Eisele

Rottenburg.Nichts deutet am Tag eins nach der Wahl im Kreuzerfeld noch auf den Wahlerfolg der AfD hin. Alle Wahlplakate – sofern welche hingen – wurden über Nacht entfernt. Nur ein armseliger Fetzen mit den Buchstaben „...ylflut ...oppen!“ hängt noch an einem Laternenmasten an der Schadenweilerstraße. Der Versuch, mit Bewohnern des Viertels beim Discounter, dem einzigen Treffpunkt ins Gespräch zu kommen, misslingt. „Muss schnell mein Kind im Kindergarten abholen“, sagt eine junge Frau in Eile.

Jeweils 35,3 und 43,7 Prozent der Stimmen holte Lisa Federle bei der Landtagswahl 2011 für die CDU in den beiden Kreuzerfeld-Stimmbezirken. 22,6 und 21,3 Prozent entfielen auf die SPD, 25,7 und 24,2 Prozent auf die Grünen. Die Linke wäre mit ihrem damaligen Ergebnis in den Landtag gekommen. Die „Republikaner“ und die NPD blieben marginal, zusammen erhielten sie nur 2,6 Prozent im Bezirk 1, im Bezirk2 sogar nur 0,6 Prozent aller Stimmen.

Umso erstaunlicher das Ergebnis für die AfD. Und dies, obwohl Landtagskandidat Markus Rölle nach unseren Recherchen im Kreuzerfeld keinerlei Anstrengungen unternahm. Gesehen wurde er jedenfalls von keinem der Mitbewerber, die wir fragten. Ihn selbst konnten wir nicht interviewen, da das Telefon aufgelegt wurde, als wir uns bei ihm mit „SCHWÄBISCHES TAGBLATT“ meldeten. In seinem Heimatort Hirrlingen, nebenbei, früher eine der „Republikaner“-Hochburgen im Kreis, holte Markus Rölle „nur“ 11,8 Prozent der Stimmen.

Etwas ratlos reagierte Oberbürgermeister Stephan Neher auf die Frage, wie er sich den AfD-Erfolg erkläre. Vage deutete er an, dass abseits des allgemeinen Trends – der Auseinandersetzung um die Flüchtlings-Frage – vielleicht die hohe Zahl der Spätaussiedler im Kreuzerfeld eine Rolle spielen könnte. Auch der geplante Bau von Sozialwohnungen auf den DHL-Gelände, so Neher, mache den Alteingesessenen möglicherweise Angst. „Erschreckend“ nannte Neher das Wahlergebnis und mutmaßte, den AfD-Wählern sei womöglich die Gefahren nicht bewusst, die sie mit ihrem Votum bewirken würden.

Schnelle Ergebnisse, doch die gibt es nicht

Etwas von der Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik hat der frühere SPD-Ortsvereinsvorsitzende Peter Schneider schon vor der Wahl bei Gängen durchs Kreuzerfeld aufgeschnappt. „Das sind ja hauptsächlich Leute, die zugezogen sind“, sagt er. Die „Flüchtlings-Frage“ habe eine große Rolle gespielt, nach seinen Beobachtungen hätten sich „die Leute aus dem Osten“ am schärfsten gegen weiteren Zuzug ausgesprochen. „Der Mensch will halt immer schnelle Ergebnisse“, meinte Schneider, aber die seien nicht zu haben.

„Wir haben hier sehr viel Russischstämmige und Türkischstämmige“, sagt Monica Battaglia. Die hätten sich eine Wohnung oder ein Häusle erarbeitet, blieben aber sonst unter sich. An Treffpunkten gebe es nur das Bäckerei-Café im Netto, sonst nichts. „Das habe ich auch dem Herr Neher schon bei einer Bürgerversammlung gesagt“ (siehe auch die Leserbrief-Seite).

Von „sozialer Spaltung“ spricht Emanuel Peter von der Linken. Die Bewohner seien ethnisch und sozial sehr unterschiedlich, Integrationsangebote gebe es keine. Hallenbad, Café oder Bürgertreff – alles was andere Rottenburger Teilorte haben – fehle im Kreuzerfeld. Und ab Spätnachmittag sei der zweitgrößte Rottenburger Stadtteil – nach Ergenzingen – vom Stadtverkehr abgehängt.

Gegen den Eindruck, vor allem Russischstämmige hätten AfD gewählt, sprach sich Valentina Gerasimov aus. Die Mitarbeiterin des Vereins Mokka, die auch beim russischen Kulturverein „Druzhba“ und der Singgruppe „Feuervogel“ aktiv ist, hat in ihrer Umgebung nichts dergleichen beobachtet. „Wir wären ja auch blöd“, sagt sie, „wenn wir die AfD wählen würden. Wir sind ja selbst Migranten. Von dort würde uns ja Gefahr drohen.“ Aber es gebe eine Gruppe Einwanderer aus Kasachstan, die sich sehr abschotte.

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15.03.2016, 01:00 Uhr
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