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In der Shedhalle beim Schlachthof haben sich 174 Flüchtlinge so gut es geht eingerichtet
Die jesidische Großfamilie Khdida aus dem Irak in ihrer Unterkunft in der Shedhalle. Oben auf dem Etagenbett sitzen (von links) Senin (drei Jahre), Solin (vier) , Jenneifr (sechs), Khola (zwei) und Nadima (elf). Unten auf dem Bett Kamel (16), Zaitron (24), Zahra (10), Goge Mirza (Mutter) und Mejo Khdida (Vater). Auf dem Boden Khairi (22) und Karim (15). Bild: Sommer
Am Abend gibt es Nachrichten aus Syrien

In der Shedhalle beim Schlachthof haben sich 174 Flüchtlinge so gut es geht eingerichtet

Seit Mitte Februar leben rund 170 Flüchtlinge in der Shedhalle beim Schlachthof. Inzwischen hat sich dort der Alltag eingespielt. Auch dank des Hausmeisters und eines großen Unterstützerkreises.

22.03.2016
  • SABINE LOHR

Kabine steht an Kabine, jede hat dünne Wände und einen Eingang aus beigem Stoff. Über den nach oben offenen Abteilen summen die dicken Lüftungs- und Heizungsrohre. Es riecht nach scharfen Gewürzen und gebratenem Fleisch. Auf den Fluren zwischen den Kabinen rennt hin und wieder ein Kind – ansonsten ist es ziemlich still. Viele der Bewohner sind unterwegs, kaufen Essen ein oder gehen spazieren, versuchen, sich irgendwie die Zeit zu vertreiben.

Besuch, der etwas wissen will, lockt die Bewohner aber an. Zunächst ist es nur eine kleine Gruppe Männer, die sich abseits hält und abwartet. Später füllen sich die Bierbänke und -tische hinterm Eingang mit Kindern und Frauen. Hausmeister Haissam Chaaban scherzt mit einigen Männern, beantwortet Fragen von Kindern und hilft auch mal beim Übersetzen, wenn Sozialarbeiterin Bettina Reyes Tinoco mit Fragen überschüttet wird. Der Libanese, der „schon ewig“ in Deutschland lebt, unterhält sich mit den Bewohnern auf arabisch und schaut, dass in der Halle alles reibungslos läuft. „Das hier ist die afghanische Abteilung“, sagt er über den Platz mit den Biergarnituren am Eingang. „Da sitzen abends viele zusammen und schauen fern.“ Zwei weitere solche „Abteilungen“ gibt es in der Mitte und am Ende der Halle. Auf dem Fernseher in der Mitte läuft abends nur Al Jazeera, der arabische Nachrichtensender. „Die Leute wollen unbedingt wissen, was zuhause los ist“, sagt Chaaban. Die Bierbänke im hinteren Hallenteil gehören den Kindern. „Da läuft dann Super RTL und so was“, sagt Chaaban. Und dass es niemanden stört, wenn die Kinder laut sind. „Das dürfen die. Die haben eine dramatische Zeit hinter sich. Sie sollen hier einfach Kind sein dürfen, spielen, rennen und laut sein.“

Größere Streitereien zwischen den Bewohnern habe es bisher in der Halle nicht gegeben. „Klar gibt es mal Zoff. Das ist ja logisch, wenn man so nah aufeinander hockt“, findet der Hausmeister. 174 Menschen aus drei Nationen leben in der Halle. 96 sind aus Syrien, 49 aus Afghanistan, 29 aus dem Irak. Fast alle sind Familien. Nur sechs alleinreisende junge Männer sind in der Halle. Sie wohnen zusammen in einer der Kabinen.

„Sauber ist es hier“, stellt Martina Guizetti, die Sprecherin des Landratsamts, fest. Chaaban erklärt, dass die Bewohner selber putzen. Acht Männer sind für das Innere der Halle zuständig, zwei weitere für die Sanitärräume der Männer, zwei Frauen für die der Frauen. Die Container dafür stehen außerhalb der Halle und sind mit ihr durch ein Dach verbunden. Container gibt es auch für Waschmaschinen und für die Küchen. Anders als in der Kreissporthalle, wo die Bewohner von einem Caterer versorgt werden, kochen die Flüchtlinge, die in der Shedhalle sind, selbst.

„Es ist gut hier“, sagt Khairi Khdida. Der 22-Jährige kam mit seiner großen Familie aus dem Irak her: Mutter, Vater, neun Geschwister. Sie sind durch die Türkei gereist, von dort mit einem Boot nach Griechenland und dann über zwei Wochen mit Autos, Bussen und zu Fuß die Balkanroute bis nach Deutschland. Khdida erzählt, dass sein Vater im Irak Landwirt war, dass er die Familie davon aber nicht habe ernähren können. Der älteste Sohn Khairi hat deshalb mit 15 Jahren die Schule verlassen und auf dem Bau als Schweißer gearbeitet. „Es ist schlimm im Irak“, sagt er. Und schlimm auch in der Türkei und in Griechenland, wo die Familie in großen Flüchtlingscamps gehaust hat. „Dort haben sie uns wie Flüchtlinge behandelt. Hier werden wir wie Menschen behandelt.“

Schade findet er nur, dass Besuch – neulich war die Tante da – nicht in der Halle übernachten darf. Alles andere gefällt ihm aber gut. Jetzt hofft er, dass die Familie bald anerkannt wird, eine Wohnung findet und er Deutsch lernen darf. „Mein Traum ist es, die Familie zusammenzuhalten. Und ich möchte der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben.“

Ganz große Pläne hat Farzaneh aus Afghanistan. Die 16-Jährige gehört ebenfalls zu einer großen Familie: Zehn Männer, Frauen, Kinder, die gemeinsam geflohen sind. „Hier fühlen wir uns sicher“, sagt sie. „Zuhause ist es viel, viel gefährlicher.“ Sie will hier auf die Schule gehen, das Abitur machen und Medizin studieren. „Ärztin will ich werden, anderen helfen“, sagt sie mit einem Lächeln.

Im Moment wartet sie aber darauf, dass Bettina Reyes Tinoco Zeit findet für sie. Das kann dauern, denn so viele Flüchtlinge haben Fragen an die Sozialarbeiterin. „Da geht es um Termine, um Formalien, um den Schulbesuch“, sagt sie Zur Zeit ist sie noch jeden Tag in der Shedhalle, demnächst will sie versuchen, mit Sprechzeiten im eigens für sie eingerichteten Büro klarzukommen.

Denn neben Reyes Tinoco gibt es viele Ehrenamtliche, die den Flüchtlingen helfen. „Rund 150 Leute sind im Unterstützerkreis“, sagt Monika Dirk. Ihre Aufgabe ist es, alle Angebote der Helfer zu koordinieren, womit sie gut beschäftigt ist. Zum Unterstützerkreis gehören die Kirchen, Nachbarn und auch Bürger, die weiter entfernt von der Shedhalle wohnen. Mit dabei ist auch Katharina Müller. Sie ist eine der Künstlerinnen des Kunstvereins. Der war bis zum Umbau in der Shedhalle. Jetzt engagieren sich einige der Künstler für die Flüchtlinge dort. Müller möchte ein Band-Projekt auf die Beine stellen, zusammen mit der Musikschule. Und sie will eine Fotogruppe gründen, die im August eine Ausstellung machen soll.

Viele der Helfer, sagt Dirk, seien Lehrer. Wer von ihnen bisher nicht Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hat, lernt es jetzt. Außerdem gibt es zwei „Kaffeetreffs“ zum Kennenlernen. Die Ehrenamtlichen planen, die Kinderbetreuung zu organisieren, die Jüngeren zur Schule zu begleiten, Veranstaltungen und Gruppen zu organisieren. Außerdem haben sie Patenschaften für die Flüchtlinge übernommen. Jeder Familie ist ein Helfer an die Seite gestellt – als Ansprechpartner, aber auch, um mit den Neuankömmlingen etwas zu unternehmen.

Auch sonst werden die Flüchtlinge in der Shedhalle gut versorgt. Viermal in der Woche kommt das Arztmobil. Kinder mit Bauchweh oder Schnupfen, Erwachsene mit Diabetes, einem verknacksten Knöchel oder mit Atemproblemen werden dann behandelt. „Da bildet sich immer schnell eine Schlange“, sagt Chaaban. Und zur Sicherheit der Bewohner sind Tag und Nacht jeweils zwei Wachleute vor oder auch in der Halle. Chaaban lobt sie in höchsten Tönen: „Die sind super. Und sehr, sehr nett. Die flechten den Mädchen sogar mal Zöpfe.“

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22.03.2016, 22:00 Uhr
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