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Behinderung

In der Rosenau isst das Auge nicht mit

Franziska Deufel kellnert in einem Dunkelrestaurant im Stuttgarter Westen. Dort vermittelt sie Sehenden, was es bedeutet, sich ohne Augenlicht zurechtzufinden. Seitdem sie 26 Jahre alt ist, ist sie blind.

28.01.2020

Von RAINER LANG

Franziska Deufel war 16, als ihre Augenkrankheit festgestellt wurde, zehn Jahre später war die heute 53-Jährige blind. Foto: Rainer Lang

Stuttgart. Ein paar Herausforderungen muss es für unsere Gäste ja geben“, antwortet Franziska Deufel auf die Frage, ob sie auch die Getränke am Tisch einschenkt. Das müssen die Besucher des Dunkelrestaurants in der Rosenau im Stuttgarter Westen selbst tun. Besonders schwierig werde es beim Spezi, meint Deufel, weil dieses Getränk am Tisch gemischt werden muss. „Ich rede den Leuten dann gut zu“, sagt sie. Die 53-Jährige bedient im Dunkelrestaurant.

Deufel, die bereits als Jugendliche völlig erblindet ist, weiß, wie schwierig es für Sehende ist, in völliger Dunkelheit zu speisen. Dabei müssen sie sich aufs Riechen, Hören und Tasten verlassen und auf die Hilfe des Personals. „Bei uns servieren nur blinde und sehbehinderte Menschen“, versichert Deufel. Für den Veranstalter ist die Sache deshalb nicht nur ein Event, sondern auch ein Projekt, das auf angenehme Art und Weise durch umgekehrte Rollen deutlich macht, wie es ist, ohne Augenlicht zu leben.

Dieser Aspekt reizt Deufel besonders: „Mir macht es sehr viel Freude, den Menschen zu vermitteln, was Blindheit bedeutet“, erklärt die Kellnerin, die deshalb ihre Gäste auch auffordert, Fragen zu stellen. „Die meisten wollen auch das eine oder andere wissen“, freut sie sich. „Blindsein bedeutet zweifelsfrei, von vielem ausgeschlossen zu sein. Es bedeutet allerdings nicht jeglichen Verlust von Lebensfreude“, heißt es auf der Homepage des für die Veranstaltung verantwortlichen Vereins „aus:sicht“.

Das ist auch im Gespräch mit Franziska Deufel zu spüren. Sie lebt in Bad Cannstatt. Zum Einkaufen nimmt sie die Hilfe eines sehenden Freundes in Anspruch. Das Kochen überlässt sie lieber ihrem ebenfalls blinden Partner. Sie kann sich mit dem Blindenstock im Alltag zurechtfinden. Doch bei dem Trubel in der Stadt müsse sie sich unheimlich konzentrieren.

Eine oft gestellte Frage sei, was schlimmer sei, blind geboren zu werden oder später zu erblinden. Das könne kein Betroffener beantworten, erzählt Deufel und zuckt dabei mit den Achseln. Sie selbst hat als junge Frau ihr Augenlicht verloren. Sie leidet an einem Gendefekt. Die degenerative Netzhauterkrankung hat mit 16 Jahren begonnen. „Zehn Jahre später war ich blind“, erinnert sie sich.

Nachdem die Stuttgarterin, die im Einzelhandel arbeitete, auch die Ziffern an der Waage nicht mehr lesen konnte, hat sie nach einer blindentechnischen Grundausbildung eine Umschulung zur Masseurin gemacht. Nach ihrem Praktikum im Bürgerhospital betrieb sie 15 Jahre lang eine eigene Praxis in Esslingen, musste aber ihren Beruf vor zehn Jahren wegen eines schweren Bandscheibenvorfalls aufgeben.

Trotz der Rückschläge hat die Frau ihre Lebensfreude nicht verloren. 2004 ist sie auf einen Aufruf des Vereins „aus:sicht“ gestoßen. Gesucht wurden Mitarbeiter für das Dunkelrestaurant. Zwei Wochen besuchte sie eine Schulung. „Da haben wir einen mit Wasser gefüllten Teller durch den Raum tragen müssen.“

Längst hat sie beim Bedienen Routine. Dafür ist zunächst ein Gefühl für den Raum nötig. „Weil ich früher gesehen habe, kann ich mir im Kopf eine Skizze zur Orientierung zurechtlegen“, erläutert sie.

Die Gäste führt sie an den Tisch und empfiehlt ihnen, erst einmal vorsichtig alles zu ertasten, damit sie nicht gleich ein Glas umwerfen. Bedient wird von rechts. Deufel fasst dabei mit der linken Hand die Gäste an der Schulter und stellt dann das Gericht auf den Teller auf dem Tisch. Besondere Konzentration erfordere es, dass bei Vegetariern oder Gästen mit Allergien keine Verwechslungen beim Servieren vorkommen, erklärt Deufel.

Im Februar ist das „Dinner in the Dark“ in der Rosenau ausgebucht, freie Termine gibt es noch im März, April und Mai. Foto: Rosenau

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Erstellt:
28. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2020, 06:00 Uhr

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