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Fachwerk bleibt unsichtbar

In der Reutlinger Innenstadt boomt das Geschäft mit Altbau-Sanierungen

Dank Zuschüssen und Abschreibe-Möglichkeiten ist die Sanierung von Altbauten auch in Reutlingen ein lukratives Geschäft. Immer mehr Investoren nutzen die Immobilien als Kapitalanlage.

06.11.2010

Von Matthias Reichert

Reutlingen. In der Metzgerstraße 24 wurde im September eines der ältesten Fachwerkgebäude Deutschlands abgerissen ? gebaut 1299, wie sich nachträglich herausstellte (wir berichteten). Zuvor hatte die Stadt jahrelang vergeblich versucht, den Eigentümer zum Erhalt des Gebäudes zu bewegen.

Kein Einzelfall ? aber dennoch boomt das Geschäft mit den Altbau-Sanierungen in der Reutlinger Innenstadt, wie die Stadtverwaltung jetzt auf einem Presserundgang zu belegen suchte.

Die Altstadt ist das größte Reutlinger Sanierungsgebiet (2006 fiel der Beschluss im Gemeinderat); weitere Sanierungsgebiete sind in der Tübinger Vorstadt und in den Zentren von Mittelstadt und Betzingen. Eines der ersten Sanierungsprojekte in der Innenstadt war das denkmalgeschützte Haus Deckerstraße 4. Es stand kurz vor dem Abriss, berichtet Bauträger Helmut Ruf von der Filderstädter Sanierungsfirma Viw ? das Problem war der marode Gewölbekeller. 1348 gebaut, gilt es als das zweitälteste Haus Reutlingens. 2007 bis 2009 wurde es nun im Kern saniert. Rufs Firma hat 1,2 Millionen Euro in das Gebäude investiert, ein Blockheizkraftwerk eingebaut, hat die entstandenen Wohnungen verkauft und dann deren Vermietung betreut. Anfangs, berichtet Ruf, seien die Kunden bei solchen Häusern immer skeptisch ? bis die Erfolge der Sanierung sichtbar werden.

„Wenn?s geht,

behalten Sie es?

Investoren haben in Sanierungsgebieten die Möglichkeiten zu steuerlichen Sonder-Abschreibungen. In Einzelfällen gibt es Zuschüsse: Insgesamt 19 Reutlinger Sanierungen werden mit 385 000 Euro öffentlich gefördert. Die Stadt trägt 40 Prozent der Zuschüsse, der Rest kommt von Land und Bund. In der Regel übernimmt die öffentliche Hand, laut Kämmerer Frank Pilz, in Reutlingen maximal zehn bis zwölf Prozent der Kosten bei Altbauten. Jeder Förder-Euro löse mehr als acht Euro Folgeinvestitionen aus. Voraussetzung für die Förderung: Die Bauherren müssen vor der Sanierung einen Modernisierungsvertrag mit der Stadt abschließen.

Viele nutzen Altbauten als Kapitalanlage, weil sie skeptisch gegenüber den Finanzmärkten geworden sind, sagt Helmut Ruf. Ein Haus aus dem 18. Jahrhundert in der Oberen Weibermarktstraße 6 behält der Eigentümer und lässt es von Rufs Firma sanieren. Die Renovierung soll von 2011 bis Herbst 2012 dauern. Im Erdgeschoss entsteht eine Gewerbeeinheit, darüber kommen Wohnungen mit einem Aufzug. „Ich sag? den Eigentümern immer: ?Wenn?s geht, behalten Sie es. Das ist ein Schatz??, so Ruf.

Auch die Stuttgarter Unternehmensgruppe Akabus hat sich auf die Sanierung von Altbauten spezialisiert. In Reutlingen ist sie seit fünf Jahren aktiv. Das Haus Untere Weibermarktstraße 1, gebaut um 1750, hat Akabus vertikal in drei neue Stadthäuser unterteilt, in denen jeweils Eigentumswohnungen über drei Etagen entstanden sind ? mit Solarthermie auf dem Dach. „Die Nachfrage ist relativ hoch?, so Geschäftsführer Dietmar Olszewski.

Das Fachwerk ist nicht mehr sichtbar, es wurde innen und außen verputzt. „Wenn Sie einen Balken haben, der 250 Jahre alt ist, sieht er nicht mehr so schön aus?, sagt Olszewski. „Das wird in Reutlingen grundsätzlich nicht herausgearbeitet?, erklärt Architekt Johannes Kärcher. Die Balken müssten auch wegen Brandschutz- und Statik-Anforderungen ergänzt werden.

Kärcher saniert für Akabus derzeit die „Alte Kunstschmiede? in der Nürtingerhofstraße 13 bis 17. Sie wurde 1785 erstmals urkundlich erwähnt und wohl um 1740 gebaut. Akabus hat das Gebäude gekauft und baut zwölf Wohnungen zwischen 45 und 150 Quadratmetern. Glanzstück: Ein Industrie-Loft in der alten Werkhalle.

Die Wohnungen will Kärcher modern anordnen und ausbauen, teils über mehrere Etagen. Mit Nachbarhäusern investiert die Firma hier rund sieben Millionen Euro. Das dreiteilige Gebäude wird auch energetisch saniert, vor das Fachwerk wird eine Holzkonstruktion mit Wärmedämmung gesetzt. Im Frühjahr soll alles fertig sein. Nebenan in der Nürtingerhofstraße 21 ist das Haus bis auf die Grundmauern ausgebeint, jetzt wird die Substanz untersucht. Hier baut Akabus für einen Investor, der das Gebäude komplett gekauft hat, eine Gewerbeeinheit und sieben Wohnungen.

Ein Schmuckstück wird das Industrieloft in der einstigen Werkhalle (vorne): Die Alte Kunstschmiede in der Nürtingerhofstraße wird für 3,3 Millionen Euro saniert.Bild: Haas

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Erstellt:
6. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2010, 12:00 Uhr

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