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Wo ist der Gorilla?

In der Kinder-Uni ging es diesmal um den Sinn von Irrtümern

Irren ist menschlich: Den Spruch kennt jede(r). Aber warum irren wir eigentlich? Das erklärte Prof. Barbara Kaup am Dienstag in der Kinder-Uni.

06.06.2013

Von Ulrich Janssen

Tübingen. Hochhäuser, die sich in Luft auflösen, Gorillas, die niemand sieht, ein tierliebender Moses, und dann auch noch ein Zauberkünstler: Barbara Kaup und ihr Team hatten einiges vorbereitet für die etwa 250 Zuhörer, die am Dienstag trotz herrlichen Wetters in die Kinder-Uni gekommen waren. „Warum ist Irren menschlich?“ lautete das Thema ihrer Vorlesung.

Normalerweise erforscht die Tübinger Psychologie-Professorin, wie unser Gehirn Sprache versteht. Obwohl das ganz schön schwierig ist und dem Gehirn viel Arbeit macht, schaffen das selbst kleine Kinder ohne große Anstrengung. Das menschliche Gehirn erkennt nämlich die Bedeutung von Worten und Sätzen automatisch – jedenfalls in unserer Muttersprache. Anders ist es, wenn wir eine neue Sprache lernen. Plötzlich wird es anstrengend, wir müssen Vokabeln und Grammatik büffeln.

Das Gehirn, erklärte Prof. Kaup dieses Phänomen, arbeitet auf unterschiedliche Weise. Bei manchen Aufgaben (etwa Malnehmen im Matheunterricht) müssen wir uns mächtig den Kopf zerbrechen, um eine Lösung zu finden. Andere Aufgaben dagegen, wie Fahrradfahren oder Gesichter-Erkennen, werden schnell und unauffällig erledigt – wie bei einer gut geölten Maschine, von der wir nichts wissen.

Diese Maschine ist für uns sehr praktisch, denn sie spart Kraft und Zeit. Allerdings tritt sie manchmal in Aktion, obwohl sie sich besser heraushalten sollte. Dann wird?s nicht nur lustig, sondern auch falsch.

Die Professorin zeigte den Kindern Bilder, auf denen die Eingangstüren von Tübinger Grundschulen zu sehen waren. Zwar erkannten die Kinder sofort „ihre“ Schule, doch niemand sah, dass auf den Bildern einiges falsch war. Auf einem Bild fehlte im Hintergrund sogar ein komplettes Hochhaus. Niemand bemerkte das, obwohl die Kinder bis zur dritten Klasse ungefähr 2070 mal ihren Schuleingang gesehen haben.

Ganz ähnlich war es bei den Bilder von der Tübinger Neckarfront, die die Kinder anschließend sahen. Mal fehlte ein Fenster, mal die Kirche, mal der ganze Hölderlinturm. Aber das fiel niemandem auf. Hauptsache war, dass der Ort als solcher schnell erkannt wurde. Barbara Kaup erklärte: „Wir haben eine Art Filter in unserem Kopf, der nur das durchlässt, auf was wir uns konzentrieren.“

Dieser Filter ist sehr nützlich: Wenn wir nur das Wesentliche sehen, nur das, was für uns wichtig ist, sparen wir Energie und können schnell auf Neues (und auf Gefahr) reagieren. Der Nachteil ist: Manche Dinge entgehen uns komplett.

Als Barbara Kaup einen Film zeigte, in dem ein Gorilla seelenruhig zwischen sechs Basketballern hindurchspaziert, sah niemand den Gorilla. Alle hatten sich auf die Spieler konzentriert (www.theinvisiblegorilla.com).

Dann brachte Barbara Kaup die Leute dazu, den Satz „Du sollst den den Tag nicht vor dem Abend loben“ laut vorzulesen. Nicht einer im Hörsaal erkannte, dass das Wort „den“, das am Ende einer Zeile stand, am Beginn der nächsten wiederholt wurde. Der Grund dafür: Auch beim Lesen sind viele Vorgänge automatisiert, das Gehirn konzentriert sich auf das Wesentliche, den Sinn des Satzes.

Und noch ein Beispiel für automatisierte Irrtümer: „Wie viele Tiere jeder Art brachte Moses mit auf die Arche?“ Die meisten Kinder antworteten auf diese Frage spontan: Zwei. Ein Fehler. Denn laut Bibel war es Noah und nicht Moses, der ein Paar von jeder Tierart auf seine Arche mitnahm. Doch dieser kleine Unterschied fiel dem eingebauten Gehirn-Filter zum Opfer.

Der Gehirnfilter sorgt übrigens auch dafür, dass Zauberkünstler ihre Zuschauer täuschen können. Die Magier nutzen geschickt aus, dass die Zuschauer nur einen kleinen Teil der gesehenen Informationen verarbeiten. Wie das geht, zeigte Kaup-Mitarbeiter Oliver Dyjas den begeisterten Kindern zum Abschluss. Er ließ rote Bälle unauffällig verschwinden und sehr auffällig wieder auftauchen.

Info: Barbara Kaup und ihr Team suchen immer Leute, die Lust auf interessante Experimente haben. Melden kann man sich per Mail bei barbara.kaup@uni-tuebingen.de

Die Tübinger Neckarfront: Ist sie es? Oder ist sie es nicht?

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Erstellt:
6. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juni 2013, 12:00 Uhr

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