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Potemkinscher Fahrradladen

In der Alten Silcherschule ist jetzt „Rad und Tat“ eingezogen / Die Baustelle bleibt

Vor drei Wochen zog mit dem Fahrradladen „Rad und Tat“ der erste Nutzer in die umgebaute Alte Silcherschule ein – mit vier Jahren Verspätung. Fertig allerdings ist der Skandalbau noch lange nicht.

15.08.2016

Von ulrich janssen

Freuen sich über die neuen Räume: Die „Rad und Tat“-Inhaber Klaus Greif (links) und Sebastian Dold. Bild: Sommer

Tübingen. Viel Zeit zum Glücklichsein hat Klaus Greif momentan nicht, dafür hat er zu viel Arbeit. Seit dem Umzug in die Silcherschule rennen ihm die Kunden die Bude ein. „Wir haben in der ersten Augustwoche so viel verkauft“, meint Greif, „wie im gesamten Monat des vergangenen Jahres.“ Kein Wunder: Verglichen mit den dunklen  Kellerräumen, in denen „Rad und Tat“ bislang untergebracht war, ist die Schule ein Märchenschloss. Durch die schlanken Fenster strömt das Licht nur so rein, es gibt jede Menge Platz für Fahrräder, kräftiges Rot an der Wand macht Laune, und auf dem hellen Industrie-PVC-Boden (ein Spezialbelag, der kein Reifengummi aufnimmt) kann man mit einem Rollstuhl wunderbar herumkurven.

Greif, der seit einem Unfall im Jahr 2010 querschnittgelähmt ist, weiß die neuen Räume zu schätzen: „Das ist ein stolzes Gebäude voller Harmonie“, findet er. Immer wieder kämen alteingessene Tübinger vorbei, um einen Blick in ihr „Raupengymnasium“ zu werfen. Beglückt zeigen sie den Fahrradhändlern, wo sie einst rumtobten.

Allerdings: Von den 280 Quadratmetern, die Greif zustehen, kann er bislang nur 170 nutzen. Direkt neben den Fahrrädern beginnt nämlich die Baustelle. „Wir sind“, sagt Greif, „so eine Art Potemkinsches Dorf im Haus.“ Im ganzen Silcherbau ist nicht ein einziges Apartment fertig. Die sanitären Anlagen funktionieren nicht, überall liegt Schutt herum, lehnen Balken an der Wand. Säcke mit Baumaterial und aufgerissene Plastikverpackungen sehen nach Arbeit aus.

Tatsächlich erscheinen ab und zu auch ein paar Bauarbeiter. „Nette Leute“, sagt Greif, „aber mehr als zwanzig Worte Deutsch können die wenigsten.“ Das ist nicht gerade ideal, wenn es darum geht, einen Innenausbau koordiniert zu Ende zu bringen. Zumal auch der Bauleiter nicht unbedingt kommunikationsstark zu sein scheint: „Bauleiter und Bauträger beantworten nie meine Fragen“, sagt Greif.

Wenn es um den Bauleiter und den aktuellen Bauträger geht, die City-Wohnen GmbH, muss Greif sich sehr bemühen, Worte zu finden, die ihn nicht vor Gericht bringen. „Unfähig“ ist so ein Wort, zu dem er stehen kann. Und „Bauleiter-Darsteller“ ein anderes. Er vermutet, dass der Bauträger, um Geld zu sparen, nur die günstigsten Handwerker engagiert. Mit den entsprechenden Folgen.

Greif hat, wie die Käufer der insgesamt 30 Wohnungen, eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Eigentlich wollte er schon 2012 mit seinem Laden umziehen. Daraus wurde nichts, weil der erste Bauträger, die Hollenbach Wohnbau GmbH, pleite ging. Als zwei Jahre später die City-Wohnen dem Insolvenzverwalter das Projekt abkaufte, blieb Greif aus Überzeugung dabei, obwohl sich die Preise erhöhten. Als Termin für den Einzug wurde der April 2015 „notariell festgelegt“.

Doch so recht voran gingen die Arbeiten nie. Im Sommer kam es sogar, nachdem das Gerüst geklaut wurde, zum völligen Stillstand. Dass der Diebstahl auch mit der unkonventionellen Begleichung von Schulden zu tun haben könnte, ist ein hartnäckiges Gerücht.

Dass sein Laden jetzt immerhin teilweise umziehen konnte, führt Greif auf seine massiven Drohungen zurück. „Jeder Monat Verspätung kostet mich 4000 Euro, die will ich vom Bauträger zurück.“

Bis Ende Juli sollten eigentlich die Apartments fertig sein. Das versprach die City-Wohnen im Mai dieses Jahres. Wann wird es tatsächlich so weit sein? Leider hat uns die GmbH auf unsere Anfragen nicht geantwortet.

Die unendliche Baugeschichte der Silcherschule

1892: Einweihung der Alten Silcherschule in der Kelternstraße 23.

1983: Umzug der Schule in einen Neubau.

1998: Ende der Nutzung des Gebäudes durch die Albert-Schweitzer-Realschule. Die Schule wird von Vereinen genutzt und verfällt.

2010: Die Tübinger Stadtverwaltung will das Gebäude für 470 000 Euro an die Reutlinger Rall GmbH verkaufen. Nach Intervention der CDU wird neu ausgeschrieben. Den Zuschlag erhält jetzt – trotz Warnungen – für 540 000 Euro die Stuttgarter Hollenbach Wohnbau GmbH. Sie engagiert den CDU-Fraktionschef Ulrich Latus als Bauleiter. Bis Oktober 2012 soll der Umbau fertig sein.

2012: Die Arbeiten werden eingestellt: Hollenbach hat finanzielle Probleme.

2013: Hollenbach geht insolvent, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Veruntreuung von Kundengeldern.

März 2014: Die City-Wohnen Tübingen GmbH, eine Tochter von Thallos AG und Doma GmbH, übernimmt den Bau und 70 Prozent der bisherigen Käufer. Der Rest wird ausbezahlt. Die GmbH verspricht, die Wohnungen würden Ende März 2015 fertig sein.

Juli 2014: Die Thallos AG steigt aus, die Doma GmbH bleibt und verspricht die komplette Fertigstellung bis Ende Juli 2016.

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Erstellt:
15. August 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. August 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. August 2016, 01:00 Uhr

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