Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Meditieren muss nicht wehtun

In Sickingen baut ein Tüftler einzigartige Sitzhölzer mit Sofakisseneffekt

Kürzlich waren sie gleich in mehreren Schaufensterinstallationen in Tübingen zu sehen, auch auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt war Martin Pellio mit seinen „Sitzhölzern“ vertreten. Jahrelanger Ärger über die unbequeme Haltung beim Meditieren gepaart mit schwäbischem Tüftlergeist hat ihn inspiriert.

05.01.2010

Von Stephan Gokeler

Bodelshausen / Sickingen. Seine Wanderung, als die er sein bewegtes Leben selbst beschreibt, hatte schon viele Stationen. Im Hechinger Teilort Sickingen, direkt hinter der Kreisgrenze bei Bodelshausen, scheint Martin Pellio nun aber mehr als einen weiteren Zwischenstopp gefunden zu haben. Sesshaft ist er hier geworden, hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin ein Haus gekauft, unter dessen Dach beide auch arbeiten – sie in ihrer Praxis als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, er in seiner „Werkstatt für Gestaltung“.

Der gelernte Werkzeugmacher und Maschinenbauingenieur, der bis vor ein paar Jahren auch als Mesner der Kirche in Tübingen-Weilheim gearbeitet hat, meditiert heute selber lieber während langer Fußmärsche als im Sitzen. Von Tübingen nach Straßburg, von Koblenz nach Santiago de Compostela oder von Hechingen nach Ulm haben ihn seine Beine schon getragen, doch er erinnert sich noch lebhaft an die Zeit, als ihm die klassischen Meditationstechniken oft genug Pein bereitet haben. „Als Nicht-Asiate bin ich einfach für den Lotussitz oder Verrenkungen auf lieblos zusammengeschusterten Taizé-Hockern nicht geschaffen“, findet der 64-Jährige.

Selbstkasteiung ist für ihn kein notwendiger Bestandteil von Meditation. „Oft behaupten die Leute, sie müssten den Widerstand des Hockers spüren, um meditieren zu können. In Wirklichkeit sind die Dinger einfach nur unbequem“, sagt Pellio. Als typischem Vertreter schwäbischen Tüftlergeists ließ ihm die Sache keine Ruhe. Der Reihe nach „durfte“ seine Familie, darunter fünf Söhne, auf einem mit Sand gefülltem Backblech und mit bloßem Hinterteil, Platz nehmen. Die so gewonnenen Erkenntnisse über die Physiognomie dieses Körperteils mündete dann in ein erstes Modell eines einbeinigen Sitzmöbels mit passenden Vertiefungen.

„Die Funktionalität steht bei mir immer im Vordergrund“, erzählt der Ingenieur, der sich als „etwas vom Bauhaus infiziert“ beschreibt. Zum Sortiment seiner Werkstatt gehören denn auch vor allem praktische Dinge: aufwändige Notenständer mit vielen Zusatzfunktionen, Brillenablagen und speziell geformte Buchstützen zum Beispiel. „Alles was ich mache, entsteht aus Dingen, die ich zuerst für mich selbst hergestellt habe. Dann stelle ich irgendwann fest, dass andere das auch haben wollen und sogar Geld dafür bezahlen“, erläutert er seinen persönlichen Weg des Erfindens.

Das Sitzholz durchlief noch etliche Entwicklungsstufen bis zur Perfektion. Heute entsteht die Form mittels einer selbst gebauten Vorrichtung, die Pellio das exzentrische Drechseln an einer Drehbank ermöglicht. Das abgerundete untere Ende des Fußbeins erhält einen Belag aus Schuhsohlenmaterial, für das Pellio einen Lieferanten in Nehren ausfindig gemacht hat. „So rutscht der Hocker nicht mehr weg und macht keine Kratzer in den Boden, aber man kann sich in alle Richtungen drehen“, erläutert er. Fein geschliffen, geölt und poliert wird das Sitzholz dann ausgeliefert – „in Höhe, Neigung und Sitzgeometrie angepasst“, wie der Urheber stolz erklärt.

20 Teile für ein Kloster an der Weser

Wer sich als Interessent an einem solchen Stück bei ihm meldet, erhält ein Musterset mit den mittlerweile sechs verschiedenen Größen und vielerlei Holzarten – Rückporto inklusive. So findet das Sitzholz aus Sickingen allmählich via Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda immer weitere Verbreitung. Kürzlich war Pellio ins Kloster Bursfelde an der Weser eingeladen, wo EKD-Ratspräsidentin Margot Käßmann nach einer umfangreichen Renovierung die Neueröffnung vornahm. Gleich 20 seiner Sitzhölzer hatte das Kloster bestellt, der Kontakt kam auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt zustande. Pastorin Silke Harms, damals noch bei der Tübinger Jakobusgemeinde beschäftigt, fand so großen Gefallen an dem Möbel, dass sie gleich eine Bestellung für ihre neue Wirkungsstätte in Niedersachsen aufgab.

Erst allmählich wird Pellio noch weiterer Einsatzgebiete für seine Erfindung gewärtig. So hat ihm die Erzieherin eines Kindergartens berichtet, dass sich in ihrem Hort der Hocker gerade für unruhige Kinder mit großem Bewegungsdrang bewährt habe. Kritik musste Pellio bislang nur am Namen des Möbels einstecken, den er mit „schwäbischem Understatement“ gewählt habe. Eine Kundin habe ihm am Weihnachtsmarktstand erzählt, dass sie den Begriff „Sitzholz“ zu profan finde: „Für mich ist das mein Seelenstückle“, erklärte sie ihm.

War früher auch Mesner in Weilheim: Martin Pellio, 64, ein großer Tüftler vor dem Herrn. Bild: Gokeler

Zum Artikel

Erstellt:
5. Januar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+