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Eine Lore wider das Vergessen

In Reusten wird an die Qualen der KZ-Häftlinge erinnert

Seit Mittwoch erinnert am Ortseingang von Reusten eine Lore an die KZ-Häftlinge, die hier im Winter 1944/45 im Steinbruch schuften mussten. Sie brachen und zerkleinerten Muschelkalk für den Straßenbau am Nachtjägerflugplatz bei Hailfingen.

04.06.2010
  • Uschi Hahn

Reusten. Im Juli vor zwei Jahren stand Israel Arbeiter an dieser Stelle und berichtete, was ihm als KZ-Häftling im Reustener Steinbruch widerfuhr: Gemeinsam mit 19 weiteren jüdischen Häftlingen aus dem Hailfinger/Tailfinger Außenlager des KZ Natzweiler marschierte der damals 19-Jährige täglich die vier Kilometer nach Reusten zur Fronarbeit im Schäferschen Steinbruch. Schikaniert von Aufsehern, sprengten die Zwangsarbeiter an der Straße nach Poltringen unter Lebensgefahr den Muschelkalk aus der steilen Wand und wuchteten die Brocken in Loren. Die mussten die Häftlinge zu einer Steinmühle schieben, wo sie zu Schotter zerkleinert wurden. Schotter für die Zubringerstraße zum Flugfeld auf der Hochfläche zwischen Rottenburg und Herrenberg.

Eine dieser Kipploren liegt seither am Grunde des Sees, den es schon damals in dem Steinbruch gab. Wie sie dort hinkam, hatte Israel Arbeiter bei seinem Besuch vor zwei Jahren im Beisein des TAGBLATTs erzählt. Wohl weil die Schienen defekt waren, war der unterernährte Zwangsarbeiter mit der voll beladenen Lore ins Straucheln geraten. Das Gefährt kippte ins Wasser und Israel Arbeiter dachte, er werde an Ort und Stelle wegen Sabotage erschossen.

Dazu kam es nicht. Israel Arbeiter, der 1925 im polnischen Plock geboren und von den Deutschen 1939 nach ihrem Überfall auf Polen in verschiedene Ghettos und Konzentrationslager verschleppt wurde, hat das Nazi-Regime überlebt. Nach der Befreiung verbrachte er die ersten Nachkriegsjahre als freier Mann in Reusten, hat hier sogar geheiratet. Später wanderte er mit Frau und Kind in die USA aus. Nach verschiedenen Besuchen in Deutschland kehrt er am Wochenende erneut zurück. Gemeinsam mit anderen Überlebenden ist er am Sonntag zur Eröffnung der Gedenkstätte und des Mahnmals des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen eingeladen.

Schon morgen aber kommt der mittlerweile 85-jährige Israel Arbeiter ein weiteres Mal zum Reustener Steinbruch. Als „schlimmen Ort“ hatte er ihn vor zwei Jahren bezeichnet und gesagt, er hoffe, dass die Geschichte der KZ-Häftlinge an dieser Stelle nicht vergessen werde, damit sie sich nie wiederhole.

Heribert Kipfer vom Verein „Gegen vergessen – Für Demokratie“ nahm sich das zu Herzen. Dem 73-Jährigen und seiner Frau Birgit ist es zu verdanken, dass seit gestern eine Lore und daneben eine Tafel an die Qualen der Häftlinge und das Unrecht des deutschen NS-Staates erinnert. Zwar misslang der ursprünglich Plan, die auf dem Grund des Sees liegende Lore zu bergen. „Ich hatte alles in Bewegung gesetzt“, berichtet Kipfer über seine Bemühungen: Sogar ein Hubschrauber war organisiert, um den Transportwagen aus dem See zu hieven. Doch in 20 Metern Tiefe konnten die Taucher in dem verschlammten Biotop „noch nicht mal die Hand vor Augen erkennen“, wie Kipfer sagt.

Da machte er sich im Internet auf die Suche nach einer Ersatzlore. Bei einem Sammler in Quirla in Thüringen wurde er fündig. Am Dienstag schließlich wurde das Gedenkstück beim Ammerbucher Bauhof angeliefert, wo Kipfer es noch mit einem Rostschutz-Anstrich versah.

Die Gemeinde Reusten oder später Ammerbuch hatte nie etwas unternommen, um offiziell an die Geschichte des mittlerweile der Stuttgarter Firma Baresel gehörenden Steinbruchs zu erinnern. Als jedoch die Kipfers vor der misslungen Bergungsaktion auf Bürgermeister Friedrich von Ow zugingen, habe der seine Unterstützung sehr schnell zugesagt. „Als die Sache mit der Lore klar war und das der Bauhof übernommen hat, ist das sehr gut gelaufen“, lobt Kipfer, der selbst in Rohrau lebt, die gute Zusammenarbeit.

Nachdem sie in den vergangenen Tagen bereits das Schotterbett für das Mahnmal bereitet hatten, verankerten Mitarbeiter des Ammerbucher Bauhofs am Mittwoch das kurze Schienenstück auf dem Grünstreifen zwischen der Landesstraße und dem zugewachsenen Steinbruch und schweißten die Lore fest.

„Ich finde das toll“, sagt Ammerbuchs Fronmeister Pascal Fugier. „So erfährt man etwas von der Geschichte.“ Eine Geschichte, von der er selbst bisher nichts wusste, obwohl er in Reusten lebt.

Für Israel Arbeiter soll die kleine Gedenkstätte am Steinbruch von Reusten eine Überraschung sein. „Er wusste, dass wir vergeblich nach seiner Lore gesucht haben. Aber er weiß nicht, dass ich eine andere gefunden habe“, sagt Heribert Kipfer. Die neue Lore hat der 73-Jährige mit Steinen gefüllt. Die soll Israel Arbeiter am morgigen Samstag um 11 Uhr feierlich auskippen. Diesmal ohne Todesgefahr, sondern unter Beifall. Zur Eröffnung des Mahnmals werden auch Vertreter der Gemeinde kommen.

In Reusten wird an die Qualen der KZ-Häftlinge erinnert
Heribert Kipfer (links) vom Verein „Gegen vergessen - Für Demokratie“ hat für die Kipplore gesorgt, die an das Leid der KZ-Häftlinge erinnern soll, die am Ortseingang von Reusten im Steinbruch Schwerstarbeit leisten mussten. Mitarbeiter vom Ammerbucher Bauhof stellten das Mahnmal am Mittwoch auf. Fronmeister Pascal Fugier (rechts) half dem 73-jährigen Kipfer, das historische Schienen-Transport-Gefährt mit Steinen zu beladen. Bild: Sommer

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04.06.2010, 12:00 Uhr
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