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Liebe, Tod und Sau

In Melchingen hatte „Emmas Glück“ als Theaterstück Premiere

Melchingen. Das wird noch eine richtige Reihe im Lindenhof, diese Bauer sucht Frau- oder Bäurin sucht Mann-Theateradaptionen populärer Filme. Nach „Der Kerl vom Land“ jetzt also „Emmas Glück“.

24.10.2015

Dass Regisseur Heiner Kondschak den Stoff wegen eines brennenden Autos oder einer Schweineschlachtung erst für bühnenuntauglich hielt, halten wir mal für eine charmante Legende. Im Gegenteil: Da wird es für einen wie Heiner Kondschak doch erst spannend.

Gesungene Bildunterschriften

Beim Unfall reicht ein Scheppern mit nachfolgend possierlichem Hereinrollen eines Lenkrads, einer Stoßstange und eines Autoreifens aus dem Bühnenoff-Unfallort, der Brand ist mit Rauch und rotem Licht leicht zu bewerkstelligen. Und beim Schwein reicht die Demonstration der Schlachtungstechnik am Mann (heißt es nicht: Männer sind Schweine?), stückdramaturgisch eine probende Vorwegnahme der am Ende erbetenen und durchgeführten Sterbehilfe. Also ganz im Sinne des Tschechowschen Diktums: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es spätestens im fünften Akt losgegangen sein.

„Emmas Glück“ ist ein halbes Musical geworden, Kondschak selbst klampft, Oliver Moumouris geigt, fröhlich, sentimental, oft an Irish Folk angelehnt, bisweilen als filmmusisches Storytelling. Was die Liedtexte angeht, liebt es der Regisseur, balladesk gerade das zu erzählen, was auf der Bühne dann auch zu sehen ist, eine Zweigleisigkeit, die zusammenfasst, betont, verbindet und oft eine karikierend komische Wirkung hat. Gesungene Bildunterschriften einzelner Szenen.

Wenn Emma nicht gerade wolllüstig juchzend auf dem Mofa sitzt, zeichnet ihr Linda Schlepps richtig viel Gram, Mühe, Schwere ins Gesicht und jenes Maß an naturverbunden herzhafter Derbheit, das auf dem Land und zumal bei ihrer Schlachtungsmethode vonnöten ist. Das ist, in dieser Ausprägung, ein neuer Fleck auf der Landkarte der Schleppschen Anverwandlungen. Und Kontrastboden für Emmas glückszitternden Empfang der unverhofften Maxverheißung.

Die Tagikomödie hat bitterernste Momente. Nach der tödlichen Diagnose gibt der Regisseur seinem Patienten unendlich viel Zeit, einfach nur verzweifelt dazusitzen. Das Gewicht des Augenblicks auf Zeit umgerechnet. Danach agiert Gerd Plankenhorn wie ein anrührend schwäbischer Kaurismäki-Schauspieler.

Heiterkeitswellen erntet Oliver Moumouris als running Gag der ewig rauchenden und maulenden Mutter des Dorfpolizisten Henner, den wiederum der Regisseur im grünen Trainingsanzug gleich selbst gibt. Das heißt, manchmal ist er Polizist, manchmal wird er vor allem von Emma deutlich als Übungsleiter der ganzen Veranstaltung kurz mal mit einem rückversichernden Blick ins Visier genommen. Das Theater flunkert. An der Uni nennt man so was V-Effekt. Aber wen interessiert das auf der Alb zwischen Kühen und Schweinen, wo sogar der örtliche Feuerwehrkommandant schnaubt wie ein Pferd. Berthold Biesinger kehrt für diese publikumsbelustigende Rolle wieder in Maßen zu seiner verlorenen Mähne zurück. Ganz ohne Haupthaar scheucht er in seiner zweiten Rolle als Max‘ Freund und gewieft zwielichtiger Geschäftemacher Hans das frisch verliebte Paar auf. Erst auf Rache für den gestohlenen Ferrari und das Geld sinnend, wandelt er sich zum Trauzeugen – eine Charakterrolle.

Plastikkuh und echtes Spiegelei

Ilona Lenks fragmentarischer Bühnenrealismus versammelt ein Scheunentor, eine unzusammenhanglos im Raum stehende Türe plus Fenster, ein Bett, ein Mofa sowie eine lebensgroße Plastikkuh – und leistet sich den Spaß, Emma tatsächlich ein Spiegelei braten zu lassen.

Das Stück ist noch aktueller als es Claudia Schreibers Roman und Sven Taddikens Film zur Zeit ihrer Entstehung vor zehn Jahren waren. Schließich wird die Frage der Tierhaltung genauso thematisiert wie das Thema der Sterbehilfe. Die Überschuldung und drohende Enteignung von Emmas Hof bringt auch noch das neuzeitliche Bauernsterben aufs Tablett. Klar ist das ein Stoff für die Melchinger.Peter ertle

Info: Die nächsten Aufführungen heute um 20 Uhr, morgen um 17 Uhr, am 29. und 31. Oktober jeweils um 20 Uhr sowie am 1. November um 17 Uhr im Lindenhof.

In Melchingen hatte „Emmas Glück“ als Theaterstück Premiere
Vom Schwein zum Mann: Emma (Linda Schlepps) und Max (Gerd Plankenhorn), innig bis zum Ende.Bild: Lindenhof

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24.10.2015, 12:00 Uhr
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