Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
In Herrenberg werden Bürger ganz früh in Prozesse eingebunden und realisieren eigene Projekte
Weniger Protest, weniger Anhörungen

In Herrenberg werden Bürger ganz früh in Prozesse eingebunden und realisieren eigene Projekte

Herrenberg nennt sich „ Mitmachstadt“, sieht sich auf dem Weg zur „Bürgerkommune“: Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitverantwortung aller sind gefragt. Denn Gemeinderat und Rathauschef sollen nicht die einzigen Kümmerer im öffentlichen Raum sein. Zunehmend initiieren Bürgerinnen und Bürger eigene Projekte. Manchem gilt die Stadt im Gäu als Vorzeigestadt in Sachen Partizipation.

09.10.2015
  • Manfred Hantke

Herrenberg. „Wir sind auf dem Weg, zur kompletten Mitmachstadt zu werden“, sagt selbstbewusst Herrenbergs OB Thomas Sprißler. Seit 2008 im Amt, hat der 49-jährige Parteilose seine 31000 Einwohner von Beginn an verstärkt in Planungen und Prozesse einbezogen, hat die Bürgerbeteiligung schrittweise ausgebaut.

„Runde Tische“ und Bürgerversammlungen zu wichtigen Themen sind in Herrenberg selbstverständlich. Das läuft unter „Bürgerbeteiligung“. Die wird bei großen Projekten schon ganz früh angesetzt, nicht erst, wenn sie so weit gediehen sind, dass kaum noch etwas verändert werden kann.

Seit Wochen trommelt die Kommune für ihren „Bürger-Workshop“, der am morgigen Samstag, steigt. Da sollen die Herrenberger ihre Gedanken und Ideen zur „großen Freizeitanlage“ hinter dem Naturfreibad einen ganzen Tag lang diskutieren.

Eine eigene Stelle für die Koordination

Beschlossen hat der Gemeinderat das Budget für den etwa 30 000 Quadratmeter großen Freizeitpark, inhaltlich festgezurrt ist aber nichts. Zwar hat es mit verschiedenen Alters- und Interessengruppen Gespräche im Vorfeld gegeben, doch vage wird nur umrissen, wozu die Anlage einmal gut sein soll: für den Sport, zum Spielen, Genießen, Träumen und Verweilen.

Die Herrenberger werden früh in kommunale Entwicklungen einbezogen, es bleibt Raum für eigene Vorschläge. Einige haben ihre Ideen für den Freizeitpark bereits vorab ans Rathaus geschickt. Über 90 Vorschläge hingen gestern an der Internet-Pinnwand des städtischen Auftritts: einer wünscht sich ein Karussell, ein anderer Bänke und Liegen, ein Dritter eine Seilbahn. Ina Mohr, Koordinatorin für Bürgerschaftliches Engagement, rechnet mit 80 Interessierten, die den gesamten Tag über die Zukunft des Parks diskutieren.

Damit aus der Stadt im Gäu eine „Mitmachstadt“ wird, wurde vor Jahren im Leitbild für den Stadtentwicklungsprozess „Herrenberg 2020“ ausdrücklich die „Transparenz im Vorfeld“ kommunalpolitischer Entscheidungen festgehalten. Genauso wichtig: die „frühzeitige Einbindung“ der Bürger bei zentralen Entwicklungsfragen, damit Gemeinderat und Verwaltung ein Meinungsbild und eine Beratungsgrundlage haben. Angestrebt wird eine neue „Verantwortungspartnerschaft“ zwischen Bürgern, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Verbänden. Bürgerschaftliches Engagement und die Selbstorganisation sollen „systematisch“ gefördert werden.

Um alle Ideen und Initiativen zu koordinieren, hat die Stadt 2009 eine eigene Stelle geschaffen. Ina Mohr ist seit November 2013 dabei und Ansprechpartnerin für Bürgerprojekte, Türöffnerin zur Verwaltung (seit Oktober ist eine weitere Kollegin mit einer 50-Prozent-Stelle dabei). Durch ihre Scharnierfunktion kann Mohr vorab klären, ob ein Projekt überhaupt Erfolg hat, wie es gestartet werden kann, welche Ämter einbezogen werden müssen, welche Fördertöpfe zur Verfügung stehen.

Über 200 kleine und große Projekte – das größte war bislang das Freibad (wir berichteten) – wurden bislang initiiert, sagt Mohr, derzeit laufen 50 gleichzeitig. Beteiligt seien alle Altersgruppen, von den Kindern bis zu den Senioren. Kinder etwa „dürfen Spielplätze mitgestalten“. Ehrenamtlich kümmert sich ein „Spielplatzpate“, der ein wenig „nach dem Rechten guckt“. Sprißler: „Spielplatzpaten kriegen wir immer, ohne dass wir das ausschreiben.“

Spätestens Anfang des Jahres wird die 300 Meter lange Mountainbike-Downhill-Strecke für Einsteiger und Profis im Schönbuch fertig. Ein Projekt, dass vor zwei Jahren 13- bis 16-jährige Jugendliche begonnen hatten. „Da gab es ganz schön viele Hürden“, erinnert sich Mohr, aber sie haben sich „völlig reingehängt“, haben mit Versicherungen geredet, mussten Gutachten erstellen lassen. Im August haben sie die letzte Hürde genommen, sie erhielten die forstschutzrechtliche Genehmigung. Seitdem wird gebaut.

Weitere Bürgerprojekte:

Eine Hospizgruppe hat einen Trauerweg mit Texten auf dem Friedhof gestaltet, auf Schiefertafeln können Trauernde ihre Gedanken hinterlassen.

Der Obst- und Gartenbauverein hat sich um einen Streuobsterlebnisweg gekümmert.

Eine andere Gruppe hat einen „Jerg-Ratgeb-Skulpturenpfad“ angelegt und erinnert mit 25 Bildhauerarbeiten vom Bahnhof bis zum Schlossberg an den Maler und Bauernkriegskanzler, der den Herrenberger Altar geschaffen hat.

Neu ist der interkulturelle Garten an der Stadtmauer, vom Stadtseniorenrat. Aus dem einst brach liegenden Gelände machte er einen Garten samt Spielplatz für Begegnungen – zwischen den Generationen und den Kulturen in der Stadt; doch es geht auch um Wissensvermittlung und Lebensqualität.

Um die Bürgerprojekte zu realisieren, haben 2011 Gemeinderat und OB 200 000 Euro in einen „Bürgertopf“ gelegt, der jährlich mit 60 000 Euro nachgefüllt wird. Hinzu kommen noch Gelder aus Spenden, Stiftungen, vom Bund oder von Firmen. Bei den „Bürgerprojekten“ handelt es sich nicht um die „normalen Aufgaben“ der Stadt, wie Mohr betont, sondern um zusätzliche Projekte, die das Leben angenehmer und schöner machen. Freilich entscheidet bei den Bürgerprojekten letztendlich der Gemeinderat, doch die Gruppen und Initiativen kümmern sich um die Umsetzung.

Dafür haben sie auch ein eigenes Haus. Im Klosterhof, ein Fachwerkhaus in der Altstadt, treffen sich 80 Vereine und Gruppen, die Hälfte bearbeitet Bürgerprojekte. Zehn Räume (auch mit Wickel-Tisch) stehen kostenlos zur Verfügung. Damit die Verwaltung noch näher an den Bürgern dran ist, stellen heute zwei Verwaltungskräfte ihren Schreibtisch dort auf, aktivieren die Gruppen und unterstützen sie.

Zur „Bürgerbeteiligung“ und den „Bürgerprojekten“ gibt es in Herrenberg noch den „Projektepool“. Der ist ganz neu und soll in diesem Jahr noch starten. Die Idee: weil der Vorlauf von drei, vier Monaten für so manch kleines Projekt viel zu lang ist, können Gruppen bis zu 500 Euro für ihre Veranstaltungen innerhalb von wenigen Tagen bekommen, bei Netzwerkprojekten wird die Summe auf bis zu 1000 Euro aufgestockt.

Damit könnten Gruppen etwa Workshops oder interkulturelle Begegnungen zwischen Flüchtlingen und dem Freundeskreis finanzieren, sagt Mohr. Diese „Kleinprojekte“ sollen die soziale Kompetenz fördern, die Zivilgesellschaft stärken, so Mohr. Der Gemeinderat braucht nicht zuzustimmen, das regelt Mohr mit den zuständigen Ämtern. Nach eineinhalb Jahren wird evaluiert, da schauen sich Rat und OB an, wofür das Geld ausgegeben wurde.

Gemeinderat und Verwaltung profitieren

Die Beteiligungskultur kommt jedenfalls bei den Bürgerinnen und Bürgern gut an. Die Identifikation der Herrenberger mit ihrer Stadt sei gewachsen, sagen übereinstimmend OB Sprißler und Mohr. Die Leute können sich einbringen, wissen, dass ihr Engagement nicht verpufft. „Wenn Menschen spüren, sie können etwas etwas umsetzen, sind sie engagierter“, sagt der OB.

Kompetenzprobleme durch so viel bürgerschaftliches Engagement gab es bislang nicht, so Sprißler. Die Spielregeln müssen klar definiert sein: der Beteiligungsprozess muss „sauber aufgesetzt“ sein, die Rückkoppelung muss funktionieren, letztlich entscheide der Gemeinderat. Doch er bekomme durch das Know-how der Bürger eine „bessere Entscheidungsgrundlage“, er profitiert vom Wissen der Bürger, die Verwaltung bekomme wertvollen Input.

Auch von den Mitarbeitern der Verwaltung kommt ein „positives Feedback“, ergänzt Mohr. Bürgerschaftliches Engagement sei in den Ämtern und den Köpfen angekommen. Zwar gebe es im Vorfeld von Projekten und Prozessen Mehrarbeit, aber „nach hinten heraus wird es weniger“, sie nehme den Ämtern auch Arbeit ab. Außerdem gebe es weniger Leute, die am Schluss protestieren und weniger Anhörungen.

In Herrenberg werden Bürger ganz früh in Prozesse eingebunden und realisieren eigene Projekte
Ina Mohr koordiniert in Herrenberg das bürgerschaftliche Engagement. Hier sitzt sie im neuen interkulturellen Garten, einem Projekt der Bürger. Bild: Hantke

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular