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Jeder "Stolperstein" ein Schicksal

In Handarbeit hergestellte Messingtafeln erinnern an die Nazi-Opfer

Mehr als 30 000 "Stolpersteine" erinnern an die Opfer der Nazis. Die Gedenksteine entstehen in einer Werkstatt in Berlin, in mühevoller Handarbeit.

17.08.2011

Von TERESA DAPP, DPA

Berlin Vorsichtig setzt Michael Friedrichs-Friedländer den Stahlstempel auf die glänzende Messingplatte. Ein einziger Schlag mit dem Hammer, die Kraft genau dosiert - dann sitzt das "E", gerade und an der richtigen Stelle. "Korrigieren ist schwierig", erklärt der 61-Jährige, "ich kann zwar aus einer Neun eine Acht machen, aber nicht aus einem W ein I." Friedrichs-Friedländer arbeitet an einem sogenannten Stolperstein, einem Teil des großen Stolpersteine-Projekts des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Seit 1995 erinnert Demnig an Opfer des Nationalsozialismus, indem er kleine Gedenktafeln aus Messing vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort in den Boden einlässt. "Hier wohnte. . .", steht auf den zehn mal zehn Zentimeter großen Tafeln, dann Name und Geburtsdatum des Opfers und Informationen zu Deportation und Ermordung.

Mehr als 30 000 Steine sind inzwischen verlegt, in mehr als 650 Orten in Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien, Polen, Norwegen und anderen europäischen Ländern. Die Nachfrage ist riesig. Zu Beginn fertigte Demnig die Steine noch selbst, aber irgendwann kam er einfach nicht mehr hinterher. Seit 2005 beschriftet deswegen der Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer in seiner Werkstatt in Berlin-Buch die Messingtafeln und gießt sie in Betonsteine ein, damit sie sicher im Pflaster verankert werden können.

In den vergangenen sechs Jahren hat Friedrichs-Friedländer mehr als 24 000 Stolpersteine hergestellt, jeden einzeln, jeden in Handarbeit. Hunderte lagern in seiner Werkstatt auf Paletten. An einem guten Tag schafft der Bildhauer knapp 30, an manchen aber geht gar nichts, weil es eben nicht nur ein Handwerk ist.

"Jeder Stein ist wichtig, jeder steht für ein Schicksal. Ich bekomme ja ganze Familiengeschichten mit. Man kann sich nicht vorstellen, was für ein Film in meinem Kopf abläuft, wenn ich arbeite." Friedrichs-Friedländer hält sich gerne im Hintergrund, nur ein einziges Mal war er dabei, als "Stolpersteine" verlegt wurden. Dass er sich trotzdem mit dem Kunstwerk identifiziert, ist dem Bildhauer deutlich anzumerken. "Ich mache auch noch was eigenes, aber zu 98 Prozent bin ich "Stolperstein"-Hersteller", sagt er. Auch Friedrichs-Friedländer selbst hat sich schon als Schüler für Geschichte interessiert, "seit ich Fragen gestellt habe, die mir keiner beantworten wollte".

Das Projekt stößt nicht nur auf Zustimmung. Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte in der Vergangenheit mehrmals geäußert, es sei "unerträglich", dass auf dem Schicksal der Ermordeten buchstäblich mit den Füßen "herumgetreten" werde. "Das kann man so empfinden", sagt Friedrichs-Friedländer und nickt. "Aber sie kann ja nicht für alle sprechen. Die meisten Angehörigen sind froh, dass an die Toten erinnert wird."

Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländerl in seiner Werkstatt in Berlin-Buch mit "Stolpersteinen". Foto: dpa

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Erstellt:
17. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2011, 12:00 Uhr

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