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Theater

Immer wieder immerzu

Wie sich die Berliner Volksbühne nach dem zur Farce geratenen, aber hochpolitisch gemeinten Besetzer-Vorspiel zum Neustart mit Beckett verschluckt.

13.11.2017
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Nach dem schon alarmierend genug gewordenen unfreiwilligen Ende der künstlerisch leistungsfähig gebliebenen Castorf-Belegschaft zogen quälende Widerständler-Wochen durchs bundesweite Feuilleton. Durften die das? Einfach als total uneinige Stadt-Guerillas die riesige Volksbühne, also das Aushängeschild des letzten verbliebenen bedeutenden Ost-Schauspielhauses, die Spielstätte rund um die Uhr in Beschlag nehmen, um so zu verhindern, dass der völlig theaterunerfahrene Museumsmann Chris Dercon aus der Volksbühne ein kunterbuntes Performance-Abspielrefugium für Gäste aller Art macht? Die Besatzer zogen jedoch, als Polizei drohte, säuberlich ab, versprachen aber, irgendwann als Störenfriede wiederzukommen.

Windige Kostproben

„Let them eat Chaos“ hieß dann ein Konzert der auch dichtenden Londoner Rapperin Kate Tempest. Das fand Anfang Oktober auf dem leerstehenden Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flugplatzes statt. Ebenfalls im Tempelhofer Programm des Satelliten-Theaters im Namen der Volksbühne forderte der festivalerprobte Choreograf Boris Charmatz dort gleich ganz Berlin zum Mittanzen auf, gefolgt von Omar Abusaadas Euripides-Verschnitt der „Iphigenie“, was syrischen Frauen als berührende Laiendarstellerinnen bei ihrer leidgeprüften Selbstfindung helfen sollte.

Nach diesen windigen Halb-Open-Air-Kostproben nun also endlich das Hauptmenü im Großen Haus. Drei Beckett-Einakter, entstanden zwischen 1966 und 1972, sollten das Zentrum bilden. Lauter leise monologische Einpersonen-Katastrophenstücke, wobei eins davon nur aus dem grell angeleuchteten Mund, rundum ist es Kuhnacht, seiner in verzweifelt-komischen Lebenserinnerungen schwelgenden Protagonistin besteht.

Diesen Mund der wunderbaren Anne Tismer (sie gehörte eine kostbare Zeit lang dem Stuttgarter Schirmer-Ensemble an) sieht man bestenfalls aus maximal fünf Metern Entfernung. Der Volksbühnen-Saal ist aber gut fünfzig Meter lang. Er verschluckt nicht nur diesen stecknadelgroß entrückten „Nicht ich“-Mund, sondern gleich den ganzen Beckett mit. Auch „Tritte“ und „He, Joe!“ sind kopfgeborene Spiele der Erinnerung vom verpfuschten Leben. Wieder ist es Anne Tismer, die sich bewunderswürdig den abgezirkelten Sprechakten hingibt.

Inszeniert hat das der 76-jährige Walter D. Asmus, seit vierzig Jahren weltweit gefragter wortgetreuer Beckett-Testamentsvollstrecker (und früher mal Schauspieldirektor im Karlsruher Badischen Staatstheater). Museal also. Aber das passt ja ins Konzept des Museumsmannes Dercon, der deshalb den weit größeren Teil des lähmend leeren Vier-Stunden-Abends dem bildenden Künstler Tino Sehgal anvertraut hat.

Eine Stunde Stühle rücken

Und das funktioniert nun vollends überhaupt nicht. Dessen Please-join-us-Performances und Installationen kennt man in Berlin schon aus einer Ausstellung im Gropius-Bau. Sein erster Theater-Beitrag besteht schlicht daraus, dass aus allen greifbaren Lautsprecheranlagen des Hauses mehr als eine halbe Stunde lang bassbrummender Höllenlärm tost und so die von Flackerlicht diffus vernebelten Besucher zum Schreien zwingt, wollten sie sich denn wenigstens untereinander in ihrer umherirrenden Ratlosigkeit verständigen.

Sehgals inszenatorischer Höhepunkt: Er lässt den Kronleuchter langsam auf das Publikum herunter sinken, das zunächst auf dem nackten abgestuften Boden Platz zu nehmen hat. Danach werden von einer Helfer-Heerschar Stuhl für Stuhl echte Sitzgelegenheiten zur freien Platzwahl reingeschafft. Das dauert eine Stunde, die man in den Seitenfoyers mit dem Betrachten genialer alter Südfunk-TV-Aufzeichnungen von Becketts selbstinszenierten Pantomimen „Geistertrio“ und „Quad“ verbringen darf. Immer wieder und immerzu, um es im Beckett-Jargon zu sagen.

Von zwei weiteren Seghal-Inventionen mit einer Mangamaskenpuppe und selbstverloren vor sich hin wispernden Kindern versteht man kein Wort, denn ringsum unterhält sich inzwischen das ziellos wuselnde Publikum am liebsten nur noch mit sich selbst. Oder wandert ab ins Foyer, wo früher die Kassen waren, jetzt stattdessen Getränke ausgeschenkt werden.

Nach dem Beckett wird natürlich der große Saal wieder umständlich abgeräumt, diesmal singen sie dazu und später wird auch etwas getanzt „anywhere out of the world“. Na, dann Prost! Bei Beckett hieß es übrigens: „Das Beste kommt noch!“ Von wegen!

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13.11.2017, 06:00 Uhr
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