Altstadt-Leben (4): Eine faire Gasse mitten in der Stadt

Immer mehr Menschen achten auf nachhaltig hergestellte Kleidung und Schmuck – auch das Angebot

Coole Klamotten, die ökologisch und fair hergestellt sind – gibt?s sowas überhaupt? Das gibt?s: mitten in Tübingen, und zwar immer öfter. Ein Rundgang in Sachen fairer Handel.

23.06.2014

Von Volker Rekittke

Tübingen. Vor ein paar Jahren gehörte Giuseppina Mari noch selbst zu den Zweiflerinnen. Öko-Kleidung, noch dazu aus fairem Handel: Das kann doch nur was für eingefleischte Alternative sein. Leute, denen man ihren Drang zur Weltverbesserung ansehen kann. Dann besuchte die Modedesignerin die „Green Fashion Week“ in Berlin – und ließ sich davon überzeugen: „Das alte Klischee bio und fair gleich schlabber und uncool stimmt nicht mehr.“ Grüne und fair produzierte Kleidung ist modisch längst auf dem gleichen Stand wie konventionell hergestellte. Und vielleicht schon ein bisschen cooler – weil sie mit gutem Gewissen getragen werden kann

„Es kommen immer wieder Kunden in den Laden und sagen: ’Durch Bangladesch ist mir etwas klar geworden‘“, sagt Modedesignerin Giuseppina Mari von „style afFAIRe“ in der Marktgasse.

Der Einsturz einer Fabrik in Bangladesch am 24. April 2013 war eine Zäsur: 1100 Textilarbeiter/innen starben. „Es kommen immer wieder Kunden in den Laden und sagen: ?Durch Bangladesch ist mir etwas klar geworden?“, sagt Mari. Aktivist(inn)en riefen den Jahrestag des Fabrikunglücks zum weltweiten „Fashion Revolution Day“ aus. „Wer macht deine Kleidung?“ – um diese Frage zu klären, stellten beteiligte Läden am 24. April ihre Ausstellungsstücke so ins Schaufenster, dass Etiketten samt Herkunftsbezeichnung zu sehen waren – auch bei „style afFAIRe“ in der Tübinger Marktgasse war das so. Die Green-Fashion-Boutique hatte Mari zusammen mit Barbara Rongen im vergangenen September gegründet. Seitdem läuft der Laden. Die Kundschaft ist gemischt: „Von 17 bis 70“, sagt Giuseppina Mari: Studenten, die vegane Schuhe suchen, Frauen und Männer, die keine Textilchemie auf der Haut haben wollen – und die wissen wollen, unter welchen Bedingungen Hose, Hemd oder Socken hergestellt wurden.

Socken aus Bio-Baumwolle? Mit „Fair-Wear-“ oder „GOTS“-Siegel? Die Zinser-Verkäuferin schüttelt den Kopf. Ihre Kollegin glaubt, dass Falke-Strümpfe in Deutschland produziert werden – aber genau weiß sie es nicht. Ziemlich sicher ist hingegen die junge Verkäuferin bei Mode Lüllich in der Kirchgasse: „Falke produziert in Deutschland.“ Das stimmt und stimmt doch nicht, ergibt eine Internet-Recherche: 800 Menschen arbeiten am Falke-Stammsitz in Schmallenberg, insgesamt sind es über 3000 Beschäftigte in Deutschland, Serbien, Südafrika, Portugal und der Slowakei.

Immer öfter in Tübingen zu sehen: das Fairtrade-Siegel.

Nein, Kleidung mit Fair- oder Öko-Siegel habe man nicht im Sortiment, sagt Stefan Rinderknecht. Immerhin: „Wir sind an dem Thema dran – unsere Einkäufer haben das im Kopf“, verspricht der Tübinger Zinser-Geschäftsführer. Auch Rinderknecht glaubt, dass Nachhaltigkeit für die Kunden immer wichtiger wird.

„Die Sachen verkaufen sich sehr gut“, sagt Verkäuferin Elida John vom „BezahlBar“. Seit einigen Monaten hat der Jeans- und Mode-Laden in der Collegiumsgasse die Fair- und Bio-Labels Skunkfunk (Kleider), Kuyichi (Jeans) und Armedangels (Shirts) im Sortiment. „Gegen Kinderarbeit“ oder „Existenzsichernde Löhne“ steht auf deren Anhängern. Die Sachen seien angesagt, so John: „Die Leute fragen danach.“

„Vor allem bei Trauringen ist es den Leuten immer wichtiger, woher das Material stammt“, beobachtet Goldschmiedemeister Hannes Brötz von „GrünGold“ in der Marktgasse.Bilder: Rekittke

Die Kunden von Hannes Brötz kommen aus Tübingen, Reutlingen, manche sogar aus dem Großraum Stuttgart. Gold, Silber und Edelsteine haben noch einen sehr viel weiteren Weg hinter sich, bevor Goldschmiedemeister Brötz und seine Kollegin Anna Römer die Rohstoffe in die Hände nehmen. Das Gold für die Ring- und Schmuckschmiede von „GrünGold“ kommt aus dem argentinischen Hochland („Eco Andina“), das Silber aus Oruro in Bolivien, Edelsteine aus Brasilien und Diamanten aus Australien. In allen Minen wird nicht nur auf gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne geachtet, sondern auch auf einen die Umwelt schonenden Abbau. „Vor allem bei Trauringen ist es den Leuten immer wichtiger, woher das Material stammt“, sagt Brötz. Weltweit würden bei der Goldgewinnung riesige Landstriche ökologisch verwüstet. In großen Minen wird die goldhaltige Erde mit Cyanidlauge getränkt, das Gold so gebunden. Cyanid ist bereits in kleinsten Dosen tödlich.

Auch „GrünGold“ ist seit ein paar Monaten in der Tübinger Marktgasse zu finden – gleich neben den zwei Frauen von „style afFAIRe“. Vollends zur „Fairen Gasse“ werden die paar Meter Altstadtpflaster, wenn man sich in der Nachbarschaft umschaut: Der Outdoorladen Biwakschachtel ist hier vertreten. Dort gibt?s auf Nachfrage kundigen Rat zum Öko- und Fair-Potenzial von Wanderschuhen und Trekkingsandalen, Zelten und Schlafsäcken. Firmen wie Mammut, Vaude oder auch Jack Wolfskin schneiden beim bislang letzten Outdoor-Firmencheck der „Clean Clothes Campaign“ ohnehin ziemlich gut ab (siehe Kasten rechts unten). Im Fair Trade Shop Contigo gibt?s kaum Kleidung, dafür eine Kaffeerösterei und viele Teesorten, Schokolade, Körbe und Taschen, Schmuck, Geschirr, Hängematten und Geschenkideen.

Verkaufen sich gut: T-Shirts des Fair- und Öko-Labels Armedangels im „BezahlBar“ in der Collegiumsgasse.

Bruno Gebhart-Pietzsch leibt ein Veteran der Fairtrade-Bewegung, lange bevor es die überhaupt gab – zumindest unter diesem Namen. Gebhart-Pietzsch zog vor ein paar Jahren mit seinem Fairen Kaufladen von einer Seite der Marktgasse auf die andere. Bereits 1973 war das Urgestein des grün-alternativen Tübingen Mitbegründer des Weltladens (der heute in der Lange Gasse 64 zu finden ist).

Schon zu Zeiten, als von Tübingen aus noch Solidaritätsbrigaden ins revolutionäre Nicaragua fuhren, verkaufte Gebhart-Pietzsch den damals „Sandino-Dröhnung“ genannten Kaffee von Kooperativen. Und natürlich jede Menge Literatur über die Befreiungsbewegungen Mittel- und Südamerikas. Heute gibt?s „bei Bruno“ immer noch Bücher und Kaffeebohnen – aber auch fair gehandelte Bio-Bananen, Schokolade, Honig und Tee, dazu Zeitschriften und Postkarten – sowie Buttons und Aufkleber. Politische, natürlich.

Info: Seit Dezember 2010 ist Tübingen Fairtrade-Stadt. Am Freitag, 27. Juni, findet von 9 bis 17 Uhr auf dem Tübinger Holzmarkt ein „Fairer Markt“ mit zehn Anbietern statt.

  • Welche Kleidung ist bio, welche fair gehandelt? Welches Siegel bedeutet was – und wo finde ich nachhaltig hergestellte Jeans, T-Shirts oder Outdoor-Bekleidung? Wer sich im Internet auf die Suche begibt, wird irgendwann fündig. Die Vielzahl an Siegeln und Firmen kann aber auch verwirren.
  • >Eine Übersicht gibt es auf dieser Webseite www.fairtradekleidung.org
  • >Die Kampagne für Saubere Kleidung ist bei www.saubere-kleidung.de zu finden.
  • >Eine Bewertung von Textil- und Outdoorfirmen wird auf den Seiten der „Clean Clothes Campaign“ („Erklärung von Bern“) aufgelistet. Fazit des Outdoor-Firmenchecks 2012: Der Fokus wurde auf soziale Aspekte ausgeweitet, die Branche transparenter: „Die Zahlung eines Existenzlohnes bleibt aber für alle Unternehmen eine Herausforderung.“
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Erstellt:
23. Juni 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juni 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2014, 12:00 Uhr

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