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Fünf Jahre nach Fukushima: Wie die Betroffenen mit der Reaktorkatastrophe leben

Im verseuchten Land

Am 11. März 2011 wurde Japans Nordostküste von einem Erdbeben und einem Tsunami heimgesucht. In der Folge kam es zum Atomunfall von Fukushima. Wie geht es den Menschen dort heute?

10.03.2016
  • MICHAEL STÜRZENHOFECKER

Der Staub von fünf Jahren ruht auf den Autos in Namie. Die Kleinstadt liegt heute zum großen Teil hinter Barrikaden, davor wachen Polizisten mit Atemschutzmasken, Kameras sollen vor Plünderungen schützen. Nur der heulende Wind ist in dem Küstenort zu hören, auf Absperrgittern blinken Warnlichter seit Jahren vor sich hin. Im März 2011, als nach einem Erdbeben ein Tsunami hereinbrach und anschließend drei Reaktorkerne im zehn Kilometer entfernten Kernkraftwerk Daiichi schmolzen, wurde Namie zur Geisterstadt und viele der Einwohner zu Heimatlosen.

Yoshiku Amano bricht in Tränen aus, wenn sie von den seltenen Fahrten zu ihrem ehemaligen Familiensitz in Namie erzählt. "Das ist nicht mehr mein Zuhause", sagt die 64-Jährige. An mehreren Checkpoints muss sie sich ausweisen, um zu ihrem Haus durchgelassen zu werden. Dort haben sich inzwischen Kakerlaken und Mäuse breitgemacht, davor Wildschweine. Sie erkenne ihr Haus nicht wieder, obwohl dort in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert wurde.

Seit der Evakuierung kurz nach dem Tsunami lebt Amano in einer Übergangsunterkunft am Rand der Sperrzone, die wegen der erhöhten Radioaktivität eingerichtet wurde. Auf wenigen Quadratmetern wohnt sie Tür an Tür mit anderen, meist älteren Evakuierten. Mehr als 300 000 verließen nach dem Reaktorunglück ihre Häuser, fast 50 000 leben wie Amano bis heute in sogenannten Temporary Housing Complexes.

Die Übergangslager waren zunächst auf drei Jahre angelegt. Inzwischen gehen viele davon aus, dass sie noch Jahre existieren werden. Freiwillige aus ganz Japan bieten dort, unterstützt von internationalen Organisationen, Bastelkurse, Gymnastik oder Massage an. Caritas International leistet psychologische Hilfe, unter anderem mit Gärtner-Projekten, um vor allem Männer anzusprechen, die direkte Hilfe meist ablehnen und sich zurückziehen. Untersuchungen in Fukushima haben gezeigt, dass mehr Menschen an meist psychisch bedingten Spätfolgen gestorben sind, als direkt bei der Katastrophe.

Auch die ehemals 1500 Bewohner des Dorfes Katsurao mussten 2011 ihre Heimat verlassen. Sie fassten einen wahrscheinlich einmaligen Entschluss und zogen gemeinsam um. Zwei Mal wurden sie seitdem verlegt, heute leben nur noch gut 830 Einwohner zusammen in Miharu etwas außerhalb der Sperrzone. Katsuraos Bürgermeister Masahide Matsumoto ließ dort ein eigenes Verwaltungszentrum für seine Einwohner errichten. 290 leben vor dem weißen Leichtbau in einer Übergangseinrichtung, der Rest verstreut im Ort. Jetzt aber will der 79-Jährige zurück. Im Oktober endet seine wahrscheinlich letzte Amtszeit, ab März hebt Japans Regierung die Evakuierungsverordnung des Dorfes auf. "Es gibt Familien, die seit mehr als 20 Generationen in Katsurao leben", sagt Matsumoto. Es sei seine Pflicht und vielleicht letzte Amtshandlung, den Ort wiederzubeleben und die Bürger zurück in ihre Heimat zu bringen.

Die aber wollen oft gar nicht. Die Gemeinde ließ eine Umfrage durchführen. 47 Prozent sprachen sich für eine Rückkehr aus. Es sind vor allem die Älteren, gibt Matsumo zu. Durchschnittlich 65 Jahre seien die Ja-Sager alt. Sie fürchten mögliche Langzeitfolgen der Radioaktivität nicht und haben kaum Anschluss in ihrer neuen Heimat gefunden. Durchschnittlich 30 Jahre alt waren hingegen jene, die gegen eine Rückkehr stimmten. Viele von ihnen haben eine neue Arbeit und Schulen für ihre Kinder gefunden, die sie nun nicht wieder aufgeben wollen. Und sie haben Angst um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder.

Fünf Jahre nach Erdbeben und Tsunami sind die meisten Schäden in Japan ausgebessert, in der Präfektur Fukushima jedoch gehen die Aufräumarbeiten nur langsam voran. Zu den schnellen, heftigen Naturkatastrophen gesellte sich das Reaktorunglück mit seinen langwierigen Folgen. Nach dem Unfall wehte der Wind einen Großteil der radioaktiven Partikel aufs Meer hinaus. Dann drehte er und verheerte die Region. Die Strahlendosis variiert bis heute von Hügel zu Hügel, Straße zu Straße. Die Behörden evakuierten erst nach und nach. Zehntausende verließen die Region als "freiwillige Evakuierte". Bis heute trauen viele den Angaben der Regierung und des Kraftwerkbetreibers Tepco nicht.

Um die Region wieder bewohnbar zu machen, schrubben jeden Tag tausende Arbeiter Wände, Mauern und Böden. Die Behörden lassen auf den Feldern die obere Erdschicht abbaggern und in schwarze Säcke packen. Um voranzukommen, werden nur die ehemals bewohnten Orte und 20 Meter darum herum gesäubert. Der Rest des Gebietes bleibt verseucht.

Viele evakuierte Dörfer seien kaum wieder zum Leben zu erwecken, sagt Ana Mosneaga, die an der Universität der Vereinten Nationen in Tokio die Folgen des Unglücks für die Bevölkerung untersucht. Mancherorts stehe mehr als die Hälfte der Häuser leer. Lange gewachsene wirtschaftliche Strukturen seien nur schwerlich wieder zu errichten. Früher tauschten Landwirte ihre gesammelten Pilze und ihr selbstangebautes Gemüse, das gehe angesichts der Radioaktivität nun nicht mehr. Sie glaube nicht, dass viele das Risiko wagen in den Dörfern Geschäfte zu eröffnen - geschweige Arztpraxen, die angesichts der Alterung dringend benötigt würden.

Die Orte seien mit einem demografischen Wandel konfrontiert, der ohne die Katastrophe erst in 30 Jahren eingesetzt hätte. Früher hätten die Menschen gefragt "Wann gehen wir zurück?" Jetzt sei die Frage: "Wohin kehren wir zurück?"

Die Säuberungsmaßnahmen haben einen großen Teil der radioaktiven Verschmutzung beseitigt, nicht aber die Verunsicherung. Die Evakuierten wissen nicht, ob sie in ihrer alten Heimat je wieder Arbeit finden, ein Geschäft gründen, Ackerbau oder Fischerei betreiben können. Sie fragen sich, wie gefährlich die inzwischen stark reduzierte Radioaktivität wirklich ist und ob sie die einzigen wären, die zurückkommen. Nicht nur der Ort ist kontaminiert, auch der Name Fukushima.

Amano hat sich inzwischen entschieden, nicht mehr in die Geisterstadt Namie zurückzukehren. Sie bewarb sich bei der staatlichen Lotterie für die Evakuierten und gewann ein Haus in dem Ort, in dem ihr älterer Sohn lebt. Er arbeitet genau wie ihr zweiter Sohn bei dem immer noch größten Arbeitgeber der Region, dem Kernkraftwerk Daiichi. "Wegen des Geldes", sagt Amano. Ihr Zuhause jedenfalls sei dort, wo ihre Familie lebe.

Daten und Fakten

Opfer Fast 16 000 Menschen kamen in ganz Japan beim Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami um, 2500 gelten bis heute als vermisst. Mehr als 2000 Tote wurden als indirekte Folge der Katastrophe in der Region Fukushima anerkannt.

Schäden Mehr als 120 000 Häuser wurden völlig zerstört, etwa eine Million Gebäude wurden beschädigt und sind teils unbewohnbar. Japans Regierung rechnet mit Folgekosten von mehreren hundert Milliarden Euro.

Evakuierte Nach der Reaktorkatastrophe brachten Behörden etwa 170 000 Menschen aus der Evakuierungszone um das Kraftwerk Fukushima, nochmal so viele verließen das Gebiet aus eigenem Antrieb. Etwa 100 000 Menschen galten noch Anfang 2016 als Evakuierte, fast 50 000 davon (Stand: Ende Februar 2016) leben in Übergangseinrichtungen rund um die Sperrzone. Bis März 2017 sollen alle Evakuierungen aufgehoben werden.

Sperrzone Die Regierung verhängte zunächst eine Sperrzone von 3 Kilometern um das Kraftwerk, dann 10, später 20, schließlich 30. Noch gilt die 20-Kilometer-Zone. Allerdings wird in einigen Gegenden darin eine weniger hohe Strahlung gemessen, in einigen Gegenden außerhalb liegt sie dafür weitaus höher, sie dürfen ebenfalls nicht betreten werden.

Krebs Laut einem Bericht der Uno wurde bisher keine signifikante Erhöhung der Krebsrate im Raum Fukushima registriert.

Energie Japan verfügte vor der Katastrophe über 48 Atomkraftwerke, die anschließend alle heruntergefahren wurden. Jetzt steigt das Land wieder in die Kernenergie ein. mst

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10.03.2016, 08:30 Uhr
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