Tübingen · Weinhaus Beck

Stadtgespräche im gläsernen Separee

Die Youtube-Reihe „Marktplatz TV Tübingen“ holt seit knapp drei Wochen Marktplatz-Gespräche aus dem Schaufenster auf die Bildschirme.

11.04.2020

Von Monica Brana

Im Schaufenster der Weinstube Beck vor dem leeren Marktplatz unterhielten sich Osiander-Chef Heinrich Riethmüller (links) und Dorothee Kimmich, Literaturwissenschaftlerin und hier Moderatorin, über die Buchbranche in Corona-Zeiten. Selbstverständlich hinter einer Plexiglasscheibe. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und ist im Internet als „Marktplatz Tübingen TV“ anzusehen. Bild: Ulrich Metz

Der Marktplatz ist wegen der Ausgehbeschränkungen meist leer, doch füllt sich der Schaufensterkasten vor dem Weinhaus Beck seit Ende März regelmäßig mit Lokalprominenz, die bei Wasser oder Wein über ihr Geschäft oder ein Thema spricht, das sie umtreibt. Das Ganze wird aufgezeichnet und ist in der Reihe „Marktplatz TV Tübingen“ im Internet anzusehen. 10000 Zugriffe erhoffe er sich über Ostern, sagte Weinhaus-Betreiber Ralf Schulz dem TAGBLATT am Donnerstagabend, als Literaturwissenschaftlerin Prof. Dorothee Kimmich und Osiander-Chef Heinrich Riethmüller die Gläser ergriffen – da stand der Zuschauerzähler bei gut 6800.

Die beiden vertieften sich in ein Gespräch über die Buchbranche, irgendwann schaltete Stadtpost-Betreiber Kutay Nergues die Kamera an und zeichnete den Dialog auf. Es ging um Auswirkungen der virusbedingten Zwangsschließungen auf Verlage und diesjährige Events, die abgeblasen werden mussten. Ihm komme zu Ohren, „der große Osiander“ mit seinen mehr als 70 Filialen und gut 700 Mitarbeitern werde die Krise schon meistern, sagte Riethmüller. Sein Großvater kaufte vor 100 Jahren mit einem Partner die 1596 gegründete Buchhandlung. Das Unternehmen habe den Zweiten Weltkrieg überlebt, 2019 kriselte wochenlang die IT-Infrastruktur des Großbetriebs, als sich ein Computervirus einnistete.

Im Einzel- und im Buchhandel häuften sich keine großen Reichtümer an, betonte der 64-Jährige. Er schlafe derzeit schlecht. Die Coronakrise werde wohl Entlassungen nach sich ziehen.

Zu seinen Corona-Lesetipps gehört Pascal Merciers „Das Gewicht der Worte“. „Ein bisschen lang“ sei der gut 500 Seiten dicke Hanser-Wälzer vielleicht. Der „Nachtzug nach Lissabon“-Autor sei eigentlich der Philosoph Peter Bieri, der sich hinter dem Pseudonym verbarg, um seiner Schreiblust ungehindert durch hämische Kritiker aus der akademischen Welt nachzugehen, erläuterten die Literatur-Experten.

„Da könnten wir grade so sitzen bleiben“, fand Riethmüller nach einer Viertelstunde, was die bereits in mehreren Folgen aufgetretene Literaturprofessorin, die als Moderatorin und Gesprächspartnerin fungiert, und der Buchhändler denn auch taten. Das Video mit Riethmüller soll im Laufe des Wochenendes ins Netz kommen. Zuvor war etwa auch bereits Bürgermeisterin Daniela Harsch zu Gast.


„Wir machen normalerweise zwei Folgen am Tag“, sagte Stefan Schäfer, der in der Stube vor einem aufgeklappten Laptop saß. Er kümmert sich um die Technik, schneidet die Filme, stellt sie online. Zwei bis drei Stunden Arbeit stünden an, bis eine Folge fertig sei, sagte der mit Schulz befreundete Architekt. Der Youtube-Kanal des Weinhauses Beck ging am 22. März online, die erste Folge zum Thema „Bleibt zu Hause!“ folgte zwei Tage später. „Lass uns ein bisschen TV spielen“, hätten er und etwa ein Dutzend andere beschlossen, als Weinseminare ausfielen, Lokale schlossen, der Alltag sich radikal wandelte, erläuterte Schulz. Nun gehe es darum, möglichst gelassen durch diese Krise zu navigieren.

„Die Gespräche öffnen den Blick für andere Perspektiven“, findet Nergues. „Wir suchen immer Talente“, schließt sich Schäfer an.

Wer sich bei „Marktplatz Tübingen TV“ einbringen möchte, solle sich melden, ermuntert Schulz die Tübinger. Ebenso wie für Weinbestellungen stehe er dazu unter Telefon 07071/22772 oder per Email an info@weinhaus-beck.de zu Verfügung.

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Erstellt:
11. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2020, 01:00 Uhr

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