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Kommentar · Zementmord

Im Zweifel für die Freiheit

Empathielos, beziehungsunfähig, manipulativ: Das Stuttgarter Landgericht hat sich in der Urteilsbegründung keine Illusionen gemacht, wen es da auf die Menschheit loslässt.

12.04.2018
  • ROLAND MÜLLER

Es sieht Deniz E. als psychisch gestörten Sträfling, der in Haft nie therapiert wurde – und sogar wahrscheinlich wieder (klein-)kriminell wird. Dass der Haupttäter des „Zementmord“-Falls dennoch freikommt, werden viele mit Unverständnis quittieren. Dafür war die Tat, bei der das Opfer erschlagen, zerstückelt und in Blumenkübel einbetoniert wurde, auch schlicht zu brutal.

Doch wichtig ist: Deniz E. hat seine Strafe abgesessen. Zehn Jahre Gefängnis, das ist das Höchstmaß für jugendliche Straftäter. Danach gibt es ein Recht auf Freiheit. Wenn der Staat jemanden trotzdem weiter wegsperren will, geht das nur in extremen Ausnahmefällen – etwa bei Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder töten werden. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung ist, plump gesagt, gedacht für „Bestien“ in Menschengestalt, die nur warten, ihre Mord- oder Vergewaltigungsphantasien wieder ausleben zu können.

In dieser Kategorie sieht das Gericht Deniz E. nicht, und man kann dem folgen. So hat er zum Beispiel in zehn Jahren Gefängnis nie einen Menschen attackiert. Und er war nicht einmal vorbestraft, als er 2007 mit 18 Jahren zum Mörder wurde. Nun ist er 29, und selbst die psychiatrischen Gutachter sind sich uneins, wie seine Prognose ausfällt.

Das Strafrecht, jenes für Jugendliche zumal, geht davon aus, dass jeder eine Chance auf Resozialisierung hat. Das ist nicht populär und auch ein Risiko, aber der Grundsatz ist richtig. Auch deshalb hat sich das Gericht im Zweifel für die Freiheit entschieden.

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12.04.2018, 06:00 Uhr
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