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Der berühmteste Speisewagen der Weltgeschichte

Im Wald von Compiègne wurden zwei Kapitulationen unterzeichnet: 1918 von Deutschland, 1940 von Frankreich

Hitlers Rache-Symbolik: Frankreich musste im Zweiten Weltkrieg dort kapitulieren, wo die Deutschen im Ersten Weltkrieg kapituliert hatten. Der Eisenbahnwaggon von Compiègne ist heute ein Museumsstück.

04.10.2014
  • HELMUT SCHNEIDER

Paris Das berühmteste Vehikel des Ersten Weltkrieges ist gefaked, wie man heute neudeutsch sagen würde: nachgemacht, also gefälscht, jedenfalls nicht mehr im Original vorhanden. Es steht in einem kleinen Museum, man zahlt ein paar Euro Eintritt und kann ihn dann auf einem Steg umrunden - den Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne, unweit der französischen Hauptstadt Paris. Hier endete am 11. November 1918 offiziell der Erste Weltkrieg.

Eine Handvoll Besucher sind an diesem Vormittag in die abgelegene Gedenkstätte gekommen. Sie sehen Zeitungsausschnitte und Dokumente an der Wand. Vor allem sehen sie hinein in den nachgebauten Waggon, sehen einen Tisch darin mit alten Telefonen drauf und mit den Namensschildern derer, die hier den für Deutschland und die Welt folgenreichen Waffenstillstand unterzeichnet haben. Deutschlands Quasi-Kapitulation gegen den damaligen Erzfeind Frankreich wurde in einem Eisenbahnwagen unterzeichnet.

Das allein hätte nicht ausgereicht, den Wagen und den Wald so weltberühmt zu machen, dass die Google-Suchmaschine zum Stichwort Compiègne eine halbe Million Fundstellen aufruft. Aber der Waggon war gut 20 Jahre später wieder Schauplatz der Weltgeschichte, jetzt im Zweiten Weltkrieg. Dieses Mal unter umgekehrtem Vorzeichen. Dieses Mal, am 22. Juni 1940, ließ Hitler die Franzosen nach ihrer schnellen Niederlage die Kapitulation unterzeichnen - im selben Waggon, an selber Stelle. Auch die größten Feldherrn aller Zeiten, vielleicht gerade sie, befriedigten ihre Rachegelüste bisweilen mit feinem Gespür für eine den Feind entwürdigende Symbolik.

Das zweite Kapitel der Compiègne-Geschichte freilich ist in dem kleinen Museum fast nur beiläufig dokumentiert. Frankreich erinnert sich ganz offensichtlich lieber des Ersten Weltkrieges, der für das Land "La grande guerre", der Große Krieg, war. Das sieht man auch daran, dass die Kriegerdenkmäler, die auch heute noch in jedem französischen Dorf stehen, an den "grande guerre" gemahnen und weit weniger an den Zweiten Weltkrieg.

Übrigens: Für den Großen Krieg steht der Name Verdun wie kein zweiter. Das eindrucksvolle Mahnmal dort wird jeder sehen wollen, der sich auch für den berühmtesten Eisenbahnwaggon der Welt interessiert. Reisetechnisch ist das für Deutsche ideal: Verdun liegt auf halbem Weg zur legendären Lichtung im Wald von Compiègne.

Wo aber ist das Original des Waggons? Es hat sich in Rauch aufgelöst, irgendwo in Thüringen. Die genauen Umstände seiner Zerstörung sind ungeklärt. Wurde der Wagen mit der Nummer 2419 D in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs von britischen Bombern zerstört? Oder aber im März 1945 von Hitlers SS, damit er nicht in die Hände der heranrückenden US-Armee fiel? Andere behaupten, er sei dort, bei Crawinkel nahe der Stollenanlage Jonastal, von ehemaligen Gefangenen des Lagers Ohrdruf in Brand gesteckt worden. Oder aber von der Zivilbevölkerung? Jedenfalls ging das symbolträchtige Stück aus dem Inventar der Weltgeschichte gänzlich unspektakulär und anonym zu Grunde. Was wiederum die Legenden-Bildung kräftig befördert haben dürfte. Zumal sich dort im Jonastal, wo sich die Spur verliert, ohnehin schon allerlei Mythen ranken um das letzte "Führerhauptquartier" und um irgendwelche endsiegbringenden Militärprojekte. Der Jonastalverein e.V. erforscht und pflegt dieses historische Erbe. Auch das des originalen Waggons von Compiègne.

Der nachgebaute Waggon ist nicht das einzige Museums- und Gedenkstück in der "Waffenstillstands-Lichtung". Dort sind neben verschiedenen Gedenksteinen auch Eisenbahnschienen verlegt, die an die Stelle gemahnen, wo die Züge beider Seiten gehalten haben. Die Franzosen haben die Lichtung erst Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zum Museumsgelände aufgewertet. Der berühmte Speisewagen, 1914 gebaut und bis August 1918 als solcher auch im Einsatz, war zuvor knapp zehn Jahre lang im Armee-Museum in Paris untergebracht.

Ein Eisenbahnwaggon in einer Waldlichtung nahe Paris ist zum Symbol einer Jahrhundert-Feindschaft zwischen den Nachbarn Deutschland und Frankreich geworden. Heute ist davon gottlob nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Vor dem Rathaus von Compiègne flattern heute beide Flaggen friedlich nebeneinander: die französische und die deutsche.

Im Wald von Compiègne wurden zwei Kapitulationen unterzeichnet: 1918 von Deutschland, 1940 von
Die deutsche Delegation (links) bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918 im Eisenbahnwaggon in Compiègne. Foto: dpa

Im Wald von Compiègne wurden zwei Kapitulationen unterzeichnet: 1918 von Deutschland, 1940 von

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04.10.2014, 12:00 Uhr
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