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Leitartikel · Balkan

Im Unfrieden

Eine "neue Ära" könne auf dem Balkan beginnen, hieß es vor 20 Jahren: Wenn dies so eingetroffen wäre, dann hätte diese Ära im Krieg und nicht danach begonnen. Mehr als 20 Jahre nach dem fürchterlichen Gemetzel wird im früheren Jugoslawien nichts gemeinsam beklagt und erst recht nichts bereut. Die Opfer der einen Seite sind die Helden der anderen.

23.03.2016
  • Von Norbert Mappes-Niediek, Graz

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge", wird der griechische Philosoph Heraklit zitiert. In jedem Falle ist der Krieg der Vater aller jugoslawischen Nachfolgestaaten. Fast überall sind die Anführer der einstigen Kriegsparteien heute gefeierte Staatsgründer. Wo noch nicht, steigt ihr Ansehen von Jahr zu Jahr.

In Belgrad regieren heute in trauter Koalition ein früherer Minister und ein früherer Pressesprecher von Slobodan Milosevic. In Kroatien bestimmt wieder die Partei des Staatsgründers Franjo Tudjman und agitiert gegen Serben und "vaterlandslose Gesellen". Bei den bosnischen Serben weihte gerade eben der Präsident persönlich ein Studentenheim auf den Namen "Dr. Radovan Karadzic" ein. Selbst unter den bosnischen Muslimen sind es häufiger die Islamisten, die das Gedenken an die Morde und Massaker für sich kapern. Die tapferen Bürger von Sarajevo, die einst auch ihre serbischen Nachbarn vor dem "Karadzic-Gewitter" aus Granaten in Schutz nahmen, sind als "Sehidi", als Märtyrer, nicht zu gebrauchen.

Vor zehn Jahren kamen Versöhnungsgesten in Mode. Politiker schüttelten Hände und verneigten sich vor Gräbern der anderen Seite. Zu bereinigen, zu revidieren aber hatten sie nichts. Man musste einander erst vertreiben, um sich versöhnen zu können. Wer wüsste das besser als die einstigen Kriegstreiber? Die eigentlichen Gegner des Krieges hocken im deutschen, australischen oder schweizerischen Exil, sind vergessen oder werden auf allen Seiten als Abtrünnige geführt.

Über 20 Jahre hat das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag versucht, durch Furcht und Mitleid eine seelische Reinigung zu erreichen. Vergebens: Das Interesse war nie groß und verebbte dann rasch. Gegen den stillen Triumph der Sieger aller Nationen kam der gute Wille nicht an. Schließlich hatten die Kriegsparteien ja bloß die Geschichte Europas nachgespielt: Krieg, Versöhnung, EU - alles wie überall sonst auf dem Kontinent, nur eben im Zeitraffer der 1990er Jahre. Ein Europa aus lauter Nationalstaaten würde eine solche nationale Geschichte im Nachhinein schlecht ächten können.

Inzwischen ist die Ära der Versöhnung vorbei. Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens werden gebraucht als Verbündete bei der Abwehr von Flüchtlingen. Mazedonien, das Land mit der kriminellsten Regierung auf dem Balkan, tut sich in der Rolle des Grenzwächters am eifrigsten hervor. Je weniger sich Europa als Gemeinschaft benimmt, desto schlechter kann es auf dem Balkan Geschichtsunterricht erteilen.

Mit der EU-Osterweiterung hält die Region der westlichen Wertegemeinschaft schon jetzt einen Spiegel vor: Nicht um Kooperation geht es, sondern um Konkurrenz. Kroatien, das als erstes Nachkriegsland den Beitritt geschafft hat, hat schon begonnen, seine Macht auszuspielen, und blockiert die Eröffnung des nächsten Kapitels in den Verhandlungen mit Serbien - ganz so, wie es einst Slowenien mit Kroatien tat.

Den Spruch vom Krieg als "Vater aller Dinge" hat Heraklit erläutert: "Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien." Das stimmt noch immer - und so zweifelhaft die Götter des Krieges, so zahlreich sind seine Sklaven.

leitartikel@swp.de

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23.03.2016, 08:30 Uhr
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