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Allzeit schussbereit

Im US-Städtchen Kennesaw ist das Tragen einer Waffe Pflicht - Zahl der Verbrechen nimmt seitdem ab

Verzicht auf private Schusswaffen? Im US-Städtchen Kennesaw will man davon nichts wissen. Dort ist das Tragen einer Waffe Pflicht - seit rund 30 Jahren. Schießwütig sind die Bewohner deshalb nicht.

13.03.2013

Von PETER DE THIER

In Kennesaw, einem beschaulichen Vorort der US-Metropole Atlanta im Bundesstaat Georgia, trägt jeder Erwachsene eine geladene Waffe. Nicht etwa, weil sie Angst vor Verbrechern haben, sondern weil ein 30 Jahre altes Gesetz es verlangt. Schwarzmaler, die Kennesaw "Gun Town USA" tauften und wilde Schießereien auf offener Straße prophezeien, lagen voll daneben. Kennesaw hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten in den USA, und ist stolz darauf. Angesichts der sich zuspitzenden Debatte um schärfere Waffenkontrollen steht die Kleinstadt nun wieder im Rampenlicht.

Rückblick ins Jahr 1982: Gewaltverbrechen waren fast überall in den USA gestiegen, und kurz zuvor hatte der Stadtrat in Morton Grove im US-Staat Illinois eine Verordnung gebilligt, die jedem Haushalt den Besitz einer Schusswaffe vorschrieb. Die Bürger des konservativen Südstaats Georgia, wo eine Knarre in der Nachttischschublade deutlich wahrscheinlicher ist als das Gegenteil, waren angetan von dem Beschluss in Illinois. J.O. Stephenson, damals Bürgermeister der heute knapp 30 000 Einwohner zählenden Gemeinde am Rande von Atlanta, startete eine Kampagne, die in die Geschichte eingehen würde. Er plädierte für ein Gesetz, das nicht nur jede Familie verpflichtet, mindestens eine registrierte Waffe im Haus zu haben. Der Revolver sollte außerdem schussbereit sein. Es dauert nicht lange, bis das Stadtparlament von Kennesaw nachzog und der Vorschrift mit klarer Mehrheit zustimmte.

Dass seine Initiative damals amerikaweit Furore auslöste und heute wieder im Mittelpunkt der Debatte um schärfere Waffengesetze steht, findet der nunmehr pensionierte Stephenson lustig. Gegner der Waffenherstellerlobby National Rifle Association (NRA) zeichneten damals Schreckensszenarien. Jeder noch so läppische Streit würde zu einem Schusswechsel führen, meinten sie. "Man hätte den Eindruck gewinnen können, als lebten wir in einem John Wayne Film, als würde jeder harmlose Streit zwischen Nachbarn zum Revolverduell in der Mittagssonne führen", amüsiert sich der 82-Jährige. Eingetreten ist das Gegenteil.

Tatsächlich ging die Zahl der Waffendelikte in Kennesaw kontinuierlich zurück. Kurz vor der Jahrtausendwende war die Kriminalitätsrate in den USA um zehn Prozent gesunken, im Vorort von Atlanta dagegen um fast 90 Prozent. 2007 feierte die Stadt dann ein Jubiläum, das vor allem auf der Chefetage der NRA mit Jubel quittiert wurde: Während der zurückliegenden 25 Jahre seit der Verabschiedung der Schusswaffenpflicht hatte es in "Gun Town USA" keinen einzigen Mord gegeben. Der ehemalige Bürgermeister Leonard Church glaubt den Grund zu kennen. "Jeder Verbrecher und jeder, der auch nur daran denkt, ein Verbrechen zu begehen, weiß, dass sich sein Opfer wehren kann und wird. Ist der Kriminelle nicht lebensmüde, wird er sich zwei Mal überlegen, ob der Einbruch oder der Überfall das Risiko wert sind."

Solche Sätze sind Wasser auf die Mühlen der NRA. Kein Wunder, dass Wayne LaPierre, Vorstandschef der mächtigen Lobbyistenorganisation, das Gesetz als Paradebeispiel dafür anführt, warum es unnötig sei, die Waffengesetze in den USA zu verschärfen. Denn nach dem Massaker in Newtown, Connecticut, bei dem im Dezember 26 Menschen ums Leben kamen wuchs in den Medien der Druck auf die Politiker in Kennesaw, ihre Waffenpflicht aufzuheben. Doch die Bürger des konservativen Südstaats blieben stur. "Mein aufrichtiges Beileid gilt den Opfern dieses schlimmen Massenmords", sagt Bürgermeister Church. "Tatsache ist aber, dass es bei uns nicht passiert wäre, denn die Lehrer hätten zurück geschossen." Vor Jahren kürte die Familienzeitschrift "Family Circle" Kennessaw zu einer der 10 US-Städte mit der höchsten Lebensqualität und verwies unter anderem auf die geringe Zahl an Gewaltverbrechen.

Es sind Argumente wie diese, die LaPierres Augen aufleuchten lassen. Schließlich ist die NRA seit dem jüngsten Amoklauf in der Defensive. Nicht aus dem Auge verlieren dürfe man, so der NRA Boss, dass Ausführungen wie die des Bürgermeisters nicht nur "plausibel" seien, sondern "akkurat die Haltung der meisten Amerikaner widerspiegeln." Die Behauptung steht jedoch in deutlichem Kontrast zu fast allen Umfragen.

Selbst wenn es einmal kracht, und das tat es vor drei Jahren, bleiben die Waffenfanatiker ruhig. Im Januar 2010 kehrte ein entlassener Mitarbeiter eines Kfz-Verleihunternehmens in Kennesaw an seinen Arbeitsplatz zurück, eröffnete das Feuer und streckte fünf Menschen nieder, von denen drei starben. Es sei eine tragische Ausnahme gewesen, die der langjährigen Erfolgsserie aber keinen Abbruch tue, argumentiert der Bürgermeister.

"Ständig wollen uns die Linken ins Handwerk pfuschen, in unsere Privatsphäre eindringen und uns die Kanonen wegnehmen", schimpft der Georgianer Johnny Clifton. "Doch wir werden es niemals zulassen. Die Verfassung sichert uns das Recht zu, und das werden wir verteidigen, wenn es sein muss, mit Waffengewalt."

Ruhiges Kennesaw: Polizeichef Craig Graydon hat nicht allzu viel zu tun. Die Bürger sind darauf eingestellt, sich selbst zu verteidigen. Foto: Getty Images /Bloomberg

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Erstellt:
13. März 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. März 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. März 2013, 12:00 Uhr

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