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Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Am 3. Juli 1948 fiel die schwarz-rote Hülle, die bis zur Feierstunde auf dem Marktplatz den neuen Neptun verdeckt hatte. Der öffentliche Zuspruch war groß. Bild: Stadtarchiv
Fortan schoss Wasser aus den Rohren

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt

Ein neuer Brunnen, gegossen aus Waffenschrott. Ob sich die Tübinger im Sommer 1945 tatsächlich gewundert haben, als aus den Rohren „immer blos Wasser und nie MG-Feuer herauskam“? In einem „Geheimbericht“, den das Stadtarchiv aufbewahrt, wird das jedenfalls behauptet. Dass die Stadtoberen im Herzen der Altstadt bald nach dem Krieg ein Zeichen des Friedens setzten, ist der Erinnerung wert. Ein Rückblick aus Anlass des bevorstehenden Anti-Kriegstages.

27.08.2016
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen hätte unmittelbar nach dem Krieg besser daran getan, Geld für andere Projekte auszugeben, empörten sich einige Kritiker. Dennoch setzten sich diejenigen durch, die vor allem den Brunnen im Sinn hatten. Nicht irgend einen, sondern den auf dem zentralen Platz der Stadt, auf dem Markt vor dem Rathaus. Aus dessen Brunnenbecken ragte nur noch ein steinerner Stumpf. Den bis Frühsommer 1945 noch verbliebenen Neptun-Torso hatte der erste Nachkriegs-Oberbürgermeister Viktor Renner wegen Baufälligkeit vom Sockel nehmen lassen.

Unmittelbar vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte der Tübinger Steinmetz Georg Müller diesen Neptun-Brunnen aus Sandstein gehauen. Den Plan für die Säule („Seil“) entwarf der berühmte Renaissance-Baumeister Heinrich Schickhardt. In seinem Tagebuch notierte er, dass ihm Bürgermeister und Gericht am 10. Januar 1617 einen bestimmten Geldbetrag verehrt hätten „wegen das ich in ein Abriß zu der Brunnen Seil auf dem Margt gemacht“. Schickardt, der seinerzeit in württembergischen Diensten stand, wirkte unter anderem in Tübingen, wo er auch Mühlen modernisierte und unterschiedliche Gebäude plante. Zu seinen erhaltenen Werken gehören neben dem Marktbrunnen noch das untere Schlossportal und das Collegium Illustre, das heutige Wilhelmsstift.

Ende des 16. Jahrhunderts hatte der schon zu seinen Lebzeiten sehr geschätzte Baumeister zwei längere Reisen nach Italien unternommen und dort die zeitgenössische Renaissance-Baukunst studiert. Wie sehr sie ihn für sein eigenes Schaffen inspirierte, kann man aus seinen Werken herauslesen, aber auch anhand seines mit zahlreichen Skizzen versehenen Reisetagebuchs überprüfen. Zu diesen Überlieferungen gehört auch eine Zeichnung aus dem Jahr 1599, die den Neptunbrunnen vor dem Papstpalast in Bologna zeigt. Schon der oberflächliche Blick offenbart die Ähnlichkeiten mit seinem späteren Tübinger Kunstwerk.

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Das Tübinger Vorbild: der Mitte des 16. Jahrhunderts für die Piazza Nettuno in Bologna geschaffene Neptunbrunnen, gezeichnet von Heinrich Schickhardt. Bild: Stadtarchiv

Wohlproportioniert passte sich der schlanke, hohe Brunnen in dem von hohen Giebeln gesäumten Platz ein. Dass ihn ein genialer Meister geschaffen hatte, interessierte im Laufe der folgenden Jahrhunderte offenbar wenig bis gar nicht, irgendwann ging das Wissen vorübergehend ganz verloren. Alte Stadtbeschreibungen jedenfalls enthalten keine nähere Angaben, sofern der Brunnen überhaupt erwähnt wird. Noch Mitte des 19. Jahrhundert räsonierte Karl Klüpfel in seiner Stadtgeschichte: „Ohne Zweifel so alt als das Rathaus ist der vor ihm stehende Brunnen, dessen Wasser aus dem entlegenen Hochland herangeleitet wird, und selbst das Neptunbild, das ihn schmückt, scheint aus sehr alter Zeit zu sein, da später ohne Zweifel von seiner Aufrichtung etwas gemeldet worden wäre.“

Zusehends bröselte der Sandstein, Nixen verschwanden, Ornamente brachen weg, und gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen, die einen vollkommenen Abbruch forderten. Alle waren sich einig, dass die Stelle nicht leer bleiben konnte, doch wie man sie wieder hätte füllen sollen, daran schieden sich die Geister. Am Ende fanden die Experten den bequemsten aller Kompromisse: Sie überließen das Kunstwerk dem weiteren Verfall, beauftragten aber wenigstens noch den hiesigen Bildhauer Karl Merz mit einem Gipsabguss für alle Fälle.

Maßvoller Staatenlenker auf wackligen Füßen

Wie gut man im Jahr 1904 daran getan hatte, sollte sich vier Jahrzehnte später erweisen, als man endlich handeln wollte, aber anhand der Überreste kaum noch eine Vorstellung davon hatte, wie das Original einmal ausgesehen haben könnte. Dies zumal, weil dem Neptun beide Arme und folglich auch sein kennzeichnender Dreizack fehlten. In der Etage darunter hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts gerade noch eine von vier Nymphen in den Quellgrotten aufgehalten, bald fehlten sie komplett. Und von den Nereiden parterre hatte gerade eine überlebt, auch sie schon schwer beschädigt. Als zum bitteren Ende kurz nach dem Krieg der nur noch auf wackligen Füßen stehende Neptun von seinem Podest genommen werden musste, gähnte nicht nur eine herbe Lücke im Zentrum der Stadt. Auch im übertragenen Sinne fehlte nun der Gott der Fluten, den Künstler der Renaissance als maßvollen Staatenlenker ausdeuteten. Einer, der die Wogen im Gemeinwesen zu glätten vermochte.

Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus sehnten sich nicht wenige nach einer Renaissance, einer geistigen Wiedergeburt. Es hätte im öffentlichen Raum darum wohl kaum einen treffenderen Ausdruck dafür geben können als das Bedürfnis, vordringlich den zentralen Brunnen in der Stadt zu erneuern. Eine symbolische Hinwendung zu einer Lebendigkeit, die aus tiefer liegenden Quellen zu schöpfen vermag.

Trotz großer Not ein Brunnenprojekt anzupacken, hat etwas entwaffnend Sympathisches. Dies zumal auch im Schatten einer Universität, deren Gründer einst als Ziel für seine Unternehmung vorgegeben hatte, „... helfen zu graben den Brunnen des Lebens.“ Und zwar einen Brunnen, „daraus von allen Enden der Welt unversiegbar geschöpft mag werden tröstliche und heilsame Weisheit, um das verderbliche Feuer menschlicher Unvernunft und Blindheit zu löschen“.

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Suchbild im Rankwerk des Neptunsbrunnes. Auf dieser zur Kirchgasse weisenden Seite sind rund ums Tübinger Stadtwappen vier Köpfe zu erkennen, die auch unten einzeln abgebildet sind. Links unten zusätzlich noch die Silhouette von Stadtbaumeister Karl Weidle. Bild: Sommer

Der Sozialdemokrat Viktor Renner beauftragte in seiner kurzen Amtszeit als Oberbürgermeister gerade noch seinen Stadtbaumeister Karl Weidle mit einem Gutachten, wie denn nun am besten mit der Ruine zu verfahren sei. Der Marktbrunnen sei „einer der schönsten und wertvollsten im Land“, holte der Architekt daraufhin aus. Er kannte die Diskussion noch aus den 1930er Jahren, als einmal mehr über Neptuns Zukunft debattiert worden war, letztlich mit dem alten Für und Wider, abreißen oder instandhalten. Seinerzeit hatte der Gemeinderat ein Gutachten an einen Landesgeologen vergeben und war von ihm beschieden worden: „Die Abwitterung und Ablösung des Gesteins ist so weit fortgeschritten, dass sich ein Versuch der Wiederherstellung wohl nicht mehr lohnt.“ Aufgrund der schlechten Finanzlage vertagte man die eigentlich fällige Konsequenz daraus auf einen St. Nimmerleinstag.

Bei allem Dissens im Detail, hie und da sicher auch im Grundsatz, hatten sich die Stadtverantwortlichen letztlich immer gescheut, selbst wenn nur aus Sehgewohnheit oder Denkfaulheit, die von Schickhardt für einen harmonischen Marktplatzeindruck gefundene Lösung auf andere Weise zu erreichen. Die dafür ausschlaggebende Haltung kann in einem Aufsatz nachgelesen werden, in dem der Kunsthistoriker Julius Blum 1905 darlegte, warum man so wenig Vertrauen in zeitgenössische Künstler aufbringen könne: „Obwohl unsere Architekten und Bildhauer seit zwei Menschenaltern sich im Nachschaffen und Ergänzen alter Bau- und Bildwerke üben, haben sie es noch nicht dahin gebracht, ein Werk selbständig zu bilden, dem nicht der charakteristische Stempel unserer unkünstlerischen Zeit aufgedruckt wäre.“ Und selbst bei noch so guten Entwürfen werde, weil es keine Steinmetze alten Stils mehr gebe, „die Ausführung verstümmelt“.

Bloß keine völlige Neugestaltung

Auf diese Bewertung kam auch Weidle zurück, ehe er in seinem Gutachten eine klare Position bezog und strikt gegen einen von Grund auf anderen Brunnen plädierte. Nichts dagegen, auch mal einen völlig neuen Brunnen in die Altstadt zu stellen, schrieb der Stadtbaumeister, darauf könnte man aber besser bei einer Neugestaltung des Holzmarktes zurückkommen, wenn man dort einmal eines ferneren Tages die frühere Freitreppe wiederherstellen werde. Indes sei „jede Neuschöpfung auf dem Marktplatz verhängnisvoll mit der vergleichenden Erinnerung einer Höchstleistung auf diesem Gebiet vorbelastet“.

Weil der just abgeräumte Neptun „leider im Verfallsstadium“ stand, kam für Karl Weidle nur eine Kopie in Frage, für die er jedoch keinen Steinmetz beauftragen wollte. Der städtische Architekt bevorzugte eine aus Bronze gegossene Kopie. Als Vorteil hob er hervor, dass sie nur einen Bruchteil der Steinkopie koste – „und so hätte man um sehr viel billigeres Geld einen edleren und haltbareren Brunnen als bisher“. Schon der Architekt Theodor Fischer hatte sich um die Jahrhundertwende herum für Bronze als das angemessenere Baumittel ausgesprochen, was dann auch der Tübinger Bildhauer Karl Merz aufgriff und schon 1904 vor Augen hatte, als er Abgüsse der noch vorhandenen Brunnenplastik herstellte.

Nach dem Jahreswechsel 1945/46 übernahm Adolf Hartmeyer von seinem Parteifreund Renner mit dem Amt des Oberbürgermeisters auch noch die Leidenschaft, das Brunnenprojekt entscheidend voranzubringen. Sobald der Entschluss feststand, einen neuen Neptun in Bronze gießen zu lassen, beauftragten die Stadtoberen die bewährte Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen. Auf der Suche nach einem geeigneten Künstler vermittelten die Geislinger den im süddeutschen Raum weithin bekannten Freudenstädter Bildhauer David Fahrner. Da dessen Anwesen in den letzten Kriegstagen ausgebombt worden war, richtete ihm die WMF im Fabrikgebäude ein großes Atelier ein, das er die folgenden zwei Jahre für die Brunnenherstellung nutzen durfte. Zu seinem Auftrag gehörte nicht nur Neptun mit Dreizack und Delphin, sondern auch die Ergänzung fehlender Figuren anhand der Vorlagen und die Neuschöpfung der unteren Figurenreihe nach eigenen Ideen, da deren ursprüngliches Aussehen nicht überliefert ist.

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Spenderkarte zugunsten des Neptunbrunnens, gezeichnet von einem Tübinger Künstler, gestiftet vom SCHWÄBISCHEN TAGBLATT, gedruckt von der „Tübinger Chronik“. Bild: Stadtarchiv

Während Fahrner mit den ersten Vorbereitungen begann und an einem Modell für seine Vorstellungen arbeitete, dafür auch die vorhandenen Abgüsse und alte Fotos studierte, übernahm der Tübinger Bildhauer Heinrich Krauß im Frühjahr 1946 den Auftrag, das Becken herzustellen. Er schuf es nicht pur aus Stein, sondern konstruierte ein Eisenbetonbecken mit einer Plattenverkleidung aus Gauinger Kalkstein. Aus den äußerst harten Platten mussten die Ornamente mit dem Presslufthammer herausgearbeitet werden. Wo zuvor Pflastersteine das Becken säumten, setzte Krauß aus dem Gauinger Gestein gefertigte Treppen. Seine Arbeiten hatten der Steinmetz und die ihm zugeordneten Bauarbeiter im Herbst 1946 bereits abgeschlossen, als mit dem komplizierten Säulenaufbau noch nicht einmal begonnen war.

Eine offene Frage war nämlich noch geblieben, woher man den benötigten Rohstoff beziehen sollte. „Wir benötigen 1100 Kilogramm Kupfer, 350 Kilogramm Zinn, 400 Kilogramm Blei, 150 Kilogramm Messing und 800 Kiliogramm Eisen“, meldete die WMF Ende Juli 1946 ans Tübinger Rathaus. Wie so oft in der Vergangenheit, setzte man dort zunächst auf die Bevölkerung und erließ einen Aufruf, Metall zu spenden. Es sei immerhin das erste Mal, hatte Oberbürgermeister Hartmeyer seine Zuversicht unterfüttert, „dass eine solche Spende für kulturelle und nicht für Kriegszwecke Verwendung finde“. Aber entweder war schon alles, was die Tübinger entbehren konnten, in Kriegszeiten für die Waffenproduktion abgegeben worden, oder sie waren schlicht desinteressiert an diesem Vorhaben. Unvermindert energisch motivierte Hartmeyer seine Räte im Oktober 1946, an den Plänen festzuhalten: „Wenn wir diese Aufgabe trotz der Schwere der Zeit heute lösen, so werden uns dafür noch spätere Geschlechter dankbar sein.“

In der Verlegenheit, keinen Rohstoff für das Friedenswerk zu finden, wandte sich der findige Oberbürgermeister an die französische Militärregierung, die ihm offenbar umgehend Unterstützung zusagte. Er werde „dem Herrn Gouverneur den Bedarf an Material für den Guss unterbreiten“, unterrichtete Hartmeyer seine Räte, weil er hoffe, „dass die Militärregierung ein Quantum Metall abgebe“. Aus gutem Grund. Ortskundige Mitarbeiter des städtischen Bauhofs hatten nämlich eine mögliche Quelle zwischen der Reutlinger und der Stuttgarter Straße auf dem Gelände des früheren Heeresnebenzeugamts entdeckt.

Sofort wandte sich der OB an Capitaine Dorelli im Gouvernement Local, traf sich mit ihm passenderweise am Nikolaustag zu einer Ortsbesichtigung und nahm mit ihm, der volles Verständnis für die friedlichen Absichten signalisierte, die Verhandlungen auf. Das Ergebnis übermittelt eine Aktennotiz: „Dorelli ist bereit, die Stadtverwaltung zur Wiederherstellung des Marktbrunnens in Metall alles Altmaterial, das außerhalb der Gebäude im Nebenzeugamt lagert und die Messingteile in dem einen Gebäude als Geschenk der Militärregierung zu übermitteln.“ Der französische Offizier hatte bei dieser Gelegenheit nicht versäumt, erzieherisch darauf hinzuweisen, „dass dieses Material von den deutschen Militärdienststellen in Frankreich gestohlen worden sei.“

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Der Tübinger Fotograf Paul Sinner fotografierte den Neptunbrunnen im Jahr 1894. Stadtarchiv Tübingen

Aber ansonsten gab er sich großzügig und stellte, obwohl er als Angestellter der französischen Verwaltung gegenüber dem französischen Militär dazu gar nicht befugt war, eigenmächtig ein amtliches Papier aus, das es ermöglichte, den von Maschinengewehren stammenden Schrott auf städtischen Lastwagen in den städtischen Bauhof zu karren. Aber wie nun dieses Material zur WMF nach Geislingen bringen, das in der amerikanischen Zone lag und darum einen Grenzübertritt mit den damit verbundenen Kontrollen erforderte!

Auskunft darüber gibt ein „Geheimbericht“, den der spätere Oberbürgermeister Hans Gmelin 1955 mit seiner Paraphe zeichnete und mit der handschriftlichen Bemerkung zu den Akten gab, dass er „durch Dr. Weidle“ abgegeben worden sei. Es ist kaum anders denkbar, dass sich hinter dem anonymen Verfasser Stadtdirektor Weidle verbarg, der auch einen offiziellen Bericht von den Vorgängen gegeben hatte und wie kein anderer über alle Einzelheiten informiert war.

In dem „Geheimbericht“ liest man denn, dass von vornherein klar gewesen war, dass der Waffenschrott nur „schwarz“, also illegal, in die andere Zone gefahren werden konnte. Und so muss man sich die Aktion dann vorstellen: „Man lud die MG-Teile nur als Bodendeckete und schmiss oben drauf Alteisen, und als Transportführer bestimmte OBM Hartmeyer den Vorstand des Tiefbauamts Adolf Sauter.“ Wenig begeistert reagierte Sauter auf die nicht ganz ungefährliche Mission. „Meinet Se“, soll er trocken erwidert haben, „für mi wär‘s am wenigsten schad, wenn se me schnappet?“

Dem „Geheimbericht“ zufolge fügte er sich und fuhr im Morgengrauen eines empfindlich kalten Tages los. „An der Zonengrenze bei Neckartailfingen kroch der Posten aus dem warmen Mief heraus.“ Folgender Dialog wird überliefert: „Mo wöllet er na?“ – „Noch Geislinge.“ – „Was hent er do druff?“ – „O, Alteise.“ Ein prüfender Griff in die kalten Gegenstände schien es zu bestätigen. „Fahr zue!“ Dann aber ein Schreck auslösender Zuruf: „Halt au nomol!“ Nachfrage: „Ka mei Kamerad et mitfahre bis Kirchheim?“ – „Ha freilich!“ Gesagt, getan, und drüben war der Schrott. Eine zweite Ladung fuhr Architekt Lukas Bäuerle, der ohne jegliche Hindernisse die Kontrolle von vier betrunkenen schwarzen Grenzern überstand.

Verantwortung auf mehr Schultern verteilt

Probleme bei den Amerikanern hat es dem Bericht zufolge keine gegeben, denen „scheint der Fall gar nicht übers Leberle gekrochen zu sein“. Nur die Arbeiter bei der WMF sollen geflucht haben, weil sie in unzähligen Stunden die mit Stahlteilen verschraubte, verrostete und verbackene Bronze „entflechten“ mussten.

In der Zwischenzeit hatte der Oberbürgermeister begonnen, die Verantwortung für das Projekt auf mehr Schultern zu verteilen und den Rückhalt in der Bevölkerung zu suchen. Er gründete einen Ausschuss mit 32 örtlichen Honoratioren und warb in einer nichtöffentlichen Beratung mit den Mitgliedern des von den Franzosen eingesetzten Gemeinderats für die Finanzierung des Brunnenprojekts überwiegend durch Spenden, eventuell sogar durch eine Lotterie. TAGBLATT-Mitverleger Will Hanns Hebsacker, auch Mitglied im Gemeinderat, wird im Protokoll mit dem Beitrag zitiert, „er traue der Tübinger Bevölkerung so viel zu, dass sie die erforderlichen Mittel durch Spenden aufbringe“.

Hebsacker wie Landrat Julius Goes betätigten sich fortan als Hochleistungsmotoren für die nun einsetzende Spendenkampagne. Das SCHWÄBISCHE TAGBLATT stiftete 100000 Werbekarten, die in der „Tübinger Chronik“ gedruckt und zugunsten des neuen Brunnens verkauft wurden. Mit Kässchen zogen Sammler von Haus zu Haus und in den Ämtern von Büro zu Büro. Begleitend erschienen auch in auswärtigen Zeitungen Artikel, die über dieses Vorhaben informierten, sogar das „Spandauer Volksblatt“ berichtete. Am Ende summierten sich die unzähligen Kleinbeiträge zu der stolzen Summe von 92894,32 Reichsmark, womit der Brunnen kurz vor der Währungsreform schon fast finanziert war.

Im Sommer 1948 wurde der neue Neptunbrunnen auf dem Tübinger Marktplatz enthüllt
Bild links oben: Im neuen Rankwerk des Marktbrunnens verbirgt sich beispielsweise dessen Schöpfer David Fahrner. Bild Mitte oben: Das Stadtwappen flankieren die beiden Oberbürgermeister Adolf Hartmeyer (links) und Viktor Renner (rechts). Bild rechts oben: Als Blütenkelche getarnt: Schlossermeister Wilhelm Zwanger (links) und Steinmetz Heinrich Krauß (rechts). Bild links unten: Vis-à-vis: die Leiter des städtischen Hochbauamts und des Tiefbauamts, Paul Giesing und Adolf Sauter. Bild Mitte unten: TAGBLATT-Verleger Will Hanns Hebsacker mit Blick auf das Ladengeschäft seines Lieblingsmetzgers Zeiher. Bild rechts unten: Bildhauer Karl Merz. Er hatte anno 1904 Abgüsse des Original- Neptunbrunnens genommen. Bilder: Sommer

Mit Verweis auf diesen breiten Schulterschluss hatten die Brunneninitiatoren Anwürfen leichter begegnen können. Über Vaihingen beispielsweise, wo ein ähnliches Projekt vorangetrieben wurde, ätzte die „Stuttgarter Zeitung“ von einem „Schildbürgerstreich nach der Nazikatastrophe“. Auch OB Hartmeyer schimpfte, dass „nichts dumm genug, nichts niederträchtig genug“ sei, „um angewendet zu werden, damit der Verwaltung etwas angehängt wird“.

Die Stimmung drohte gar zu kippen, als bekannt wurde, dass Schlossermeister Wilhelm Zwanger Silhouetten von Köpfen in das neue Rankwerk schmiedete, die sich um den Brunnen verdient gemacht haben. Alfred Schwenger, damals neben Will Hanns Hebsacker und Ernst Müller dritter im Bunde der TAGBLATT-Verleger, profilierte sich als einer der schärfsten Gegner. Im TAGBLATT forderte er, teils mit Suggestivfragen, die Leser zu einer Meinungsumfrage heraus, deren Ergebnis – 56 Zuschriften – überaus mäßig ausfiel.

Streit unter Verlegern öffentlich in der Zeitung

Hebsacker und Schwenger gerieten sich danach derart in die Haare, dass sie ihren Streit öffentlich in ihrer Zeitung austrugen. „Sie wollten nicht auf mich hören“, schrieb Hebsacker in einem Offenen Brief an seinen Kollegen, „aber wie Sie jetzt sehen, ist die Beteiligung an Ihrer Umfrage doch so ausgefallen, wie ich es Ihnen vorausgesagt habe.“ Das Schweigen der Mehrheit deutete er als Zustimmung. Schwenger giftete in beleidigendem Ton zurück, unterstellte den mit Silhouetten bedachten Männern, dass „krankhafter Egoismus und übertriebene Eitelkeit“ die wahren Motive ihres Engagements seien, verglich sie mit einem „Größenwahn“, der dem „Geist des Dritten Reichs“ entsprungen sei.

Der Oberbürgermeister konnte gerade noch von seinem Ratsgremium überzeugt werden, dass er seine Anordnung wieder zurücknehme, die Silhouetten abnehmen zu lassen. Einstimmig verabschiedete man eine von Landrat Goes aufgesetzte Resolution „gegen die unsachlichen Angriffe in der Presse“ und sprach sich dafür aus, am Brunnen nichts mehr zu verändern. So geschah es auch, der Brunnen wurde aufgestellt und zu seiner Enthüllung am 3. Juli 1948 eine Feierstunde arrangiert. Zahlreiche Ehrengäste, auch von der französischen Militärregierung, waren zugegen, der Marktplatz war gesteckt voll. Die Chorgemeinschaft der vereinigten Gesangvereine trat auf, Redner sprachen vom Balkon des Rathauses herab, Gedichte wurden deklamiert. Als die schwarz-rote Umhüllung des Brunnens fiel und Neptun sich erstmals öffentlich zeigte, war nach dem von Ernst Müller beschriebenen Eindruck „ein überzeugend neues Werk“ entstanden.

Bleibt noch, den Schluss des „Geheimberichts“ nachzutragen: „Die WMF hat den Tübingern ihren Marktbrunnen geliefert, und die haben sich immer gewundert, dass aus den Rohren immer blos Wasser und nie MG-Feuer herauskam. Die Porträtplakette für Capitaine Dorelli kann aber erst nachgeholt werden, wenn niemand mehr an eine Gefahr seitens der alten MG-Teile glaubt.“

Streng genommen sind aber die Rohre die einzigen verbliebenen Teile aus der Renaissance und nicht aus Waffenschrott. Darum wäre es endlich auch an der Zeit, in Erinnerung an Capitaine Donelli endlich eine elfte Plakette anzubringen. Er ist übrigens bei einem Autounfall in Oberschwaben ums Leben gekommen.

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27.08.2016, 01:00 Uhr
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