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Der „schöne Tod“ war Mord

Im Landratsamt wurde an „Euthanasie“-Opfer erinnert

70 Jahre nach der Tat liegt noch immer vieles im Dunkeln: Mehr als 10 000 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen wurden 1940 in Grafeneck bei Gomadingen ermordet. Von mehr als 2000 sind bis heute nicht einmal die Namen bekannt. Am Freitag wurde im Landratsamt der Opfer gedacht.

15.11.2010

Von Celia Eisele

Tübingen. Wegschauen, verdrängen, leugnen: So wie die drei Hausfrauen in der szenischen Einführung der Gedenkfeier dürften sich vor 70 Jahren viele verhalten haben. Über Gerüchte tuscheln die drei, als sie wieder einmal „den Bus“ sehen. Dass er Kinder in das Schloss Grafeneck bringe, will eine gehört haben. „I will des gar net wissa“, sagt eine andere. Als in Schlafanzügen gekleidete Kinder, Frauen und Männer, behinderte und nicht behinderte, von strengen Krankenschwestern und herrischen SS-Männern vorbei kommandiert werden, verstummen die drei Frauen.

Nur wenige Minuten dauert die Szene der gemischten Theatergruppe unter der Leitung der Theaterpädagogin Uschi Famers, doch es gelingt ihr, zusammen mit den verstörenden Klängen des Experimentalorchesters „Halle 016“ der Bruderhausdiakonie eine winzig kleine Vorstellung der kaltblütigen Morde auf Schloss Grafeneck zu schaffen. Mindestens 10654 Menschen wurden in den zwölf Monaten zwischen Januar und Dezember 1940 in Grafeneck, 40 Kilometer von Tübingen, umgebracht. Aus dem heutigen Gebiet Baden-Württembergs und darüber hinaus, aus Bayern und Hessen, wurden sie aus Heil- und Pflegeeinrichtungen nach Grafeneck deportiert. Dort wurden sie in einer Gaskammer ermordet. Auch aus Stadt und Kreis Tübingen stammten Opfer. 79 sind heute bekannt. Ihre Namen standen am Freitag auf einem großen weißen Banner, das über der Bühne in der Glashalle des Landratsamtes hing. Jeder einzelne wurde vorgelesen und mit einer Rose bedacht, die in eine Vase gestellt wurde.

Der erste Ort der industriellen Ermordung

„Erinnerung braucht Namen“, sagte Landrat Joachim Walter. Das Benennen der Opfer sei deshalb eine der wichtigsten Aufgaben bei der Erforschung der nationalsozia listischen Gräueltaten in Grafeneck. Wichtig sei aber auch, die Täter zu benennen, darunter auch Landräte. Die Bezüge zwischen Tübingen und Grafeneck müssten weiter erforscht und in Erinnerung gehalten werden. Die Fachtagung zur Zukunft des Gedenkens an die NS-Gewalt in der Region, in deren Rahmen die Gedenkveranstaltung stattfand, sei ein Beitrag dazu.

Obwohl die Ermordung Behinderter und Kranker in der NS-Zeit mittlerweile Thema des Geschichtsunterrichts ist, zeugt doch die Bezeichnung der Gräueltaten als „Euthanasie“ von einem weitverbreiteten Unwissen. Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, machte auf den Zynismus aufmerksam, der aus diesem Wort spricht: „Die Bezeichnung ,Euthanasie? stammt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich ,schöner Tod? oder ,schönes Sterben?. Es war aber kaltblütiger Mord.“ Aus dem Begriff spreche bis heute die Ideologie der Täter.

Stöckle zog eine Verbindung zwischen Grafeneck und dem Holocaust. Als „industrielle Ermordung“ werde meist nur die systematische Ermordung der Juden bezeichnet. Genau genommen sei jedoch Grafeneck der erste Ort der „industriellen Ermordung“ gewesen. Auf die gleiche Weise wie die Kranken und Behinderten auf der Schwäbischen Alb wurden später Millionen Juden umgebracht: in der Gaskammer.

Dennoch sind die Morde von Grafeneck und anderen Tötungsanstalten in Deutschland wesentlich später als der Holocaust Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden. Nach einem Gerichtsverfahren vor dem Schwurgericht Tübingen im Jahr 1949, bei dem von acht Angeklagten drei verurteilt worden waren, sei dieses Kapitel der NS-Geschichte aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Wie war das möglich? Stöckle versuchte, sich über die Unterschiede zwischen „Euthanasie“ und dem Holocaust einer Erklärung zu nähern. So hat es in Grafeneck anders als beim Holocaust keine Überlebenden gegeben. Eine internationale Dimension fehlte (da nahezu alle Opfer aus Deutschland kamen) – und damit auch der internationale Druck, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen.

Manche Angehörige forschten nach

Angehörige und Nachkommen seien als „Erinnerungsfaktor“ erst später aufgetaucht, so Stöckle. Ihnen ist es mit zu verdanken, dass heute etwas über das Leben der Ermordeten an die Öffentlichkeit dringt, „…dass des ans Licht kommt“, wie der Titel der Gedenkfeier lautete. Einige haben dem Leben und Sterben von Verwandten nachgeforscht.

Doch: „Nicht immer sind die Familien da eines Sinnes“, sagte Hans-Ulrich Dapp, der eine Biografie seiner in Grafeneck ermordeten Großmutter Emma Zeller geschrieben hat. Einigen sei es lieber, wenn man die Vergangenheit ruhen lasse, so Dapp. „Viele sind aber sehr befreit, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.“ Dies bestätigte der Wendelsheimer Alfons Bunk, der dem Schicksal seines Großonkels Karl Eugen Albus nachgegangen ist. Was sein Motiv der Spurensuche war? „Es war der Respekt, den man jeder Person zollen muss.“

Entwürdigt und ermordet: Eine Theatergruppe führte szenisch in die Gedenkfeier für die „Euthanasie“-Opfer von Grafeneck ein. Bild: Sommer

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Erstellt:
15. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. November 2010, 12:00 Uhr

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