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Die Kleinen zeigen große Courage

Im Landestheater wurde der Lilli-Zapf-Jugendpreis verliehen

Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wird seit 14 Jahren in Tübingen der Lilli-Zapf-Jugendpreis verliehen. Rund 250 Gäste kamen in das Landestheater Tübingen zur diesjährigen Preisverleihung.

28.01.2015

Von Lorenzo Zimmer

Tübingen. Als die rote Armee an einem Samstagmorgen das Vernichtungslager von Auschwitz erreichte, wurden rund 1200 Gefangene befreit. Viele von ihnen befanden sich schon einige Kilometer entfernt auf einem Todesmarsch. Sie konnten vom Heer der Sowjetunion eingeholt werden. Alleine im Lager Auschwitz-Birkenau hatten die Nazis in den Jahren zuvor rund 1,1 Millionen Menschen ermordet. Der Name des Lagers wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Symbolbegriff für die Shoa – den Mord an Millionen Juden – und die Morde an Behinderten, Sinti und Roma, Regimegegnern und Homosexuellen. Die Befreiung des Lagers geschah am 27. Januar 1945, in diesem Jahr jährt sie sich zum siebzigsten Mal.

Ein Theaterstück im Schnelldurchlauf

Seit 14 Jahren vergibt der „Tübinger Verein zur Verleihung des Lilli-Zapf-Jugendpreises“ an diesem Datum einen Preis für Jugendprojekte, bei denen Jugendliche soziales und politisches Engagement zeigen. Die diesjährige Preisverleihung trug den Titel „Courage“. Im Fokus standen mutiges Handeln, Integrations- und Toleranzprojekte und Solidarisierung mit Minderheiten. Der Verein lud gemeinsam mit dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ am Dienstagabend in den großen Saal des Landestheaters Tübingen. Landrat Joachim Walter eröffnete den Abend mit einer bewegenden Rede. „Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie ich mich verhalten würde, wenn ich Zeuge eines solch großen Unrechts werden würde“, sagte er. Ob er die Courage gehabt hätte, gegen das Regime aufzustehen – er wisse es nicht.

Musikalisch untermalt von den Musikschulen Tübingen und Reutlingen und dem Jamclub stellten sich alle sechs nominierten Projekte selbst vor. „Kinder nehmen Kinder an die Hand“ vom „Theater am Torbogen“ in Rottenburg spielte ihr Theaterstück in geraffter Form. Dabei standen Kinder und Jugendliche vieler verschiedener Nationalitäten zusammen auf der Bühne. Das Stück handelt von Else Matulat, einem adoptierten Sinti-Mädchen, das deportiert und nach langem Kampf vom Adoptivvater aus dem Konzentrationslager gerettet werden kann.

Das „offene Treffen gegen Faschismus und Rassismus“ aus Tübingen und Kusterdingen besteht aus Studenten, Auszubildenden und Schülern der Region. Sie treten gegen reaktionäre Ideologien ein und organisieren regelmäßige Proteste gegen Rechts. Sie stellten ihr Projekt in einer Präsentation vor.

Das studentische Unternehmen „THINK“ organisierte in mehreren Städten – darunter auch Tübingen – einen Marktstand. Dort wurden Produkte wie Tee und Schokolade zu Spottpreisen verkauft. Die Verkäufer sagten den Kunden, dass die Produkte unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und mit Kinderarbeit hergestellt seien und erklärten so die niedrigen Preise. Trotzdem griffen viele Menschen zu und wurden zuhause beim Auspacken der Waren überrascht: Die Studenten verkauften in Wahrheit anders verpackte Fair-Trade-Produkte. Beigelegt war immer ein Flyer, der die Hintergründe der Aktion aufklärte und die Sponsoren nannte. Die Studenten spielten eine typische Verkaufssituation auf der Bühne nach.

Die evangelische Kirchengemeinde Ofterdingen führte ihr Musical „Martin Luther King“ in pfiffiger Kurzform auf. Dabei spielten sie die Busszene nach, bei der die afroamerikanische Rosa Parks ihren Sitzplatz nicht für einen weißen Mitbürger freimachen wollte. Dazu sangen sie das Lied „We shall overcome“ aus der Bürgerrechtsbewegung der Vereinigten Staaten.

Die Schülermitverwaltung des Carlo-Schmid-Gymnasiums Tübingen (CSG) organisierte im November einen „Tag als Straßenkind“. Dabei verbrachten die Schüler des CSG einen Tag als Obdachlose auf der Straße, verkauften Kuchen, packten in Geschäften Tüten und putzten Schuhe. Den Erlös spendeten die Kinder und Jugendlichen an ein Straßenkinderprojekt in Simbabwe.

Schließlich stellte die Tanz- und Theater-AG des Kepler Gymnasiums in Tübingen ihr Stück „Die Welle“ vor. Es basiert auf dem gleichnamigen Buch von Morton Rhue von 1981 und handelt von einem Geschichtslehrer, der mit seinen Schülern ein Experiment durchführt. Dabei demonstriert er ihnen, wie packend eine Bewegung sein kann, die das Individuum vernachlässigt und im Gleichschritt marschiert. Ein Schüler sagte: „Es war auf eine erschreckende Weise faszinierend, für das Stück im Gleichschritt zu marschieren und Parolen zu rufen.“

Die Jury der Preisverleihung bestand aus 40 Jugendlichen aus Tübingen und der Umgebung und drei Erwachsenen. Sie ermittelten gemeinsam mehrere Sieger: Den dritten Preis, dotiert mit 100 Euro, erhielt das Projekt „Think“. Die Jury vergab zwei zweite Plätze mit je 200 Euro Preisgeld an das Straßenkinder-Projekt des Carlo-Schmid-Gymnasiums und das Musical „Martin Luther King“ der Kirchengemeinde in Ofterdingen.

Der strahlende Sieger war das Projekt „Kinder nehmen Kinder an die Hand“ vom Theater am Torbogen in Rottenburg. „Besonders gut fanden wir, dass beim Schauspielerensemble auf Integration und Inklusion geachtet wurde“, sagte Jurorin Jessica Karrer vom Jugendgemeinderat Tübingen. Die Theatergruppe erhielt den mit 500 Euro dotierten ersten Preis.

Am Ende durften alle Nominierten nochmal auf die Bühne im großen Saal des Landestheaters Tübingen. Bild: Zimmer

Lilli Zapf, geboren am 5. Januar 1896 in Nördlingen, war eine Heimatforscherin. In den 1930er Jahren wurde sie aufgrund ihrer Freundschaften zu Juden vom NS-Regime als „Judenfreundin“ denunziert und verfolgt. Sie floh in die Niederlande und lebte ab 1940 im Untergrund. Erst nach Kriegsende kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete ab 1950 am Tübinger Tropeninstitut als Sekretärin. Ab 1960 forschte sie über das Schicksal der Tübinger Juden während der NS-Zeit.
1974 erschien ihr Buch „Die Tübinger Juden“ in seiner ersten Auflage und wurde zum Musterbeispiel für die Aufarbeitung der Judenverfolgung in deutschen Städten.

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Erstellt:
28. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2015, 12:00 Uhr

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