Wirtschaft

Im Land der Zukunftstechnologien

Künstliche Intelligenz, Brennstoffzellen und Quantentechnologie – die Wirtschaftsministerin will Zukunftsthemen im Land halten. Davon hingen auch Arbeitsplätze ab.

12.08.2020

Von SIMONE DÜRMUTH

Verschlüsselung mit dem Quantenzufallsgenerator auch darüber informierte sich die Wirtschaftsministerin. Foto: Franziska Kraufmann

Stuttgart. Es ist vielleicht der aufregendste Moment auf der Sommerreise durch Baden-Württemberg: Per Liveschalte über Pasadena in Kalifornien auf die Raumstation ISS startet die Wirtschaftsministerin ein Experiment. „BEC go!“, ruft Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) in ihr Mikrophon. „Ups, Sorry!“, schallt es per Videoschalte aus Pasadena zurück – die Verbindung zur ISS war kurzfristig abgerissen. Doch beim zweiten Anlauf gelingt der Versuch und ein Bose-Einstein-Kondensat (BEC) wird erzeugt, während die ISS fast genau über Ulm vorbeizieht. Ein Bild davon erscheint umgehend auf den Bildschirmen in Ulm.

Die Sommerreise der Wirtschaftsministerin steht in diesem Jahr unter dem Motto „Baden-Württemberg als Europas Innovationsregion Nummer 1“. Auf dem Programm stehen Besuche bei Firmen und Instituten, die sich mit Zukunftstechnologien beschäftigen. An diesem Tag neben dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Ulm auch Automobilzulieferer ElringKlinger (Dettingen), der an Brennstoffzellen forscht, und das Bosch Center for Artificial Intelligence (BCAI) auf dem Forschungscampus von Bosch in Renningen. Die Ministerin sichert den besuchten Firmen und Instituten dabei mehrfach ihre Unterstützung zu. „Nur wenn wir massiv in Zukunftstechnologien investieren, können wir unsere Spitzenposition halten“, so die Ministerin. Daran würden letztlich auch Arbeitsplätze im Land hängen.

Künstliche Intelligenz steckt in diesem Gerät von Bosch, das Viren und Keime erkennt. Foto: Bosch

Dass die Forschungskollegen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu Hause von der Couch auf die Experimente der ISS zugreifen können, verdanken sie nicht nur dem Corona-bedingten Lockdown in den USA, sondern vor allem auch einer hervorragenden Verschlüsselungstechnik, die vor dem Zugriff Dritter auf die Verbindung schützt. An Verschlüsselung arbeitet auch das DLR-Institut für Quantentechnologien in Ulm. Da jede Verschlüsselung nach einigen Jahren als nicht mehr sicher gilt, müssen immer größere Anstrengungen für immer kompliziertere Systeme unternommen werden – hier kommt die Quantenphysik ins Spiel, zum Beispiel über einen Quantenzufallsgenerator. Außerdem könnte man bei einer Verschlüsselung über Quantenphysik feststellen, ob jemand die geheimen Nachrichten mitgelesen hat, da auch das den Quantenzustand verändere, erklären die Forscher. „Es geht darum, die Quantentechnik für den Alltag nutzbar zu machen“, erklärt Hansjörg Dittus, Vorstandsmitglied im DLR.

Praktische Anwendung im Alltag – das ist auch das Ziel der Forschungen, die Bosch am Standort in Renningen betreibt. Mit rund 200 Mitarbeitern weltweit wird die Entwicklung von künstlicher Intelligenz vorangetrieben und nach Anwendungsmöglichkeiten gesucht. Dabei unterscheidet sich der Ansatz fundamental von dem der asiatischen Forscher, die mittels künstlicher Intelligenz vor allem den Menschen in all seinen Facetten erkennen wollen. Sei es durch Gesichtserkennung oder das Analysieren von Shopping-Verhalten.

Viren erkennen in 30 Minuten

Bei Bosch wird künstliche Intelligenz unter anderem in Front-Kameras von Fahrzeugen eingesetzt. Sie sollen so das Bild schneller nach relevanten Informationen analysieren. Also zum Beispiel, ob ein Baum am Straßenrand steht oder ein Kind, das gleich auf die Fahrbahn laufen könnte. Auch die Fahrbahn selbst wird genau erfasst – so könnte eines Tages autonomes Fahren möglich werden.

Im Analysegerät Vivalytic kommt künstliche Intelligenz ebenfalls zum Einsatz. Das Gerät untersucht in zweieinhalb Stunden eine Probe auf verschiedene Viren und stellt fest, ob es sich um eine Grippe, Lungenentzündung oder Covid-19 handelt. Die künstliche Intelligenz sorgt unter anderem dafür, dass das Gerät die Viren trotz möglicher Mutationen noch erkennt. An einem dreißigminütigen Schnelltest, ausschließlich für Sars-CoV-2, arbeitet Bosch. Er soll Ende des Jahres verfügbar sein.

Elring Klinger in Dettngen fertigt Bipolarplatten, aus denen Brennstoffzellen aufgebaut werden. Foto: Franziska Kraufmann

Eine weitere Station auf der Sommerreise war der Besuch des Automobilzulieferers ElringKlinger in Dettingen. Seit 20 Jahren forsche man schon an der Brennstoffzelle, berichtet der Vorstandsvorsitzende Stefan Wolf. Bekannt ist das Unternehmen vor allem für seine Zylinderkopfdichtung. Die dort gewonnene Expertise werde jetzt auch bei der Herstellung von Brennstoffzellen helfen, erklärt Wolf. Mit großer Präzision werden zwei dünne Platten per Laser verschweißt. Dazwischen laufen feine Kanäle mit einer Kühlflüssigkeit. Die Herausforderung: Das Produkt muss so dicht sein, dass auch kein Gas durchdringt. „Die Brennstoffzelle wird sich auch gegen die Batterie durchsetzen“, ist Wolf überzeugt. Und ElringKlinger will dann mit von der Partie sein.

„Das Land wird diese Transformation begleiten“, sichert Hoffmeister-Kraut zu. „Allein schon im Sinne der Arbeitsplätze.“ Sie will die Produktion auch der neuen Antriebsarten wenn irgend möglich nach Baden-Württemberg holen oder dort halten. „Davon ist unsere Zulieferindustrie abhängig.“

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Erstellt:
12. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2020, 06:00 Uhr

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