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Der Propagandafeldzug der russischen Regierung hat Deutschland erreicht

Im Informationskrieg

Berichte über Kreuzigungen, Vergewaltigungen oder Bakterien-Angriffe: In Russland arbeitet inzwischen eine ganze Propaganda-Industrie. Ihre Greuelmärchen zielen auch auf Europa und Deutschland.

02.02.2016

Von STEFAN SCHOLL

Das russische Staatsfernsehen interviewte nach dem "Fall Lisa" Demonstranten in Deutschland. Foto: Screenshot Youtube

Ein Hüne mit Brille redet sich in Zorn. "Sie nennen uns Nazis. Uns, deren Großväter Europa befreit haben. Sie kämpften und starben. Und wir, ihre Kinder, sind gegen den Faschismus geimpft." So schimpfen die Redner in den ostukrainschen Rebellenhochburgen Gorlowka oder Lugansk seit Jahren in den Talkshows des Moskauer Staatsfernsehens. Jetzt überschreien die Gegner westlicher Demokratie und Toleranz einander auch in der Fußgängerzone von Kaiserlautern: "Toleranz? Der Körper zeigt im Endstadium völlige Toleranz gegenüber den Krebszellen." "Wir werden diesen Krebs, leck mich, auskurieren!"

Wladimir Putins Propaganda hat Deutschland erreicht. In Berlin und anderen Städten gingen in den vergangenen Wochen tausende russischstämmige Menschen auf die Straße. Sie protestierten gegen eine Vergewaltigung, die nicht stattgefunden hat, die aber der 1. Kanal des russischen Staatsfernsehens am 16. Januar breit geschildert hatte - mit heulenden Tanten als Zeugen und einem Araber, der sich als Vergewaltiger brüstet.

Mehrere Ausländer hätten die 13-jährige Russlanddeutsche Lisa in Berlin entführt und 30 Stunden lang vergewaltigt. Dass sich der arabische Vergewaltiger als Maulheld aus dem Kairo des Jahres 2009 erwies und die Berliner Polizei die Vergewaltigung dementierte, scherte die Russen nicht. Außenminister Sergej Lawrow wetterte vergangenen Dienstag, natürlich sei "unser Mädchen Lisa" nicht freiwillig für 30 Stunden verschwunden. Er warnte die deutschen Behörden davor, die Realität "politisch korrekt zu lackieren".

Inzwischen gilt der Fall Lisa als geklärt: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft suchte sie in der fraglichen Nacht wegen schulischer Probleme bei einem deutschen Bekannten und seiner Mutter Zuflucht.

Lisa ist kein Ausnahmefall. Russlands Fernsehsender, soziale Onlinenetze, auch Spitzenpolitiker erfinden seit Jahren grausame Verbrechen ihrer Gegner. Von dem - nie angekommenen - Zug voll ukrainischer Neonazis, die angeblich Anfang März 2014 auf der Krim ein Blutbad unter der prorussischen Bevölkerung anrichten wollten, über den dreijährigen Knaben, den ukrainische Soldaten im Juli 2014 in der ostukrainischen Stadt Slawjansk gekreuzigt haben sollen, bis zu den tödlichen Grippebakterien, die die USA nach Ansicht des Duma-Abgeordneten Radim Solowjow diesen Winter in Russland verbreiten.

"Russland führt längst Propagandakrieg auch gegen Europa", sagt Ader Muschdabajew, ein nach Kiew emigrierter Ex-Redakteur der Zeitung Moskowski Komsomoljez. "Mit dem Ziel, die politische Lage in Führungsländern wie Deutschland zu destabilisieren und die EU zu desintegrieren." Dabei versuche Moskau, die drei Millionen Russlanddeutschen ähnlich zu manipulieren wie im Krieg gegen die Ukraine die ethnischen Russen im Donbass. "Beide schauen ja vor allem russisches Staats-TV."

Angesichts der Anti-Putin-Proteste 2011/2012 begann der Kreml schon vorher damit, die staatlich kontrollierten Massenmedien zur Agitprop-Maschine umzubauen und motzte diese mit Beginn der Ukrainekrise noch auf. Ihr redendes Haupt ist Präsident Putin persönlich, der die westlichen Führer regelmäßig verbal attackiert. Während der Besetzung der Krim war er sich nicht zu schade, monatelang zu versichern, die dort aufmarschierten russischen Soldaten seien Vertreter lokaler Volkswehren. Putins Hauptassistenten sind Kulturminister Wladimir Medienski, zuständig für die Glorifizierung der Vergangenheit, und Außenminister Sergej Lawrow.

Dazu kommt die Flottille der Staatsmedien. "Die zentralen TV-Sender wie Rossija 1 oder NTW besitzen jetzt eigene Redaktionen, die für Propaganda-Projekte zuständig sind", sagt ein PR-Offizier der Sicherheitsorgane, der anonym bleiben will, unserer Zeitung. Diese Profis beschaffen in Windeseile Leute für die Zitate vor der Kamera und die Bilder, die nötig sind, um behauptete Gräueltaten glaubhaft zu machen. Es sei egal, wenn dabei Massengräber oder Leichen im Donbass mit jahrealten Szenen aus dem Tschetschenien-Krieg oder aus Israel illustriert werden.

"Die Staatsjournalisten entwickeln durchaus Eigeninitiative, aber ihre Vorschläge müssen vom Kreml abgesegnet werden, um zur Kampagne zu werden", sagt der PR-Offizier. An diesen beteiligen sich dann auch Auslandsmedien wie Russia Today oder Sputnik, ganze Redaktionen bezahlter Online-Trolle, wie etwa die 600 Mitarbeiter der Petersburger "Agentur zur Analyse des Internet". Ebenfalls beteiligt sind ideologische Freaks, deren früher oft belächelte Verschwörungstheorien jetzt häufig von der offiziellen Propaganda aufgegriffen werden. Da ist etwa der stalinistische Schriftsteller Alexander Prochanow, inzwischen Kolumnist der renommierten Staatszeitung Iswestia. "Außerdem finanziert der Kreml Kompanien von ,Berufsrussen und extremistische Politiker in den westlichen Ländern", sagt der Emigrant Muschdabajew. "In Griechenland Linke, in Frankreich Rechte, in Deutschland Pegida und die AfD."

Eine ganze Industrie arbeitet an der Propaganda, montiert militärische Erfolgsvideos aus Syrien, kündigt die baldige Ölpreis-Explosion auf 200 Dollar an, oder verkauft Fotokalender, auf denen Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton im Dirndl zwischen SA-Männern spazieren. "Putin hat Russland eine Nationalidee gegeben", räsoniert der Menschenrechtler Ewgeni Ichlow: "den virtuellen Krieg gegen den Westen".

Laut Berichten, die die russische Nachrichtenagentur Interfax bestätigt hat, predigt ein Agitator im Ural Grundschulkindern, die Ukrainer hätten auch die Mutter des gekreuzigten Knaben von Slawjansk zu Tode geschleift. Der Regen habe die Blutspur monatelang nicht verwischen können. Auch die Vergewaltigungsmär über Lisa aus Berlin könnte noch eine lange propagandistische Schleifspur hinter sich herziehen.

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Erstellt:
2. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
2. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Februar 2016, 08:30 Uhr

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