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Bundesliga

Im Fußballwahn

26.08.2016
  • GEROLD KNEHR

Ich kenne wen, der litt akut/an Fußballwahn und Fußballwut“, heißt es in dem Gedicht „Fußball (nebst Abart und Ausartung“) von Joachim Ringelnatz. Die vordergründig humorvollen Zeilen beschreiben einen Fußball-Besessenen, der von jedem halbwegs runden Gegenstand, von der Schweinsblase über den Schwartenmagen bis zu diversen Obstsorten, magisch angezogen wird und sie in die Nachbarschaft kickt – mit entsprechenden Folgen: „Was beim Gemüsemarkt geschah, kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.“

Ab heute, mit Beginn der 54. Bundesliga-Saison, müssen die erwartungsfrohen Fans nicht mehr wie bei Ringelnatz selber treten, sondern können nach der langen EM- und Olympia-Pause die Erstliga-Profis gegen den Ball treten lassen. Spaß und Spannung sind auch in dieser Saison garantiert, selbst wenn der Meistertitel des FC Bayern München schon vor dem ersten Anpfiff festzustehen scheint. Schließlich ist der Fußball ein verdammt faszinierender Sport, der die Massen elektrisiert. Das wurde zuletzt wieder bei den Olympischen Spielen deutlich, die eigentlich eine große Bühne für ansonsten weniger beachtete Sportarten wie Ringen, Bogenschießen oder Turnen darstellen. Doch bei den TV-Quoten lagen das Fußball-Damen- wie Herrenfinale, das für den Gastgeber zum emotionalen Höhepunkt wurde, vorne. Nur die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst hatten mehr Zuseher. Der Fußball droht viele Sportarten zu kannibalisieren. Ringelnatz scheint diese Dominanz geahnt zu haben: „Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, vor dem Gebrauch des Fußballwahns!“

Wahnsinn – nicht anders kann man die Summen bezeichnen, welche Vereine während der noch laufenden Transferperiode bisher in „menschliches Material“, sprich neue Spieler, investiert haben. Den Vogel schießt die von russischen Oligarchen, arabischen Scheichs und westlichen Milliardären gepamperte und TV-Gelder in bislang ungeahnter Höhe einstreichende Premier League ab, deren Vereine für über eine Milliarde (!) Euro neue Spieler verpflichteten. Manchester United zahlte allein für den Franzosen Didier Pogba 105 Millionen Euro Ablöse an Juventus Turin. Ein aberwitziger Betrag. Einer Familie, die mit 3000 Euro im Monat auskommt, reicht diese Summe 2916 Jahre lang! 330 000 Euro soll Pogba bei Manchester United verdienen – pro Woche. Das Jahreseinkommen im westafrikanischen Guinea, wo Pogbas Eltern herkommen und in deren Nationalmannschaft Pogbas ältere Brüder spielen, beläuft sich laut statistischem Bundesamt auf 470 Dollar (417 Euro) pro Einwohner.

Pogba verdient also über 40 000 mal so viel wie ein Durchschnittsverdiener in Guinea. Das sind maßlose, und um einen Schriftstellerkollegen von Ringelnatz ins Spiel zu bringen, kafkaeske Zahlen. Dabei ist Pogba, anders als Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, bei allem Talent keiner, der mit 50 Toren pro Jahr einen Titel auch mal im Alleingang gewinnen kann. In den vergangenen vier Jahren hat Pogba für Juventus Turin in 124 Spielen „nur“ 28 Treffer erzielt – und bei Frankreichs 0:1-Niederlage im EM-Finale gegen Portugal maßlos enttäuscht.

Die 18 Bundesligisten haben mit rund 480 Millionen Euro weniger als halb so viel für neue Spieler ausgegeben. Doch auch hierzulande gilt: Der Profifußball muss darauf achten, sich nicht von seinen Anhängern, von denen er letztlich lebt, zu entfremden. Sonst könnte er wie Ringelnatz‘ Fußballwahnsinniger enden. Der wollte am Schluss die ganze Erdkugel kicken, ging in die Luft – und hat sich dabei „selbst verpufft“.

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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