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Russlanddeutsche klären mit einer Ausstellung über ihre Geschichte auf

Im Einsatz gegen Vorurteile

Mit einer Wanderausstellung wollen Russlanddeutsche hartnäckige Vorurteile abbauen. Jetzt muss sich die Landsmannschaft aber gegen Vorwürfe wegen Protestaktionen gegen die Flüchtlingspolitik verteidigen.

06.02.2016
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn. Jakob Fischer, 1955 in Kasachstan geboren, ist vom Erfolg des Projekts überzeugt, das er seit 20 Jahren leitet. Mit einer Wanderausstellung zieht er durch die Republik, um im Auftrag der Landsmannschaft der Russlanddeutschen über deren "Geschichte und Gegenwart" aufzuklären. Damit möglichst viele Orte erreicht werden können, gibt es die 24 Tafeln in achtfacher Ausfertigung. Für Reise- und Transportkosten zahlen Innenministerium und Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge einen Zuschuss. Das Jahr über gastiert die Präsentation an gut 130 Stationen, in Büchereien, Bürgerhäusern, auch Banken. Letztes Jahr hielt Fischer seine Vorträge vor 21 000 Schülern, die 2013 überarbeitete Ausstellung sollen sich 25 000 Besucher angeschaut haben. "Das Interesse ist immer noch vorhanden", zeigt sich Fischer mit der Resonanz zufrieden.

Derzeit, bis 29. Februar, gastiert die Fischer-Schau im Heilbronner Rathaus. Bei der Eröffnung blieben die Russlanddeutschen - sie nennen sich lieber Deutsche aus Russland - weitgehend unter sich. Nur ein Gemeinderat der CDU schaute kurz vorbei. Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) würdigte die Bedeutung der seit 1951 in seiner Stadt bestehenden Landsmannschaft. Obwohl in Heilbronn etwa 8800 Russlanddeutsche und deren Nachkommen leben, "ist das Wissen über diese Bevölkerungsgruppe relativ gering". Ihre "jahrzehntelange Leidensgeschichte" sei zum Teil erst durch die Auswanderung beendet worden.

Der OB erkannte Parallelen zu den Flüchtlingen, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen. Die "weitgehend gelungene Integration" der Russlanddeutschen zeige, wie wichtig die Sprachkenntnisse seien. Mergel appellierte an die Landsmannschaft, ihre Erfahrungen einzubringen. Die Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik bezeichnete er als irritierend. Statt der Konfrontation, dem Schüren von "Ängsten, Emotionen und möglicherweise Gewalt" verlangte der Sozialdemokrat "eine sachliche, vom Geist der christlichen Nächstenliebe geprägte Diskussion". Den Flüchtlingen solle nicht mit Neid und Misstrauen begegnet werden, sondern mit Wohlwollen und Mitgefühl. Denn: "Alle, die vor Gewalt und Krieg fliehen, haben sich ihr Schicksal nicht selber ausgesucht."

Die Protestaktionen passen nicht in das Aufklärungskonzept der organisierten Russlanddeutschen. Mit der Ausstellung wollen sie gegen Vorurteile angehen, beweisen, dass sie nicht gewalttätig und kriminell sind, kein Geld geschenkt bekommen und niemandem Arbeitsplätze wegnehmen. Jetzt, nach den Kundgebungen auch in Heilbronn, legen sie großen Wert darauf, nicht als rechtsradikal oder undankbar zu gelten. "Wir distanzieren uns von diesen Sachen", erklärte Leontine Wacker, die Landesvorsitzende in Baden-Württemberg. Sie ärgere sich, wenn über Russlanddeutsche berichtet werde - "das sind doch Russisch sprechende Menschen". Jakob Fischer, der eloquente Projektleiter, möchte eher ungern über die "aktuelle Lage" reden: "Das muss man nicht unbedingt beachten", sagt er der SÜDWEST PRESSE. Spätaussiedler ließen sich nicht für fremde Interessen manipulieren, sie seien auch nicht rechtsextremistisch.

Aber Fischer verschweigt nicht, dass ihm die Zustände an der Grenze nicht gefallen: "Es ist nicht egal, dass es keine Kontrolle gibt." Er und seine Landsleute hätten drei Prüfungen bestehen müssen: Nachweise über "Kriegsfolgenschicksal" und Volkszugehörigkeit sowie Sprachtest. "Deutschland weiß alles von uns, aber von denen, die jetzt kommen, weiß man nichts."

Fischer und Wacker betonen gern und oft, wie gut die Integration gelungen ist. "Wir sind zuhause", sagte die Landesvorsitzende unter Applaus der Zuhörer. Trotzdem beklagt Waldemar Eisenbraun, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft, im Vorwort zur Ausstellung "den offensichtlichen Mangel" an korrekten Informationen über deutsche Spätaussiedler. Die Medien, behauptet er, würden "allzu selten" über die "Einreise als Erfolgsgeschichte" berichten. Deshalb gibt seine Organisation eine eigene Zeitschrift heraus. Der widersprüchliche Titel: "Volk auf dem Weg".

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06.02.2016, 08:30 Uhr
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