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Leitartikel zum Doppelmord von Herne

Im Dunkeln

Morgen wird der kleine Jaden in Herne beerdigt, und noch immer sind wir erschüttert und ratlos. Es scheint, als würden sich die Fälle grausiger Gewalt häufen: zwei Tote in Herne, zwei in Königsdorf in Bayern, drei im brandenburgischen Müllrose, zehn Verletzte nach dem Axt-Angriff in Düsseldorf. Ein Grund, Angst zu haben?

15.03.2017
  • Sven Kaufmann

Die Statistik spricht dagegen, die schwere Gewaltkriminalität nimmt seit 2007 ab. Vermutlich handelt es sich nur um eine zufällige Häufung schlimmer Verbrechen, wie es sie immer wieder gibt. Aber der Fall Marcel H. ist anders. Er könnte für beunruhigende Entwicklungen stehen.

Zum einen erschüttert die extreme Brutalität und absolute Skrupellosigkeit, dieses völlige Fehlen jeglicher Empathie eines sehr jungen Täters für seine Opfer. H., sozial isoliert und beruflich gescheitert, schilderte im Internet das Unfassbare so emotionslos, als handle es sich um ein Videospiel. Dabei war alles kühl geplant. Bis hin zur freiwilligen Festnahme, um danach „das Knastleben zu genießen“, wie er im Netz angekündigt hatte.

Zum anderen zeigt dieser Fall, dass mit dem Internet und den sozialen Medien Extrem-Verbrechen immer intensiver verbreitet und für die Menschen immer direkter, quasi hautnah, erlebbar werden: Mit etwas Knowhow konnte jeder die erschütternden Fotos und Audiobotschaften Marcel H.'s aufspüren. Erst auf der Insider-Website 4Chan, später ganz normal auf Facebook. Sie bieten Details, die weit über das hinausgehen, was sonst in normalen Medien zu erfahren ist – und verbreitet werden sollte.

Im Umkehrschluss stellt sich die Frage, ob diese mediale Verfügbarkeit des Schreckens nicht ein fatales Wechselspiel auslösen kann: Ist es möglich, dass Internetforen und soziale Medien künftig gezielt zur Plattform für Menschen wie H. werden?

Abwegig ist das nicht. Der 19-Jährige hat ersten Einschätzungen von Kriminalpsychologen zufolge aus Frustration und Einsamkeit gehandelt. Er soll eine narzisstische Persönlichkeit sein, die Jaden getötet hat, um wahrgenommen zu werden. Er, der Underdog, hat seine Taten ins Netz gestellt – damit sie gesehen werden. Das ist ihm gelungen. Auf Facebook wurde einer seiner Clips nur einen Tag nach der Festnahme mehr als eine Million Mal abgerufen. Die perverse Lust am Schauder erscheint groß. Die meisten äußerten zwar Abscheu für H.'s Taten. Manche aber, im verborgenen Teil des Netzes, auch euphorische Zustimmung und den Wunsch nach mehr.

Marcel H. lebt offenbar in zwei Welten. Oben, in der realen, als Einzelgänger mit wenigen sozialen Kontakten. Unten, in der virtuellen, nun mit jener grausigen Aufmerksamkeit, die ihm bisher verwehrt war. Es ist beängstigend, dass ein Mensch mitten unter uns derart ins Dunkle abdriften kann, obwohl schon früh klar war, dass er psychisch auffällig ist und Hilfe braucht. Wie viele Menschen in solchen Parallelwelten leben, mag man sich nicht vorstellen.

Möglicherweise hat Marcel H. das getan, wovon einige längst fantasieren, die ebenfalls ins Dunkle abgetaucht sind. Ein Albtraum.

leitartikel@swp.de

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15.03.2017, 06:00 Uhr
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