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Ausstellung informiert über die Arbeit der einzigartigen Institution

Im Büro der Nazijäger

Ein „Erinnerungsort deutscher Geschichte“ soll eine Ausstellung über die Arbeit der Nazijäger sein. Besucher reagieren meist betroffen.

26.08.2016
  • HANS GEORG FRANK

Ludwigsburg. Peter Gohle zieht das Reichsgesetzblatt vom 28. Februar 1933 aus dem Schlitz. „Damit hat alles angefangen“, sagt der Historiker und meint die Entrechtung, Entwürdigung und Ermordung durch die Nationalsozialisten. An jenem Tag vor 83 Jahren trat die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ in Kraft, unterzeichnet auch von Adolf Hitler, dem Reichskanzler. Das Dokument ist auf Fiberglas kopiert, es gehört zu den Objekten der Dauerausstellung „Die Ermittler von Ludwigsburg“. Damit wird seit 2004 die Arbeit einer in Deutschland einmaligen Institution gewürdigt, der 1958 gegründeten Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Die Nazijäger spüren noch immer KZ-Aufseher und SS-Schergen auf. Derweil wird die historische Bedeutung ihrer Arbeit bereits vom Bundesarchiv für die Nachwelt festgehalten. Weil die Ermittler auf ihre Akten noch nicht verzichten können, nimmt sich das Bundesarchiv des Materials an und sichert damit den Zugang für Juristen und Wissenschaftler. Seit 2000 gibt es deshalb eine Außenstelle in Ludwigsburg, 2004 folgte die Ausstellung im angrenzenden Torhaus, einem Relikt der einstigen Befestigung der Residenzstadt. Die Auswahl der Bilder, Befehle und Berichte soll die Leistung der Zentralen Stelle „greifbar und erfahrbar machen“, erklärt Gohle. Der Münchner leitet seit 2014 die Archiv-Filiale, wo er auch „historische Bildungsarbeit“ leisten möchte. Die Ausstellung sei „ein Modul der Archivpädagogik“, mit der sich „viel Grundlagenwissen über NS-Verbrechen und die justizielle Verfolgung“ vermitteln lasse. Wer mehr wissen möchte über das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte, kann – nach schriftlichem Antrag – Archivalien einsehen.

Vor allem Schüler kommen ins Torhaus an der Schorndorfer Straße, sie stellen zwischen 80 und 90 Prozent der jährlich etwa 1000 Besucher. Die Minderheit gehört zu Volkshochschulen und Vereinen. Wenn Peter Gohle die Führungen übernimmt, erlebt er meist eine Standardreaktion in drei Stufen: Zuerst Betroffenheit, dann Empörung über den Massenmord, schließlich „Nachdenken wie die deutsche Gesellschaft damit umgegangen ist“. Kritik an Ermittlungen gegen Greise bekomme er kaum zu hören, sagt der promovierte Wissenschaftler. Zumeist werde das Legalitätsprinzip akzeptiert: „Mord verjährt nicht.“

Blickfang ist der Nachbau eines Büros aus der Anfangszeit der Zentralen Stelle im Untergeschoss, geschützt durch Panzerglas von oben zu besichtigen. Ein Kalender weist auf das Jahr 1968 hin, als EDV noch unbekannt war. Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine von Adler, eingespannt ist ein Schreiben an das Kammergericht Berlin. Neben dem Bakelit-Telefon quillt der Aschenbecher über. Gesetzestexte und Akten zeugen von den aufwändigen Recherchen. An der Wand hängt eine Tafel mit dem Organigramm der Hitler-Hierarchie und eine mit den diversen Rängen der Killer-Kommandos. Von einem solchen Arbeitsplatz begann die Aufklärung grauenhafter Verbrechen, „der Blutspur, die fanatisierte Ideologen durch Europa gezogen haben“, wie sich Gohle ausdrückt.

Er geht zu einem der schwarzen Speicher mit den schmalen Schlitzen. „Das hier ist eines der erschütterndsten Dokumente, das ich jemals in die Finger bekommen habe“, sagt der 50-jährige Bayer. Unter dem Aktenzeichen „II D 3a (9) Nr. 214/42 g.Rs“ wird die notwendige Technisierung des Massenmords begründet. Gaswagen sollen die Erschießungskommandos entlasten. Kohlenmonoxid statt Kugeln. Daraus entstanden die Gaskammern in den Konzentrationslagern als Teil des industriemäßig betriebenen Genozids.

Hitlers fleißige Vollstrecker führten auch akkurat Buch. Einsatzkommandos in Litauen listeten ab 4. Juli 1941 exakt auf, wie viele Juden und Kriegsgefangene sie erschossen haben. Unter dem Strich stand nach fünf Monaten die Zahl 137 346.

„Das ist unfassbar“, meint Gohle, der sich immer wieder um „professionelle Distanz“ bemühen muss. Doch gerade das Entsetzen motiviere ihn auch zu dieser Art des politischen Unterrichts, „damit die Leute heute wissen, was damals angerichtet worden ist“.

Info Die Ausstellung ist montags bis donnerstags, 9 bis 16 Uhr, freitags bis 14 Uhr zu sehen, zudem jeden zweiten Sonntag, 11 bis 12.30 Uhr. Eintritt frei. Adresse: Ludwigsburg, Schorndorfer Straße 58.

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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