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Colours

Im Bann von Kampf und Verlust

Zum Abschluss des Stuttgarter Tanzfestivals bringt Akram Khan sein neues Stück „Outwitting the Devil“ auf die Bühne. Die vernichtende Kraft des Menschen in eindringlichen Szenen.

17.07.2019

Von Claudia Reicherter

Die sechs Tänzerinnen und Tänzer zeigten 80 Minuten lang Körperspannung und volle Konzentration. Foto: Jean Louis Ferndanez

Akram Khan ist wütend. Auf die Menschen und wie sie mit der Welt umgehen. Mit dem, was sie ihren Kindern hinterlassen. Seine Wut hat mit dem Brexit zu tun, mit dem Klimawandel. Aber auch damit, dass er heute Vater ist, erklärt der in London geborene bengalischstämmige Choreograf dem Publikum nach der Uraufführung seines neuen Stücks „Outwitting the Devil“ im Stuttgarter Theaterhaus. Dort wurde das 80-minütige Stück zum Abschluss des 18-tägigen 3. Internationalen Tanzfestivals Colours am Wochenende zwei Mal gezeigt, bevor seine bald 20-jährige Londoner Compagnie damit auf Tour geht: nach Avignon, Amsterdam, Rotterdam, Paris, Moskau, Düsseldorf, Aix, Namur . . .

Vor zehn Jahren wäre seine Abrechnung mit dem „Teufel Mensch“ noch gnädiger, poetischer ausgefallen. Dabei zieht dieser stets meisterhaft klassischen mit zeitgenössischem Tanz verbindende multimediale Storyteller die Inspiration erneut aus einem frühen literarischen Werk: dem sumerisch-babylonischen Gilgamesch-Epos. Aber für Poesie ist auf der düsteren, weitgehend leeren Bühne, die er dafür schuf, kein Raum.

Große Blöcke stehen am hinteren Rand der Tanzfläche, links und rechts wird sie von kleinen schwarzen Quadern begrenzt, die zu Vincenzo Lamagnas mächtig aufwühlendem Soundtrack mal für die Last stehen, die Mensch und Natur zu tragen haben. Und mal für die Tafeln, durch die das 4000 Jahre alte Poem überliefert ist. In einer jüngst entdeckten Episode ist von einem Zedernwald zu lesen, den der urzeitliche Mensch niederbrannte. Den erwähnt auch Akram Khan im aus dem Off einem seiner Akteure in den Mund gelegten französischen Text. Der erzählt von fernen Tagen, lange vergangenen Jahren, hebt erste Sprachbrocken aus, beginnt, seine Umgebung zu benennen – „éléphant, faucon, tigre, araignée“ –, bevor er Mitleid für sie empfindet. „Grenouille, homme.“ Der Einschlag des Menschen scheint in der Welt des Tanzschöpfers vernichtender als jeder Blitz, jeder Meteorit.

Dazu agieren vier Tänzer und zwei Tänzerinnen aus fünf Nationen in extrem kräftezehrender Zeitlupe mit stummer, auf die Mimik beschränkter Artikulation. Khan erschafft mit ihnen epische, ikonische Bilder. Szenen, wie frisch von den Wänden der Höhlen von Lascaux gekratzt oder aus einem eingefrorenen Foto-Moment aufgetaut. Der 44-Jährige legt so das grundlegende menschliche Wesen und Handeln frei, die „conditio humana“. Das Stück umfasst Gewalt und Grausamkeit, es ist eine eindringliche, archaische Geschichte von Kampf und Krieg, Verlust und Schmerz, Entdeckung, Erkenntnis, Freude. Nicht hübsch, kein Genuss, sondern anstrengend und fordernd. Dieser Veitstanz mit dem Teufel haut richtig rein. Unversöhnlich, gnadenlos, nennt ihn Khan.

Als Kind einer Kriegsflüchtlingsfamilie über dem indischen Restaurant der Familie mit Bollywoodfilmen und den von der Mutter vom Job nach Hause gebrachten Platten des Rolling-Stones-, Moody-Blues- und Adam-Ant-Labels Decca aufgewachsen, mit sieben im klassischen indischen Kathak-Tanz ausgebildet und mit 13 von Theaterregisseur Peter Brook für die Bühne entdeckt, ist er „völlig frustriert vom westlichen, patriarchalen, industrialisierten, durch die Uhr diktierten Verständnis von Zeit“. Und der Erhebung des Intellekts über die Weisheit, der Jugend über das Alter. Deshalb geht es ihm in „Outwitting the Devil“ nicht nur darum, der teuflischen Menschheit ein Schnippchen zu schlagen, sondern auch der Zeit.

Das tut er aufwühlend, unbarmherzig, schonungslos. Statt zeitloser Poesie hinterlasse die Schnelllebigkeit neuer Technologien „eine Art Mythen-Loch“. Das kann er nur mit seiner Kunst füllen. Und erntet dafür einmal mehr begeisterte Ovationen.

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Erstellt:
17. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 06:00 Uhr

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