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Ein Mahner gegen die Staatsverschuldung

Im Alter von 87 Jahren ist der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler Dieter Pohmer gestorben

Tübingen. Gemeinhin bringt man mit Appellen zum Maßhalten eher Ludwig Erhard in Verbindung, den Wirtschafts(wunder)minister unter Adenauer und nachmaligen CDU-Bundeskanzler. Der Tübinger Professor für Wirtschaftswissenschaften Dieter Pohmer hielt daran fest, als das Maßhalten längst nicht mehr opportun war. Trotzdem suchten in der alten Bundesrepublik, als Pohmer zu den renommiertesten Wissenschaftlern seines Fachs zählte, alle Bundesregierungen seinen Rat.

23.03.2013

Gefragt war er fast bis zu seinem Tod am vergangenen Dienstag. Im aktuellen Mitgliederverzeichnis des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium ist sein Name nach wie vor verzeichnet. Seit 1962. Damals war der Experte erst 37 Jahre alt.

Politisch stand der gebürtige Berliner, Gründungsmitglied des 1970 als Reaktion auf die Studentenbewegung gegründeten Bundes „Freiheit der Wissenschaft“, tief im konservativen Lager. Wortgewandt hielt er unbeirrbar zu seinen Prinzipien. Das verwickelte ihn unweigerlich in Konflikte, die er nie scheute, auch nicht mit seinen christdemokretischen Parteifreunden. Denn Prinzipientreue bedeutete für ihn nicht unbedingt parteipolitische Linientreue. Das verschaffte ihm Respekt und Anerkennung, beliebt machte er sich damit nicht unbedingt, zumal nicht in den politisch bewegten Jahren.

Pohmers Vorlesungen waren gelegentlich Ziel von studentischen Störern, denen seine Ansichten nicht passten und die lieber über allgemeinpolitische Themen diskutieren wollten. Einmal soll er sogar übers Fenster in den Hörsaal eingestiegen sein, um eine von Streikenden blockierte Lehrveranstaltung abhalten zu können. Es sprach sich herum, dass er eine Minox-Kamera nicht nur dabei hatte, sondern auch davon Gebrauch machte, wenn Fachfremde in seinen Unterricht eindrangen. Dass ihn manche Formen von Radikalkritik an seiner Person mitunter auch quälte, ihn harsche Umgangsweise stärker traf als ihm anzusehen war, steht auf einem anderen Blatt.

Der Kaufmannssohn Dieter Pohmer, 1925 geboren, musste wegen seines Militärdienstes während des Kriegs und anschließender Gefangenschaft seine Schulzeit einige Jahre unterbrechen, erst 1947 konnte er sein Abitur ablegen. Nach einem kaufmännischen Praktikum begann er sein Studium an der Wirtschaftshochschule Mannheim, das er mit dem Kaufmannsdiplom abschloss und 1953 an der Freien Universität Berlin mit der Promotion krönte.

1959 folgte er einem Ruf auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler und er blieb Tübingen treu, ungeachtet weiterer Rufe aus Köln und Frankfurt, München und Berlin. Das sprach für seine fachliche Reputation.

Den Kernbereich seines wissenschaftlichen Wirkens traf der Titel der Festschrift, die ihm zum 65. Geburtstag gewidmet wurde: „Finanzwissenschaft im Dienste der Wirtschaftspolitik“. Denn weit im Land bekannt machte den Tübinger Wirtschaftswissenschaftler, dass er von Juli 1984 bis Februar 1991 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung war. Es ist jenes Gremium, in das fünf Wirtschaftswissenschaftler berufen werden, die gemeinhin als die „fünf Weise“ bezeichnet werden. Pohmer trat seinerzeit immer wieder als Mahner gegen die wachsende Staatsverschuldung auf. Er plädierte für Wachstum, das der Staat durch entsprechende Rahmenbedingungen ermöglichen sollte.

Ende des Wintersemesters 1994 wurde Pohmer emeritiert, danach kamen die Jahre, in denen bald der Freizeitanteil überwog. Fahrradtouren zeigten das Leben von einer anderen Seite, der Pensionär fotografierte gerne, nahm sich mehr Zeit für die Familie. Nach einem dritten Schlaganfall vor wenigen Jahren fiel der Alltag zusehends schwerer, vor einigen Monaten begannen die Kräfte zu schwinden. Er ist zuhause im Kreise seiner Familie gestorben. Die Beerdigung ist am Donnerstag nach Ostern um 14 Uhr auf dem Tübinger Bergfriedhof.HANS-JOACHIM LANG

Im Alter von 87 Jahren ist der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler Dieter Pohmer gestorben
Dieter Pohmer vor 25 Jahren bei einem TAGBLATT-Gespräch. Archivbild: Metz

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23.03.2013, 12:00 Uhr
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