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Serie

Ihre Menschenkenntnis schützt vor fragwürdigen Kunden

Gaby Löffler fährt seit mehr als 20 Jahren Taxi. Sie erzählt, welche Fahrgäste ihr recht sind und bei welchen sie das Gaspedal lieber durchdrückt.

17.08.2019

Von CAROLINE HOLOWIECKI

Gabi Löffler steht mit ihrem Taxi häufig am Bahnhof. Besonders heikle Erlebnisse hat sie bisher wachsam vermieden. Foto: Ferdinando Iannone

Kurz vor der Mittagszeit geht es am Taxistand vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof zu wie im Taubenschlag. Zwischen hektischen Berufstätigen, die schnell zum Essen wollen, Touristen mit Rucksäcken und Frauen mit Kinderwagen schlängeln sich unzählige Taxis durch, stehen Schlange, fädeln sich wieder in die Wartereihe ein, und schon geht's wieder weiter.

Gaby Löffler scheint das Gewusel indes gar nicht wahrzunehmen. Ab und an hält sie einen Arm aus dem heruntergelassenen Fenster, zeigt einem Kollegen an, er möge weiterfahren. Die 62-Jährige hat die Ruhe weg. Seit 1996 fährt sie als selbstständige Taxiunternehmerin Menschen von A nach B. „Ich habe als Aushilfe angefangen. Ein Bekannter sagte mir, die brauchen immer Leute.“ Brauchten sie tatsächlich, und die gelernte Jugend- und Heimerzieherin ist geblieben.

Gaby Löffler bezeichnet sich als leidenschaftliche Autofahrerin. Dauerstau und Baustellen machten ihr nichts aus. Einzig lange Wartezeiten, in einer Schlange von Kollegen, brächten sie manchmal zum Schnaufen, vor allem, wenn dann nur eine sehr kurze Fahrt anstehe, bei der wenig verdient sei. „Die Kunden können aber nichts dafür“, betont die Taxifahrerin.

Als Frau hinterm Steuer ist Gaby Löffler eine Rarität. Die Taxibranche ist eine Männerdomäne. Vorteil: Bei vielen Fahrgästen sei die Überraschung so groß, eine Fahrerin zu haben, dass das Eis sofort gebrochen sei. Nachteil: Ab und an müssen sie Flirtversuche abwehren. „Zu meinen Anfangszeiten haben die Herren gebaggert wie die Ochsen“, sagt sie lachend.

Doch der Vollprofi aus Gablenberg ist nicht den Mund gefallen. Nur ein einziges Mal habe sie in mehr als 20 Jahren ein mulmiges Gefühl gehabt. Dann habe sie ihren Geheimtrick angewendet. „Ich habe die Innenbeleuchtung angemacht, dann saß er auf dem Präsentierteller.“

Menschenkenntnis gehört bei dem Job dazu. Viel Gelassenheit und viel Erfahrung auch. „Früher war ich beim Cannstatter Wasen mittendrin, heute meide ich das“, sagt sie. Stattdessen positioniere sie sich zur Volksfestzeit lieber am Bahnhof in Bad Cannstatt. „Die, die es bis dorthin zu Fuß geschafft haben, sind in einem besseren Zustand“, sagt sie augenzwinkernd.

Auch bei Personen, die sie nachts am Straßenrand herwinkten, schaue sie genauer hin. „Wenn einer den anderen stützen muss, das ist ganz schlecht“, sagt sie. Da drücke sie dann lieber das Gaspedal durch. Mit dieser Strategie sei sie um unappetitliche Malheurs in ihrem Hybrid-Auto weitgehend herumgekommen.

Ein Zuckerschlecken ist der Job nicht, bekennt Löffler. Die Konkurrenz durch alternative Beförderungs- und Carsharing-Angebote werde größer, „man muss da sein“. Bis auf sonn- und feiertags arbeite sie täglich, am Wochenende kämen nach einem Nickerchen Nachtschichten hinzu. Entschädigt wird sie durch nette Gespräche. Die Frau, die ihr Armaturenbrett mit Figuren aus dem Überraschungsei geschmückt hat, unterhält sich gern, wie sie sagt. Totenstille im Taxi möge sie weniger. „Mit lustigen, freundlichen Leuten ist es angenehm.“

Gaby Löffler hat viele Stammkunden. So befördert sie an jedem dritten Donnerstag Senioren aus dem Stuttgarter Osten, alle um die 90, zum Klassentreffen in die Gastwirtschaft und sammelt danach alle wieder ein, um sie heimzubringen. „Bei alten Leuten erfährt man die Lebensgeschichte auf Raten“, sagt sie. „Man kriegt sehr viel mit.“ Was genau, dazu schweigt und lächelt sie. Was im Taxi passiert, bleibt im Taxi. Nur so viel: Es reiche von Streits bis hin zu Liebeleien. „Es wird viel geknutscht. Doch bei mehr schreite ich ein, wenn ich das Gefühl habe, dass sich Klamotten lösen.“

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Erstellt:
17. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2019, 06:00 Uhr

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