Ein Mahnmal für „Wüste 1“

Ideen für Gedenken an NS-Ölschieferwerk

Seit Jahresbeginn gibt es Impulse für ein Mahnmal in Dußlingen. Thema: Der Ölschiefer-Abbau des NS- Unternehmens „Wüste“. Jetzt nimmt die Idee erste Formen an. Der Gemeinderat steht geschlossen hinter dem Plan.

23.06.2012

Von Eike Freese

Dußlingen. Noch ist das Projekt Mahnmal ein zartes Pflänzchen. Nach dem entsprechenden SPD-Antrag zum Jahreswechsel und ersten Kontakten zwischen engagierten Dußlingern bestärkte jetzt der Gemeinderat am Donnerstag geschlossen seine Unterstützung für das Projekt. Neben Mit-Initiatorin Renate Schelling (SPD, „Unser Ziel muss aktive Erinnerung sein“) sprachen sich auch DWV-Fraktionschef Harald Müller („Das Thema ist uns wichtig, wir brauchen möglichst viel Kooperation“) und Bürgermeister Thomas Hölsch für den Plan aus.

Als Vorbild kann Bisingen gelten. In der Zollernalbgemeinde gibt es seit rund neun Jahren den Verein „Gedenkstätten KZ Bisingen“ mit einem Geschichtslehrpfad, der an den Spuren des dortigen „Werk 2“ entlangführt, an Öltanks und Hydrierungsanlagen. Es gibt dort den KZ-Friedhof Bisingen, eine Ausstellung im Heimatmuseum und regelmäßige Führungen. Örtliche Schulen sind eingebunden: So helfen etwa Bisinger Realschüler einmal jährlich bei der Reinigung der alten Anlagen. „Inzwischen ist die Gemeinde stolz auf uns und wir sind stolz auf die Unterstützung der Gemeinde“, erzählt die Vereinsvorsitzende Uta Hentsch. Das war nicht immer so. In den 1980er Jahren sahen sich örtliche Jusos als „Nestbeschmutzer“ beschimpft, als sie das Gedenkprojekt erstmals zum Ortsgespräch machten.

Die Dußlinger Gemeinderäte wollen es Bisingen insofern gleichtun, als sie ein einsames Mahnmal ohne Anbindung in die Ortskultur ablehnen. „Wir pflanzen hier nichts beziehungslos ins Gelände“, fordert etwa Renate Schelling. Sie will das Thema dokumentarisch aufbearbeitet sehen und „mehr als eine Infotafel“, um Dußlinger und Gäste auf die dunkle Vergangenheit vor Ort aufmerksam zu machen. Harald Müller warf die Standort-Idee Mediothek für eine Ausstellung in den Raum. Thomas Hölsch lobte das bereits bestehende Schul-Engagement auf dem Höhnisch und nannte auch den Standort Höhnisch als geeignet für Dokumentation oder Mahnmal – denn genau hier schufteten die Zwangsarbeiter auf einem 1,5 Hektar großen Gelände, um minderwertiges Öl aus dem Schiefer zu gewinnen.

Die Idee zieht Kreise. Der Dußlinger Künstler Werner Steinmetz hat zur Inspiration und Kostenkalkulation die Skizze eines möglichen Kunstwerkes angefertigt. Gut 12 000 Euro würde das kosten. „Ich wollte etwas beisteuern, damit die Gemeinde eine Vorstellung hat, wie so etwas aussehen könnte“, so Steinmetz, der dem Deutsch-Israelischen Freundschaftsverein „Israelplattform“ vorsteht.

Noch hat die Gemeinde die Fäden in die Hand. Thomas Hölsch will einen Projektkreis anstoßen, die Räte sind aufgeschlossen, Sachverstand bot Kreisarchivar Wolfgang Sannwald an. Über kurz oder lang müssen aber Bürgerinnen und Bürger das Ruder übernehmen. „Ein Verein ist unverzichtbar“, glaubt etwa Uta Hentsch. „So kommen sie an Fördermittel vom Bund oder von Stiftungen.“ Bisingen hat das Gedenken an seine NS-Vergangenheit inzwischen integriert ins kulturelle Leben der Gemeinde. „Wenn Fünft-, Sechst- und Siebtklässler zu unseren Führungen kommen“, schwärmt Hentsch, „dann ist das einfach wunderbar.“

Nur eine Idee für ein künftiges Mahnmal in Dußlingen: Der örtliche Künstler Werner Steinmetz skizzierte kürzlich eine beschriftete Stele aus hellem Granit inmitten eines Geröllfeldes aus schwarzem Schiefer. Sein Ziel: Gemeinde und engagierte Bürger sollen eine Vorstellung von den ästhetischen Möglichkeiten und den Kosten eines Mahnmals bekommen.Privatbild

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte das NS-Regime, kriegswichtigen Treibstoff aus Ölschiefer zu gewinnen. Neben Dußlingen/Nehren („Werk 1“) lagen alle Komplexe des „Unternehmens Wüste“ entlang der heutigen B 27, etwa in Bisingen, Erzingen, Dormettingen oder Schömberg. Die Arbeit in den Ölschieferwerken wurden von Zwangsarbeitern verrichtet. Sie bauten den Schiefer in Handarbeit ab und transportierten den Rohstoff mit einer Schmalspurbahn. Das Öl wurde aus dem Gestein gedampft und anschließend kondensiert. Das Verfahren war sowohl quantitativ als auch qualitativ nicht ertragreich. Ein „wahnwitziges und sinnloses Unterfangen“ nennt die Historikerin Christine Glauning das Projekt. Die SS schickte insgesamt rund 11 000 KZ-Häftlinge zur Arbeit in die Werke. Geschätzt knapp 3500 davon
kamen ums Leben.

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Erstellt:
23. Juni 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juni 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2012, 12:00 Uhr

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