Schauspiel

„Ich wollte einen Schrei ausdrücken“

Der gebürtige Libanese Wajdi Mouawad erhält in Stuttgart den ersten Europäischen Dramatiker:innen-Preis.

11.10.2021

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Wajdi Mouawad spielt sein Stück „Seuls“. Foto: Thibaut Baron

Wajdi Mouawad spielt sein Stück „Seuls“. Foto: Thibaut Baron

Stuttgart. Beim Schreiben, sagt Wajdi Mouawad, gehe es ihm darum, im Menschen „Phantomschmerzen“ zu wecken, „Gespenster-Emotionen“ einzufangen, die Zuschauer gleichsam „zu bombardieren“, sie aufzuwühlen. An die 30 Dramen hat er geschrieben. Und immer wieder kreisen sie um Gewalt und Krieg, Herkunft und Identität. Zum Beispiel auch „Seuls“ – ein skurriles Bühnensolo, das als Fantasie-Trip irgendwo zwischen Montreal, Beirut und St. Petersburg spielt und Kategorien wie Slapstick, Ich-Suche und Menschheitsfragen durcheinander wirbelt.

Kein Wunder bei dieser Biografie: Wajdi Mouawad, 1968 im Libanon geboren, wuchs dort auf, bis seine Familie mit ihm 1976 vor dem Bürgerkrieg nach Frankreich floh – und mangels Bleiberecht 1983 nach Kanada auswanderte. Mouawad wurde Schauspieler, Regisseur, Theaterchef. Derzeit lebt er wieder in Frankreich, wo er seit 2016 in Paris das Théâtre national de la Colline leitet.

Am Sonntag nun wurde Mouawad mit dem erstmals vergebenen „Europäischen Dramatiker:innen-Preis“ geehrt. Die 2020 geplante Verleihung des Preises, gefördert vom Kunstministerium Baden-Württemberg mit 75?000 Euro, ging Corona-bedingt erst jetzt über die Bühne. Den „Preis für Nachwuchsdramatiker:innen“, von der Stiftung SHR Holding mit 25?000 Euro dotiert, erhielt die 23-jährige britische Autorin und Schauspielerin Jasmine Lee-Jones.

Bereits Mouawads frühes, später verfilmtes Erfolgsdrama „Verbrennungen“ (2003), verhandelte Traumata des libanesischen Bürgerkriegs und machte ihn auch hierzulande bekannt. Sein in Stuttgart deutschsprachig erstaufgeführtes Stück „Vögel“ (2018), ein west-östliches Familienepos vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts, avancierte gar zum „Stück der Stunde“, läuft am Burgtheater und rund 15 weiteren großen Bühnen.

„Die prägenden Wunden und Verletzungen der jüngeren Vergangenheit, vor allem im Nahen Osten“, so der Jury-Vorsitzende Peter Michalzik, werden in Mouawads Stücken „benannt und nacherlebbar“. Mouawad selbst hat dies stets bestätigt: „Mit dem Krieg und dem Exil war das Bedürfnis zu sprechen dringend geworden.“ Sein Schreiben fürs Theater sieht Mouawad so: „Ich wollte einen Schrei ausdrücken, ich wollte Ängste austreiben, ich wollte vermitteln, was unsere Eltern nicht ausdrücken konnten.“

Starkes Signal

Gerade in Zeiten des gefährdeten EU-Zusammenhalts scheint der neue Dramatik-Preis umso wichtiger. So wertet der Schirmherr, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Auszeichnung als ein „europaweit wirkendes Signal“.

Dass es diesen Preis nun gibt, war ein Herzensanliegen des Stuttgarter Schauspielchefs Burkhard C. Kosminski, der sein Konzept eines internationalen Autoren- und Gegenwartstheaters hier weiter ausbaute und ein Europa-Ensemble ins Leben rief.

Ein Paradebeispiel für diesen Kurs war Mouawads Stück „Vögel“, eine, typisch für den Autor, exuberante, tragikomische und fabulierfreudige Melange aus Familiensaga und Nahost-Drama, gehobenem Boulevard und antiker Tragödie, gewürzt mit Philosophie und aufgehellt mit einer Prise Optimismus. Dennoch, letztlich sei „das Tragische“ die Quelle, aus der er alles schöpfe, sagte Mouawad im Podiumsgespräch. Die Geschichte der Menschheit vergleicht er mit einer Art „Teermaschine“, der es egal ist, wenn sie über Ameisen hinweg walzt. Auf die Frage, wie er die Nachricht vom Preis aufgenommen habe, zeigt Mouawad liebenswürdige Selbstironie: „Ich dachte zuerst: Die haben sich bestimmt geirrt!“ Otto Paul Burkhardt

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Erstellt:
11.10.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 30sec
zuletzt aktualisiert: 11.10.2021, 06:00 Uhr

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