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Drogeriechef Erwin Müller über seine Spende für Flüchtlinge - Unternehmer fordert höheren Mindestlohn

"Ich weiß, was Hunger bedeutet"

Erwin Müller ist eine schweigsame Legende. Er spricht selten über seine Arbeit, sein caritatives Engagement. Im einem der wenigen Interviews verrät er, warum ihm der Einsatz für Schwächere wichtig ist.

03.03.2016
  • ULRICH BECKER

Ihre Kunden und Sie spenden gemeinsam über eine halbe Mio. EUR für Flüchtlinge: Woher kommt die Motivation für so eine Spende?

ERWIN MÜLLER: Ich spende verhältnismäßig viel, was niemand weiß, aber das trage ich nicht groß nach außen. Ich helfe da, wo s einfach nötig ist. Der Universitätsklinik in Ulm zahle ich jetzt zum Beispiel das Gehalt eines zusätzlichen Arztes für den Ultraschall-Bereich. Verschiedene Einrichtungen, wie auch die Uniklinik Heidelberg, erhalten von mir immer wieder Geld.

Wie kam es dazu, in den Filialen 3000 Spendendosen aufzustellen?

MÜLLER: Wir haben die vergangenen Jahre in Augsburg öfters für das Tierheim gesammelt - ebenfalls mit Spendendosen. Auch da habe ich den gespendeten Betrag immer verdoppelt. Und so ist dann die Idee bei mir entstanden, das sollte man jetzt auch für die Flüchtlinge machen.

Hat Sie es erstaunt, dass gerade auch in Ungarn oder Slowenien so viel Geld gesammelt worden ist?

MÜLLER: Ach wissen Sie, die Menschen sind oftmals viel, viel besser als die Politiker.

Was soll mit dem Geld passieren?

MÜLLER: Die Hilfsorganisationen machen Vorschläge und dann entscheiden wir gemeinsam. Der Großteil des Geldes wird nach Deutschland gehen, um Hilfe für minderjährige Flüchtlinge zu leisten. Ein guter Teil aber auch nach Syrien, zum Beispiel um für Flüchtlingsfamilien lebenswichtige hygienische Standards sicherzustellen.

Berührt Sie das Schicksal der Flüchtlinge in besonderem Maße?

MÜLLER: Ich bin im Krieg aufgewachsen und weiß, was Hunger bedeutet. Ich habe sehr viel gehungert, ich kenne dieses Gefühl. Auch wir sind mal über Nacht aus unserer Bleibe vertrieben worden und wussten nicht, wohin. Die Familien, die Kinder, die mit ihren Eltern unterwegs sind, kann man nur bedauern. Auch wenn es Ausnahmen gibt - die allermeisten machen sich ja nicht aus Spaß auf den Weg.

Sie versuchen auch, Flüchtlinge in Ihrem Unternehmen einzustellen

MÜLLER: Wir haben schon einige eingestellt. Es sind jetzt bereits deutlich über 30 Flüchtlinge in unserem Unternehmen. Ich muss sagen, bis auf wenige Ausnahmen funktioniert das sehr gut.

Unterstützt die Politik die Wirtschaft in dieser Frage genügend?

MÜLLER: Das ist das große Problem. Die Flüchtlinge müssten wesentlich schneller ihre Pässe erhalten und gesagt bekommen: "So, ab morgen kannst du arbeiten." Im Job lernen sie die Sprache schneller als in Sprachschulen, wo sie nach dem Unterricht keine Gelegenheit haben, die Sprache anzuwenden.

Gibt es aus Ihrer Sicht zu hohe bürokratische Hürden?

MÜLLER: Ja, das dauert doch alles viel zu lange. Warum hält man die Leute Monate oder ein halbes Jahr lang hin? Wir könnten noch mehr Arbeitskräfte brauchen.

Wären Sie auch dafür, dass man weniger als den Mindestlohn zahlen sollte, um die Eingliederung zu erleichtern?

MÜLLER: Nein, ganz im Gegenteil. Wir zahlen deutlich mehr, natürlich auch den Flüchtlingen. Der gültige Mindestlohn in Deutschland von 8,50 EUR ist ein Hungerlohn - nicht mehr und nicht weniger. Ginge es nach mir, müsste der Mindestlohn bei 12,50 EUR liegen. Das zahle ich meinen Mitarbeitern auch.

Sie zeigen auch im Unternehmen hohe soziale Verantwortung, die Stimmung bei Ihnen gilt als gut. Wie schaffen Sie diese Atmosphäre?

MÜLLER: In jeder Filiale, in jeder Abteilung liegen rote Kuverts aus. Dort kann jeder Mitarbeiter seine Sorgen oder Beschwerden aufschreiben und schickt sie mit der Firmenpost zu mir. Den Brief öffne ich persönlich und innerhalb von zwei Tagen erhält der Mitarbeiter eine Antwort.

Von Ihnen persönlich?

MÜLLER: Ja. Zum einen gehen so die Führungskräfte mit den Mitarbeitern anständig um, weil sie sich kontrolliert fühlen. Und wenn einer ein Problem hat, kann ich helfen - zum Beispiel, wenn ich einem krebskranken Mitarbeiter die bessere, aber teurere Chemotherapie bezahle. Ich kümmere mich, wenn es geht, persönlich.

Ein Patriarch im positiven Sinne: Glauben Sie, dass so etwas auch in einer Aktiengesellschaft möglich wäre?

MÜLLER: Ich glaube es nicht, ich kann mir das sehr schlecht vorstellen.

Sie gelten als penibler Arbeiter, der sein Unternehmen genau kennt. Haben Sie eigentlich alle Ihre knapp 750 Filialen besucht?

MÜLLER: Es gibt keine Filiale, die ich nicht selber während der Bauzeit gesehen habe. Aber auch später, wenn ich in die Gegend komme, schaue ich regelmäßig in den Filialen vorbei.

Und wie sieht das aus, wenn der Herr Müller zu "Müller" kommt?

MÜLLER: Ich gehe rein zur Kasse und sage, ich bin der Herr Müller und ich möchte die Filialleitung sprechen.

Erschrickt sich da der eine oder andere?

MÜLLER: Bis jetzt habe ich das Gefühl - zumindest tun die Mitarbeiter so -, dass man sich freut, wenn ich komme. Und ich glaube, das ist ehrlich gemeint.

Und was freut Sie am meisten bei einem solchen Besuch?

MÜLLER: Wenn die Mitarbeiter "Guten Tag" oder "Grüß Gott" sagen, wenn man hineinkommt, also den Kunden wahrnehmen. Und wenn es keinen Stau vor den Kassen gibt. Dann gehe ich durch die Filiale - auch sehr kritisch - und wenn s dann in Ordnung war, bekommen die Mitarbeiter Kaffee und Kuchen als kleines Dankeschön. Wenn s mal nicht so ist - das kommt im Jahr vielleicht zwei- oder dreimal vor - gibt s nichts. Das ist dann die größte Strafe und spricht sich sehr schnell im Unternehmen herum.

Wenn man sich wie Sie von kleinsten Anfängen hocharbeitet - was ist das Geheimnis des Erfolgs?

MÜLLER: Arbeiten (lacht). Sie müssen arbeiten und nicht um 9 Uhr mit der Tageszeitung unter dem Arm ins Geschäft kommen. Ich war viele, viele Jahre der Erste und der Letzte in der Firma. Man muss mit gutem Beispiel vorangehen. Mir macht kein Mitarbeiter die Türe auf, das gibt es nicht. Ich mache jedem Lehrling die Türe auf. Ich mache mich immer ein Stück kleiner als meine Mitarbeiter.

Der Erste und der Letzte - wie früh, wie spät war das?

MÜLLER: Früher bin ich immer um 5 Uhr oder sogar um 4 Uhr aufgestanden und habe meine Ware ausgefahren. Abends um 22 Uhr war dann Schluss - manchmal noch später...

Zusammengefasst: Arbeiten, arbeiten, arbeiten

MÜLLER: Ja, und das sechseinhalb Tage die Woche, oft noch Sonntagvormittags. Sonntagnachmittags habe ich nicht gearbeitet - meistens nicht.

Eines Ihrer Merkmale ist auch, dass Sie streitbar sind. Man nannte sie sogar den "Rebell von Ulm". Muss ein erfolgreicher Unternehmer anecken und seine eigene Linie verfolgen?

MÜLLER: Meine Devise war immer: Wenn viele in die Donau springen, springe ich nicht, und wenn keiner mehr reinspringt, springe ich rein.

Eine Devise, mit der Sie Erfolg hatten. Spüren Sie oft, dass der Erfolg Ihnen geneidet wird?

MÜLLER: Das gehört, dazu, damit muss man leben.

Ärgert Sie das?

MÜLLER: Da stehe ich drüber.

3000 Spendendosen in über 700 Filialen

Spenden Andere reden, Erwin Müller hilft. In einer großen Aktion hat die Ulmer Handelskette Drogerie Müller in den vergangenen Monaten in über 700 Filialen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Slowenien, Ungarn und Spanien Spenden für Flüchtlinge gesammelt. In rund 3000 Spendendosen, die an den Kassen aufgestellt waren, kamen so fast 260 000 Euro zusammen. Erwin Müller verdoppelte den Betrag aus der eigenen Tasche auf insgesamt 520 000 Euro. Zugute kommt das Geld der UN-Flüchtlingshilfe und der „Aktion Deutschland hilft“. Für die Vertreter der Hilfswerke ist das Engagement außergewöhnlich. „Im Einzelhandel gibt es keinen Kooperationspartner, der mehr tun würde“, sagt Kai Pleuser von „Deutschland hilft“. Die Aktion wird mit ihrem Anteil von 408 000 Euro sowohl in Deutschland als auch in den Herkunfts- und Durchgangsländern helfen. Die UN-Flüchtlingshilfe will mit den übrigen 112 000 Euro dagegen vor allem Hilfsgüter nach Syrien bringen. „Wir fahren dorthin, wo es nach Lage der Dinge eben geht“, erklärt Geschäftsführer Dirk Sabrowski. Mit den Müller-Spendengeldern wolle die Uno vor allem erreichen, dass sich die hygienischen Bedingungen verbessern, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern - mit Windeln, Seife und anderen Produkten. Sabrowski: „Also etwas, das auch unmittelbar mit dem Unternehmen Müller zu tun hat.“ Begeistert hat alle Experten die Spendenbereitschaft der Müller-Kunden, vor allem auch in Österreich, Slowenien und Ungarn, die unmittelbar von der Flüchtlingskrise betroffen sind. „Das beweist, dass die Menschen oft anders denken als die politische Klasse“, ist Bernd Pastors von der „Aktion Deutschland hilft“ überzeugt. ub

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03.03.2016, 08:30 Uhr
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