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Quenstedt-Ehrung

Ich schaue täglich von meinem Stein...

Im Jahre 1907 stellte die Allgemeine Deutsche Biographie fest: „Die Spuren seines Weges werden nicht so leicht verwischt werden.“ Tatsächlich, der Geologe und Mineraloge Friedrich August Quenstedt muss, 200 Jahre nach seiner Geburt, 120 Jahre nach seinem Tod, nicht darauf lauern, dass jemand sein Andenken mühsam ausgräbt.

31.10.2009

Von Jürgen Jonas

Mössingen / Tübingen. Der urtümliche Tübinger Christoph Columbus Krauß hatte ihn noch persönlich gekannt, den erdverbundenen Wissenschaftler, der in der Münzgasse wohnte. „A kloiner, seelagueter Ma, mit a ma große Schlapphuet ond em lange Kittel“, so beschrieb er ihn, und erinnerte sich, dass man den Professor „wege seim Äußere emol uff dr Alb als Handwerksbursch verhaftet hat“. Das teilte Krauß dem TAGBLATT im Sommer 1950 mit. Dabei war der Geologe und Versteinerungskundler einer der angesehensten Fußgänger, die je über die Alb gestiefelt sind.

Gereimte Gespräche über die Zeitengrenze

„Es ist gewiss, daß mit Quenstedt der richtige Mann für die Jura-Stratigraphie zur richtigen Zeit in das richtige Land kam“, schrieb der Geologe Ernst Lärcher über den Sohn eines Sohns eines sächsischen Polizeibeamten, der in Eisleben aufwuchs, ab 1830 in Berlin studierte, um danach mit Hammer und Ledertasche Deutschland zu durchwandern. Im Herbst 1837 kam er in Tübingen an, wo er zu einer „ganz eigenartigen Persönlichkeit“ heranreifte, „die sich unter den Geologen der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch ihre Selbständigkeit bedeutungsvoll abhob“. Und „trotz der Verschiedenartigkeit seiner Sprache und seines Naturells verstand er es, die Herzen der Schwaben zu gewinnen, so daß sie ihn wie einen der Ihrigen verehrten und betrauerten, als der Tod ihn nach 51-jähriger Lehrthätigkeit entführte“, so Lärcher. „Seines Lebens eigentlichste Arbeit“ galt über Jahrzehnte hinweg den Versteinerungen und der Gliederung der Juraformation, wobei er eine erstaunliche Fülle von Details zu Tage förderte. Im Jahre 1858 erschien im Verlag der Laupp?schen Buchhandlung in Tübingen sein zweibändiges Werk „Der Jura“, bis heute für die Wissenschaftler unentbehrlich.

Zu Quenstedts 150. Geburtstag am 9. Juli 1959 hat ihm der Paläontologe Helmut Hölder gehuldigt, der, in den 30er-Jahren Student, Professor am Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Münster wurde. Mit 94 Jahren lebt der Autor des Buches „Naturgeschichte des Lebens“, einer paläontologischen Spurensuche, heute im Stuttgarter Augustinum. Vor einem halben Jahrhundert hat er ein „Gespräch mit Quenstedt“ geführt, in gereimter Form. Es wurde vorgetragen bei einer Tagung der Gesellschaft für Naturkunde.

„Vor kurzem stand ich auf dem Roßberggipfel; im Regenwind rauschten die Buchenwipfel“, so beginnt der Paarreimer seinen Bericht. Beim Quenstedt-Denkmal an der westlichen Seite des Roßberges, dem Obelisken, der mit der Inschrift „Dem geologischen Erforscher der Alb“ vier Jahre nach dessen Tod errichtet worden ist. „Die Tropfen rannen von Quenstedts Stein und netzten sein bronzenes Lockenhaupt ein. Er schüttelte sich und blickte vergnügt auf das Land, das weit ihm zu Füßen liegt“. Schaut bis auf den Schwarzwald, auf die fruchtbaren Fluren der Muschelkalkgäue, aufs dunkelgrüne Band der bewaldeten Berge im Keuperland. Dann „kornreiche Liasflächen, von der Steinlach durchfurcht und den Nebenbächen, an deren Ufern er aufwärts schreitend, ihr Murmeln mit seinem Hämmern begleitend, einst so manches seltene Fossil gefischt, das ihm das Liasmeer aufgetischt“.

Der Blick geht hoch auf die Braunjuraplatte, wo die Steinlach ihre Einsägearbeit vollzog, mit ihren freundlichen Dörfern. Der Lobpreis des Roßberges selbst kommt aus tiefstem Herzen. Sein Stein, lässt Hölder Quenstedt sagen, habe seinen Stand „auf der schönsten und höchsten Stufe im Land“. Hölder lässt Quenstedt die Geschichte seiner Begegnung mit der „alten Stecke“ erzählen, einem alten Weib aus Ohmenhausen, das, am Stock gehend, selbstausgegrabene Fossilien heranschleppte, um ein paar Pfennige dafür zu kassieren. Allerdings mochte die Frau den ergiebigen Fundort unter keinen Umständen preisgeben, um anderen Sammlern keine Hinweise zu geben. Schwor aber Stein und Bein, die seltene Form im Lias aufgefunden zu haben. In seinem „Jura“-Werk hat Quenstedt den Ammoniten beschrieben, mit dieser Angabe.

Bis er ihn dann erstaunt selber entdeckte, doch keineswegs im Lias, sondern im Braunen Jura. Hereingelegt, „an der Nase geführt und dabei war die Sache sogar publiziert!“ Später korrigierte der penible Quenstedt den Fehler, „Furticarinaten, so hieß ich die Form“, er versah sie mit den richtigen Daten. Die humpelnde Alte sei ihm sogar erschienen, als Geist, den es noch im Grabe drückte, den „Lehrer der Schätze des schwäbischen Bodens“, der stets bemüht war, klarzulegen, in welcher Gesteinsschicht eine Form ihr Hauptlager hatte, so hinters Licht geführt zu haben. „Das drückt mich schwer auf mein Leichentuch.“ Doch der gute Quenstedt vergibt ihr, und „die Stecke“ meint zufrieden: „Jetzt han i's draußa ond leg mi wieder na nach Ohmahausa.“ Sie habe, gibt sie entschuldigend an, im „Blättle“ gelesen, er sei eben „net vom Ländle g'wesa“ und gedacht, „der kennt's doch net so g'nau“.

Die Schrecken der Seelilien

Der gütige Quenstedt ruft ihr beim Abgang zu: „Grüß mir den Bauern Hildenbrand, der schläft auch da drunten im Liasland. Er forschte Jahrzehnte mir treulich zur Seite und gab mir oft wandernd sein schwäbisch Geleite.“

Aufschluss über diesen Jakob Hildenbrand, als „Hilfsgeognost“ bei Quenstedt um die württembergische Landesgeologie hochverdient, gibt der Eintrag in einem Paläontologen-Lexikon. 1826 in Dürnau geboren und 1904 in Ohmenhausen gestorben, legte er Karten für Württemberg an und leitete die von Quenstedt ins Leben gerufene Schieferölfabrik bei Reutlingen, wo man Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Liasposidonienschiefer durch Destillation Erdöl zu gewinnen trachtete. Hildenbrand barg auch die im Schieferbruch der Ölhütte gefundene berühmte Platte mit „Schwabens Medusenhaupt“. Die aufgefundenen Seelilien wurden lange vorher so benannt, weil die Versteinerungen für viele Menschen unheimliche Schreckbilder darstellten und mit der Sintflut in Verbindung gebracht wurden.

Tübingen hat einen eigenen Saurier

Hölder macht sich Gedanken, warum es zumeist keine Schwaben gewesen seien, die sich der Erforschung der Saurier widmeten, erinnert an nicht aus dem Ländle stammende Forscher, etwa Karl Hartwig von Zieten, Autor des Buches „Die Versteinerungen Württembergs“, 1830 erschienen. Und sagt, aus Quenstedts Mund, den Schwaben: „Euer Land ist an Schönheit so überreich, deshalb habt ihr so viele andre bei euch.“

Gegenseitiger Austausch ist angesagt, schließlich seien auch die „Ammoniten vom schwäbischen Jurastrande von fernher gekommen, hatten ferne Verwandte“. Und „auch die Saurier lebten in weltweiten Reih'n, höchstens Henodus scheint ein Nur-Schwabe zu sein“. Henodus chelyops, in der Tübinger Paläaontologischen Sammlung zu finden, ist ein Pflasterzahnsaurier, der sich bisher nur bei Tübingen gefunden hat. Deshalb Hölders Plädoyer für „grenzüberbrückende Wissenschaft“, bevor er den Abstieg vom Roßberg beginnt, „daheim aber hab' ich es aufgeschrieben, was mir von der Begegnung geblieben“.

Info

Zum Abschluss der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Friedrich August Quenstedt am Mössinger Quenstedt-Gymnasium gibt es am 12. November um 20 Uhr noch einen Festvortrag: Prof. Frank Westphal aus Tübingen spricht in der Aula der Schule über den „Erforscher der süddeutschen Geologie“.

Das Quenstedt-Denkmal auf dem Roßberg. Bild: Franke

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Erstellt:
31. Oktober 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Oktober 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Oktober 2009, 12:00 Uhr

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