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„Ich mag es zu kämpfen“
Ein Dandy? Vor allem ein guter Schriftsteller: Szczepan Twardoch. Foto: Zuza Krajewska
Literatur

„Ich mag es zu kämpfen“

Szczepan Twardoch ist eine der wichtigsten Stimmen Polens. Mit „Der Boxer“ legt er einen Gangsterroman vor, der es in sich hat – auch politisch.

08.02.2018
  • LENA GRUNDHUBER

Stuttgart. Als „Dandy“ wird er oft beschrieben – in der Lobby des Stuttgarter Maritim Hotels aber trifft man einen freundlichen Menschen von 38 Jahren, der bereitwillig Auskunft gibt. Szczepan Twardoch ist einer der prominentesten Autoren Polens. Einer, der genau deshalb polarisiert, weil er sich keinem politischen Lager zuordnen will: „Ich bin kein Aktivist, ich bin Schriftsteller.“ Und was für einer: Bekannt wurde er mit dem Roman „Morphin“, der in Warschau im Jahr 1939 angesiedelt ist. Derzeit macht er Furore mit „Der Boxer“, einem Gangsterroman, der 1937 in Warschau spielt: Der jüdische Boxer Jakub Shapiro arbeitet für den Unterweltboss Kaplica. Als die polnische Rechte einen Putsch plant, verschärfen sich die Straßenkämpfe und Shapiro ist auf dem Sprung nach Palästina – der polnische Antisemitismus zeigt seine Fratze. Wie politisch das Buch ist, wird just an diesem Dienstag klar. Gerade eskaliert der Streit zwischen Polen und Israel um das neue Holocaust-Gesetz, das Strafen vorsieht, wenn jemand der polnischen Nation (Mit-)Verantwortung für Naziverbrechen zuschreibt oder von „polnischen Konzentrationslagern“ spricht.

Wie beurteilen Sie die Politik der aktuellen polnischen Regierung?

Szczepan Twardoch: Die Außenpolitik der polnischen Regierung ist sehr dumm und verursacht großen Schaden. Auch mit diesem Gesetz, dessen Sinn ich nicht erkennen kann. Dass Lager wie Auschwitz keine „polnischen Lager“ waren, ist jedem klar. Wenn der Begriff verwendet wird, dann in einem geografischen und nicht in einem moralischen Sinn.

Ihr Roman thematisiert den Antisemitismus in Polen. Kann das Gesetz für Sie zum Problem werden?

Nein, das denke ich nicht. In der aktuellen Situation von einer „Diktatur“ in Polen zu sprechen, halte ich ohnehin für verfrüht. Wir haben eine starke mediale Opposition gegen die PiS-Regierung, und es gibt keine klaren Zeichen, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt würde. Allerdings kann ich das leicht sagen, weil ich als Schriftsteller unabhängig arbeite. Als Filmemacher ist das etwas anderes, denn da hängt man in Polen stark von staatlichen Geldern ab, und es ist sicherlich schwieriger geworden, Filme zu drehen, die zum Beispiel kritisch gegen das herrschende historische Narrativ in Polen sind.

Sie haben einmal gesagt, die polnische Geschichte sei eine „Ansammlung von Mythen“. Ist Ihr Roman der Versuch einer „wahren“ Geschichtsschreibung?

Die Deutschen waren gezwungen, sich mit der Wahrheit ihrer Geschichte zu konfrontieren. In Polen hingegen ist man unfähig zu akzeptieren, dass Polen nicht nur Opfer sind. Ich denke, das ist falsch, denn wenn man sich selbst belügt, kann man nicht richtig agieren, man lebt in einer Fantasie. Das ist eines der Themen in meinen Romanen, wenn auch nur eines von vielen. Von meinen Büchern ist „Der Boxer“ dasjenige, das der Popliteratur am nächsten steht. Das war eine bewusste Entscheidung, um über unpopuläre Dinge wie den polnischen Antisemitismus zu schreiben. In dieser Form kann ich das Thema leichter unter die Leute bringen – und das hat funktioniert.

Wieso steckt soviel Gewalt darin?

Das ist mein Stil. Ich interessiere mich für Fleisch, ich möchte die verdrängten Aspekte des Lebens berühren. Wir leben hier seit 70 Jahren in einem Kristallpalast und glauben, dass Gewalt und Kriege uns nichts angehen. Es besteht durchaus die Chance, dass das so weitergeht, und das ist gut so. Aber es ist auch sehr ungewöhnlich, ein ganzes Leben zu leben, ohne Grausamkeit zu erfahren oder auszuüben. Wir sollten uns daran erinnern, dass sich das ändern kann. Das meine ich nicht moralisch, ich denke nicht, dass Literatur einen pädagogischen Zweck hat.

Hat die polnisch-jüdische „Mafia“, die Sie schildern, so existiert?

Die Hauptcharaktere sind fiktional, aber manche basieren auf echten Charakteren, etwa der Boss Kaplica. Allerdings habe ich die Namen und die Zeit geändert. Ende der 1920er gab es in Warschau eine sehr brutale polnisch-jüdische Gang. Der Anführer war Pole, ein früherer sozialistischer Aktivist und Freiheitskämpfer. Er kannte eine Reihe von Leuten in der Regierung, weil er mit ihnen gegen das Zaren-Regime gekämpft hatte. Es gab damals auch Straßenkämpfe zwischen Sozialisten und polnischen Proto-Faschisten, die Beschreibungen im Buch basieren auf zeitgenössischen Berichten in regierungsfreundlichen, jüdischen und antisemitischen Zeitungen. Ich habe lange Zeitungen gelesen, um dem Zeitgeist näherzukommen.

Sie boxen auch selbst?

Als ich mit der Recherche für das Buch anfing, entschied ich, boxen zu lernen. Inzwischen trainiere ich seit drei Jahren, und ich mag es zu kämpfen, denn vor allem kämpft man ja gegen sich selbst, gegen die eigene Angst. Dabei kann mein Kopf Pause machen – das ist billiger als Therapie.

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08.02.2018, 06:00 Uhr
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