Jazz

„Ich konnte mich fallen lassen“

Pianist Michael Wollny hat mit „Mondenkind“ sein erstes Solo-Album veröffentlicht. Die Aufnahmen in Berlin waren für ihn inspirierend – aber wegen des Lockdowns eine eigenartige Erfahrung.

28.09.2020

Von UDO EBERL

Der 42-jährige Jazzmusiker Michael Wollny steht für das Unerwartete auch auf seinem Soloalbum „Mondenkind“ Foto: Jörg Steinmetz

Ulm. Michael Wollny zählt seit Jahren zu den großen europäischen Jazzpianisten und hat sich nun an sein erstes Pianosolo-Album gewagt. Beim Interview zu „Mondenkind“ kehrt der Virtuose emotional in seinen Zustand des persönlichen Lockdowns zurück, sucht nach den passenden Worten, hinterfragt, dreht und wendet seine Sätze.

Warum ist „Mondenkind“ für Sie Ihr erstes Solopiano-Album?

Michael Wollny: Mein Album „Hexentanz“ war eine Zusammenstellung von Stücken verschiedener Sessions und bekam eine spezielle Note durch elektronische Verfremdungen. Bei „Mondenkind“ ging es allein um das Spiel mit dem Flügel in einem Studioraum, der meist für Aufnahmen mit Orchestern genutzt wird. Der Raum im Teldex Studio Berlin entspricht eher einem Konzertsaal. Es steht dort auch ein farbenreicher Steinway-Flügel, der genau das war, was ich suchte.

Aus welchem Grund war Ihnen der Raum als Klangkörper so wichtig?

Ich konnte mich fallen lassen, mit dem gewaltigen Raumklang spielen, auf ihn reagieren. Das war sehr inspirierend, ich musste aber die richtige Balance zwischen mir und dem Raum finden, um eine andere Durchlässigkeit im Klang zu erreichen. Wir nahmen den Flügel mit Mikrofonen auf, die zwei Meter vom Instrument entfernt platziert waren. So wurde der Studiosaal auch Teil des dynamischen Ganzen, das auf dem Album zu hören ist.

War die Zeit im Studio ein improvisierter Freiflug oder gab es auch vorbereitete Stücke?

Es gibt diese klassischen Jazzstücke, aber auch einige freie Improvisationen. Ich habe mich im Vorfeld der Aufnahmen aber tatsächlich mehr in die Detailarbeit vertieft, mich mit möglichen Tonarten und Leitmotiven für einzelne Stücke beschäftigt. Es gab auch etliche Sequenzen von ein oder zwei Takten, die ich in Improvisationen jederzeit abrufen konnte. Zu Beginn des Jahres habe ich mich nur noch mit der Musik und einer möglichen Gesamtdramaturgie des Albums beschäftigt, um bei den Aufnahmen selbst völlig frei zu sein und mich intensiv mit den Farben der Töne beschäftigen zu können.

Wie erdrückend war die Stimmung an den Aufnahmetagen im pandemischen April mit dem Konzept im Studiogepäck, unterschiedliche Grautöne der Einsamkeit fassen zu wollen?

Der Plan war ja sicher nicht, eine Corona-Platte oder ein Mond-Album aufzunehmen, sondern eines für Piano solo. Aber diese spezifische Erfahrung in diesem riesigen Studioraum ganz allein, aber auch die große leere Stadt und ein menschenleeres Hotel ohne Personal ließen sich nicht einfach ausblenden. Da waren nur ich, die Musik, die in mir nachklang, und immer mehr Gedanken, die sich mit dem Alleinsein beschäftigten.

Am Ende auf einer Gesamtlänge von genau 46:38 Minuten.

Irgendwann musste ich während dieser Tage an den Astronauten Michael Collins denken, der 1969 an Bord der Columbia den Mond umkreiste, während Neil Armstrong und Edwin Aldrin als erste Menschen den Mond betraten. Um die 45 Minuten hatte er bei jeder Umrundung keinerlei Blickkontakt zur Erde, und es herrschte absolute Funkstille mit Houston. Wir haben beim Heidelberger Institut für Astronomie nachgehakt, und das fand für uns heraus, dass die maximale Länge dieses Blackouts bei der 13. Umrundung 46:38 Minuten betrug. So lange ist jetzt auch die Spieldauer von „Mondenkind“.

Welche Songs und Werke wollten Sie auf diesem Album unbedingt interpretieren?

Da ist ein Stück von Timber Timbre, einer meiner Lieblingsbands, aber auch „Father Lucifer“ von Tori Amos, die für mich am Klavier sehr prägend war. Alban Bergs „Schliesse mir die Augen beide“ ist mir ein sehr wichtiges und vor allem tröstliches Stück. Und die „Sonatine Nr. 7 / 2. Satz“ von Rudolf Hindemith, dem ewigen kleinen Bruder des großen Paul, der deshalb unter dem Pseudonym Hans Lofer komponierte, hatte ich am längsten in meiner Schublade. Meine Klavierlehrerin in Schweinfurt war Schülerin seiner Ehefrau. Deshalb durfte ich als Kind seine Stücke üben. Diese Sonate eines skurrilen Einzelgängers zu spielen, lag mir am Herzen. Die finale Klammer des Albums mit „Mercury“ von Sufjan Stevens und Bryce Dessner stand von Beginn an fest.

Keine Mondplatte, aber doch ein „Mondenkind“ als Titel. Was war der Impuls dahinter?

Das Wort stammt ursprünglich aus dem Buch „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Bastian Balthasar Bux, der Held der Geschichte, kann seine Fantasien bereisen, nachdem er seiner Welt einen neuen Namen gegeben hat: Mondenkind. Eine Herausforderung, die sich einem Musiker, der neue Horizonte sucht, mit jedem neuen Album stellt, ganz besonders bei einem Solo-Album im Alleinflug.

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Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. September 2020, 06:00 Uhr

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