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"Ich hoffe, dass es sich totläuft"
Christiane Filius-Jehne: "Es gab hier etwas Enggeistiges." Foto: Arne Sonnenburg
Dresdner Kommunalpolitikerin Filius-Jehne über Pegida, Nazis und den Mythos "Opferstadt"

"Ich hoffe, dass es sich totläuft"

Christiane Filius-Jehne stammt aus Ulm und ist Grünen-Fraktionschefin im Dresdner Stadtrat. Die Pegida-Gegnerin sagt: Diese Demonstrationen wurzeln in den zwei deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

05.12.2015
  • AXEL HABERMEHL

Frau Filius-Jehne, ernten Sie schon Mitleid, wenn Sie irgendwo erzählen, dass Sie in Dresden leben?

CHRISTIANE FILIUS-JEHNE: Völlig egal, wo ich hinkomme, ob im In- oder Ausland, immer werde ich als erstes gefragt: Was ist da los? Hältst du es da überhaupt noch aus? Ich sage dann immer: In Dresden ist es wunderbar, bis auf Montag abends, weil da Pegida demonstriert.

Wie nehmen Sie das wahr?

FILIUS-JEHNE: Montags legt sich eine Art Mehltau auf die Stadt. Die Händler und Gastwirte rund um das Pegida-Geschehen haben Umsatzeinbrüche. Und dann laufen da Kleinbürger neben Hooligans und Hardcore-Nazis und brüllen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser Demonstrationen?

FILIUS-JEHNE: Einerseits durch diese wunderschöne Kulisse, vor der sie sich gut inszenieren können. Dann durch Herrn Bachmann, der ein Talent zur Volksverführung hat. Aber natürlich gibt es tiefere Ursachen. Wir hatten ja viele Jahre das Problem des 13. Februar. . .

. . .mit großen Nazi-Aufmärschen anlässlich der Jahrestage der Bombardierung Dresdens 1945. . .

FILIUS-JEHNE: . . . mit über 10 000 Nazis in den Hochzeiten. Man darf auch nicht vergessen, dass Dresden eine sehr braune Vergangenheit hat, die oft unter den Tisch gekehrt wird. Dresden hatte die erste Bücherverbrennung, die erste Ausstellung "Entartete Kunst", es gab viel Rüstungsindustrie und es war die Stadt mit der höchsten Dichte an NSDAP-Mitgliedern. Soviel zur "unschuldigen Kulturstadt".

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die DDR-Vergangenheit?

FILIUS-JEHNE: Der 13. Februar wurde schon zu DDR-Zeiten überhöht. Dieser Mythos der "Opferstadt" wurde in Dresden exzessiv kultiviert. Und es gab etwas Enggeistiges, alles Fremde und Ungewöhnliche Ablehnendes. Das war ein zentraler Punkt der DDR-Gesellschaft.

Sie sind 1993 nach Dresden gezogen. Wie haben Sie die Stadt erlebt?

FILIUS-JEHNE: Wir wurden sehr freundlich aufgenommen. Erst kürzlich habe ich im Zusammenhang mit einem neuen Flüchtlingsheim gehört, dass viele heute sagen: Jetzt haben wir die erste Überfremdungswelle gerade geschafft, schon kommt die zweite. Die erste, das waren die Wessis, also wir. Offenbar haben viele Dresdner den Eindruck, ihnen sei nach der Wende eine andere Kultur übergestülpt worden.

War das nicht auch so?

FILIUS-JEHNE: Natürlich gab es Wessis, die wie Goldgräber oder Kriegsgewinnler aufgetreten sind. Aber es gab auch viele, die sich mit großem Elan auf diese neue Welt eingelassen und sich engagiert haben. Jetzt erlebe ich erstmals, dass Leute sagen: Wenn das gar nicht geschätzt wird, wofür wir stehen, muss ich hier auch nicht bleiben.

Warum engagiert sich die liberale Stadtgesellschaft nicht stärker gegen Pegida?

FILIUS-JEHNE: Auch beim 13. Februar hat es Jahre gedauert, bis klar war: Die Stadt macht das nicht mit. Zu den ersten Gegendemos reiste der Oberbürgermeister aus Jena an, aber die Amtierenden aus Dresden haben sich nicht an die Spitze gestellt. Erst als es die von der damaligen Oberbürgermeisterin initiierte Menschenkette gab, angemeldet vom Uni-Rektor, gab es einen Schulterschluss. Und man kann über Blockaden streiten - aber sie funktionieren. Den Nazis hat es dann keinen Spaß mehr gemacht.

Glauben Sie, auch Pegida verliert irgendwann den Spaß?

FILIUS-JEHNE: Im Moment fehlt mir, trotz der klaren Haltung des Oberbürgermeisters, der gesellschaftliche Schulterschluss. Ich finde es zwar normal, dass nicht jeden Montag tausende Gegendemonstranten auf die Straße gehen, die Leute haben ja anderes zu tun. Wir lassen uns auch nicht jeden Montag fremdbestimmen. Ich hoffe, dass Pegida sich totläuft. Die haben ja keine Vorschläge, spielen nur mit Ängsten. Würde daraus eine Partei, müssten sie die Mühen der Demokratie auf sich nehmen, das wollen sie nicht. Ansonsten müssen wir es machen wie beim 13. Februar: jahrelange Arbeit, um so große Gegenkraft aufzubieten, dass es denen am Ende nichts mehr bringt.

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05.12.2015, 08:30 Uhr
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