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Design

„Ich habe in keine Zeit gepasst“

Er wurde geschmäht und gehasst, verehrt und geliebt. Der Visionär Luigi Colani war seiner Zeit meist voraus. Jetzt ist der Meister der runden Form mit 91 Jahren gestorben.

17.09.2019

Von BB

Luigi Colani steht mit einem von ihm entwickelten Stadtauto (r), einem Ferrari Testarossa (M), mit dem er einen Weltrekord von 387 km/h gefahren hat, und einem Speedster auf Basis eines VW-Käfers (l) in einem Autohaus. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Karlsruhe. Er stürmte voran, er wollte immer mehr als das momentan Mögliche, er grollte, wenn andere nicht mitkamen oder, schlimmer noch, ihn gar nicht erst verstanden. Luigi Colani, der so berühmte wie zeitweise auch geschmähte Stardesigner war ziemlich genial und seiner Zeit oft weit voraus. Er erdachte spektakuläre und futuristische Autos, Rennwagen oder Flugzeuge. Er ließ Lastwagen mit raumschiffähnlichem Führerhaus bauen. Er entwarf wie ein Berserker und er überwarf sich zeit seines Lebens nebenbei mit so ziemlich allen Designkollegen. Jetzt ist der so dickköpfige wie egozentrische Meister der runden Form im Alter von 91 Jahren in Karlsruhe gestorben.

Seine Welt sei rund, betonte er immer wieder. Er hasste eckige Formen, rechte Winkel und harte Gradlinigkeit. Stattdessen gestaltete er neben seinen vielen aerodynamischen Fahrzeug-Prototypen rundleibige Fernseher, dickbäuchige Kugelschreiber, geschwungene Stühle, sanftförmige Brillen oder ovalschwebende Klos – kein Gebrauchsgegenstand war ihm zu banal. Eine von ihm entworfene Kugelküche sah aus, wie direkt aus Raumschiff Enterprise entsprungen.

Im Laufe seines Lebens arbeitete er außer in Deutschland, Italien, Mexiko, den USA oder Russland auch in Japan oder China. Er feierte riesige Erfolge etwa mit der legendären Canon T90, die das Design der Marke entscheidend prägte. Er verdiente in den 70er und 80er Jahren viel Geld und war einer der ersten Designer, der seine Produkte unter seinem Namen vermarktete mit dem unverwechselbar geschwungenen Schriftzug „Colani“.

In Berlin geboren, bastelte er sich schon als kleines Kind Autos oder Schiffe zusammen. Nach der Schule studierte er an der Berliner Kunstakademie. Später in Paris beschäftigte er sich an der Universität Sorbonne mit Aerodynamik. Er heiratete, bekam zwei Söhne, trennte sich. Der Kontakt zu seinen Söhnen war nach seinen eigenen Worten spärlich. Sein Denken, so sagte er, sei stets auf das Morgen zugegangen. Ablehnung, wie sie ihm nicht zuletzt wegen seiner hochfahrenden und überheblichen Art entgegenschlug, kränkte ihn, auch wenn er das nicht gerne zugeben mochte. „Das Scheitern liegt auf der anderen Seite“, sagte er bockig. Colani fühlte sich verkannt.

Zuletzt war er leiser geworden. Mit deftigen Worten zog er bis dahin über die in seinen Augen ewiggestrige Designzunft her, beschimpfte die Industrie als ultrakonservativ, verließ sogar Deutschland empört in Richtung China. Zu seinem 90. Geburtstag schließlich wirkte er still und zerbrechlich. Er nahm sich zurück, paffte an seiner Zigarre und lachte ein wenig heiser. Seine Wohnung in Karlsruhe behielt er. Deutschland war für ihn „Heimat“. Trotz allem.

Leiser zu sein, hieß dabei aber nicht weniger stur oder weniger stolz. Im Gegenteil. „Ich wurde kopiert, kopiert, kopiert“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur bei einem Treffen im Juli 2018. Und: „Sie können zurückgehen auf das, was ich vor 20, 25 Jahren gesagt habe – das ist heute neu, neu, neu!“

Der Universaldesigner verachtete die Zweifler, er liebte das Risiko. „Ich könnte dieser Welt auf die Sprünge helfen! Aber ich will es nicht mehr.“ Ein wenig traurig war er dann auch, aber nur kurz. „Ich habe in keine Zeit gepasst“, sagte er.

Viele seiner extravaganten, avantgardistischen Entwürfe blieben in der Schublade. Zahlreiche seiner Monsterprojekte wurden nie umgesetzt. Und ein Colani-Museum, das er dann doch so gerne gehabt hätte, wurde nie gebaut. Er, das Vorbild für viele Generationen von Designstudenten, hatte nach eigenem Bekunden keine Vorbilder. „Ich bewundere niemanden.“

Was ihm vielleicht Genugtuung sein mag: Am Ende seines Lebens würdigte man ihn zunehmend wieder als den, der er schon immer war – ein Visionär.

Anika von Greve-Dierfeld

1973 präsentiert Colani ein von ihm gestaltetes Weinglas, das statt Stiel eine Vertiefung im Boden hat. Foto: Horst Ossinger/dpa

Das Sitzmöbel, das Colani 1995 vorstellt, gehört zum „Habitaner“, einem Wohnmodul für Einzelpersonen. Foto: Roland Scheidemann/dpa

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Erstellt:
17. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 06:00 Uhr

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