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„Ich habe die ganze Zeit gehupt“
Der Angeklagte Jan G. wird in Handschellen in den Verhandlungssaal des Landgerichtes in Frankfurt (Oder) geführt. Foto: dpa
Prozess um Dreifachmord

„Ich habe die ganze Zeit gehupt“

Der Angeklagte Jan G. rechtfertigt sich zum Prozessauftakt um den Dreifachmord von Müllrose. Er hatte zwei Polizisten totgefahren, die ihn aufhalten wollten, nachdem er seine Oma erstochen hatte.

18.10.2017
  • MATHIAS HAUSDING

Frankfurt (Oder). Seine Polizeiakte weist 61 Einträge auf, darunter viele schwere Verbrechen. Trotzdem bleibt Jan G. auf freiem Fuß. Bis er drei Menschen tötet. Gestern hat vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) der Prozess gegen den Mann begonnen, der im Februar in Brandenburg erst seine Oma erstochen und dann zwei Polizisten überfahren hat.

Hoch konzentriert, die Hände wie zum Gebet gefaltet, verfolgt der 25-Jährige die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Kiefer mahlen unentwegt, er zwinkert, beißt sich auf die Lippen, atmet schwer.

Was der Ankläger Jörg Tegge da an grauenhaften Fakten aufzählt, scheint so gar nicht zu jenem modisch frisierten, schlanken Mann in Hemd und Krawatte zu passen. Aber der Angeklagte Jan G. hat es in der Vergangenheit oft genug geschafft, Menschen zu täuschen. „Erschreckend, wie lieb ich sein kann, wenn ich etwas will!“ So verhöhnte der psychisch labile Mann einst seine verzweifelte Mutter.

Nach Verlesung der Anklageschrift setzt G. zu einer kurzen Rede an. Offenbar haben die schrecklichen Details jener drei Morde von Müllrose und Oegeln auch ihn sehr aufgewühlt. Die Anwesenheit der Witwe eines der überfahrenen Polizisten setzt ihm womöglich ebenfalls zu.

„Ich kann die Taten nicht entschuldigen, aber ich möchte sagen, dass es mir sehr leid tut“, beginnt Jan G. also. „Ich habe die beiden Polizisten nicht gekannt, ich kann nichts über sie sagen. Aber es tut mir leid, dass sie nicht mehr nach Hause gekommen sind, nicht mehr zum Dienst gehen können.“ Direkt an eine im Prozess als Nebenklägerin auftretende Witwe gerichtet sagt er: „Ich hoffe, dass es nicht zu schwierig wird für Sie.“

Mit Empörung quittiert das Publikum im Saal, dass Jan G. die Art und Weise seiner Flucht vor der Polizei in gewisser Weise rechtfertigt. Er war mit bis zu Tempo 160 durch Ortschaften gefahren, nur durch glückliche Zufälle kamen dabei nicht noch viel mehr Unbeteiligte zu Schaden. „Ich habe die ganze Zeit gehupt“, sagt der Angeklagte. „Ich wollte nicht, dass jemand verletzt wird.“

Kein Wort verliert Jan G. über die grausame Tötung seiner Oma, mit der das Drama am 28. Februar dieses Jahres begonnen hatte. Staatsanwalt Jörg Tegge führt aus, wie der 25-Jährige die Frau zunächst nach einem Streit um eine Nichtigkeit mit den Fäusten ins Gesicht schlug, danach mit den Füßen trat und sie schließlich mit ihrem Lieblingsmesser erstach. Auf der anschließenden Flucht im Auto der Oma überfuhr er zwei Polizisten, sie erlegen ihren Verletzungen.

Peter Michael Diestel, der Anwalt der ebenfalls als Nebenklägerin auftretenden Tochter der Getöteten und Mutter von Jan G., geht am Rande der Verhandlung hart mit jenen ins Gericht, die eine Einweisung des Angeklagten in eine geschlossene Einrichtung vor den Taten abgelehnt hatten. „Ich hoffe, dass jene, die sich hier geirrt haben, für lange Zeit nicht schlafen können“, sagt er. „Die Taten haben sich angekündigt.“

Der Angeklagte sei in seinen Augen „eine tragische Figur, ein gebrochener Mensch“, sagt Diestel. Es sei die große Frage, ob man es hier mit Morden im Sinne des Strafgesetzbuchs oder mit Taten eines Kranken zu tun habe.

Über seine Mandantin Leila G. sagt Diestel, dass sie nicht in der Lage sei, den Prozess im Gerichtssaal zu verfolgen. „Es ist für sie eine furchtbare Situation, sie kommt überhaupt nicht damit klar, ihre Mutter verloren zu haben und den Sohn dafür auf der Anklagebank zu sehen.“

Nach knapp einer Stunde ist der erste Verhandlungstag beendet. Heute geht es mit der Vernehmung von Zeugen weiter.

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18.10.2017, 06:00 Uhr
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