Fotografie

Ich, ein Kontinent

Seit mehr als 40 Jahren erkundet Samuel Fosso spielerisch afrikanische Identitäten – immer mit sich selbst als Protagonist.

19.04.2021

Von MARCUS GOLLING

In den 70er Jahren, noch als Teenager, knipste sich Samuel Fosso nach Feierabend selbst in seinem Fotostudio in Bangui. Foto: © the artist. Courtesy the artist and JM Patras, Paris.

Neu-Ulm. Mitten in den 1970ern, mitten in Afrika, ist ein Teenager auf der Suche nach sich selbst – und weil er von Beruf Fotograf ist, nutzt er dafür sein Fotostudio: Lässig posiert der junge Samuel Fosso mit nacktem Oberkörper, tanzt nur mit Unterhose und weißen Handschuhen bekleidet auf dem Fliesenboden oder gibt mit aufgeknüpftem Hemd und Herzchen-Sonnenbrille den Disco-Helden. Die Schwarzweiß-Aufnahmen, die in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui entstanden, sind privat, Fosso hält seine Outfits und Tanzmoves für sich selbst fest. Cooler Aufreißer, aber auch feminines Bürschchen, der gebürtige Kameruner kann alles sein, wenn niemand zusieht. Außer der Kamera.

Heute gehören diese Aufnahmen zu den bekanntesten Arbeiten der afrikanischen Fotografie – und ihr inzwischen 58-Jähriger Urheber einer ihrer wichtigsten Protagonisten der Gegenwart. Seine Werke sind in bedeutenden Museen wie dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) vertreten, aber auch in wichtigen Privatsammlungen wie der Walther Collection aus Neu-Ulm. Zusammen mit dem Steidl-Verlag hat Letztere in den vergangenen Monaten gleich zwei Fosso-Bände veröffentlicht: die Werkübersicht „Autoportrait“ und „Sixsixsix“. Sie sind wichtige Beiträge in einer Zeit, in der postkoloniale Identitätsdebatten auch die Kunstwelt umkrempeln: weil sie zeigen, dass große Kunst über kleinteilige Diskurse hinausweist.

Der Weg Fossos in die internationale Kunstsphäre war alles andere als vorgezeichnet. Er wurde in Kamerun geboren, wuchs aber in der nigerianischen Region Ebonyi auf, bis seine Familie im Biafra-Krieg fliehen musste. Fosso kam zu seinem Onkel nach Bangui, wo er zunächst bei einem Fotografen lernte und schließlich 1975, mit gerade einmal 13 Jahren, sein eigenes Studio eröffnete. Dort machte er tagsüber Porträts – und knipste abends die Filme mit seinen Körper-Performances voll. „Ich wusste nicht, dass ich Kunstfotografie machte“, sagt Fosso in einem Interview mit dem 2019 verstorbenen Kurator Okwui Enwezor, das im Band „Autoportrait“ abgedruckt ist. „Was ich aber wusste: Ich verwandelte in das, was ich werden wollte.“

Mittels seiner Fotostudio-Performances, so erklärt der Künstler, habe er sich mit seiner eigenen Biografie beschäftigt, sich aber auch mit den politischen Vorgängen der Zeit verbunden. Unübersehbar eine Rolle spielt zudem die Lust am Überschreiten von Grenzen, auch Geschlechtergrenzen. All diese Elemente kennzeichnen auch die Arbeit Fossos nach 1994, als er bei der ersten Ausgabe der Fotografie-Biennale im malischen Bamako entdeckt wurde.

Seit damals schuf er eine ganze Reihe bemerkenswerter Serien – immer mit sich selbst als Protagonist. Kreischend bunt sind die Motive von „Tati“ (1997), entstanden für das gleichnamige französische Kaufhaus. Fosso griff dort tief in die Kleiderkiste und verkörperte im Billigfummel afrikanische Typen wie den „Häuptling, der Afrika an die Kolonialisten verkaufte“: ein Wieder-Erinnern einer von Gewalt und Ausbeutung geprägten Geschichte, aber auch ein spielerisches Sich-daraus-Erheben. Postkoloniale Kunst im allerbesten Sinne, von einem selbstbewussten Afrikaner.

Verblüffend perfekt

Ästhetisch völlig anders präsentiert sich „African Spirits“ (2008), seine mittlerweile wohl bekannteste Arbeit. Fossos stellt in den Schwarzweiß-Aufnahmen prominente afrikanische und afroamerikanischen Gestalten nach, wobei er oft ikonische Pressebilder als Vorlagen verwendet. Ob Martin Luther King, Patrice Lumumba oder Angela Davis: Die Metamorphose ist so verblüffend, dass man tatsächlich nicht den Künstler, sondern diese historischen Gestalten eines globalen Afrikanismus zu erblicken glaubt.

Seine Arbeit sei immer performativ, sagt Fosso, er verbinde sich auf diese Weise mit einem anderen Menschen, wolle ihn mit seinem Körper reproduzieren. Das Ich ist das Medium, nicht die Botschaft. Dieser Prozess funktioniert rückwärts in der Geschichte, aber auch vorwärts, so wie in „Black Pope“ (2017), Fossos Vision eines schwarzen Papstes, der sämtliche durch die weißen Vorgänger etablierten Gesten beherrscht.

Viel hat sich der Künstler in den vergangenen Jahrzehnten an Geschichte und Zukunft abgearbeitet, ist hinter den Figuren fast verschwunden. In der Serie „Sixsixsix“ (2015/16), die als eigenes Buch erschienen ist, ist er nun in 666 Polaroid-Selbstporträts plötzlich wieder persönlich zu sehen, keine Kostüme, keine Perücken, keine großen Posen, nur feine Mimik. Fosso lässt das Theatrale zurück und ist ganz bei sich. Doch in seinem Gesicht spiegelt sich der ganze Ballast der Identität. Und der Spaß am Spiel mit ihr.

Ein afrikanischer Papst: Diese Utopie behandelt Samuel Fosso in seiner Serie „Black Pope“ von 2017. Foto: Fotos: © the artist. Courtesy the artist and JM Patras, Paris.

… und als Martin Luther King für diese wichtige Serie. Foto: © the artist. Courtesy the artist and JM Patras, Paris.

„African Spirits“: Fosso posiert als Angela Davis… Foto: © the artist. Courtesy the artist and JM Patras, Paris.

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Erstellt:
19. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. April 2021, 06:00 Uhr

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