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„Ich bin wie auf Erbsen gelaufen“
Einen Roman zu schreiben sei wie der Bau einer Kathedrale, sagt Uwe Timm. Die Konstruktion will genau überlegt sein. Foto: Gunter Glücklich
Literatur · Uwe Timm

„Ich bin wie auf Erbsen gelaufen“

Vierzig Jahre hat es gedauert, bis Uwe Timm sein Buch „Ikarien“ über den Eugeniker Alfred Ploetz vollendete. Ein Gespräch über das Scheitern von Utopien und die Ehrfurcht vor dem Leben.

09.09.2017
  • LENA GRUNDHUBER

München. Noch im Hinausgehen aus dem Arbeitszimmer hat Uwe Timm eine Geschichte zu erzählen. Diesen antiken Götterkopf dort, den habe er in Rom erworben. Kein richtender Zeus, ein Dionysos – der Gott der Lebensfreude passt auch besser zu dem 77-Jährigen, der sein Gegenüber so neugierig ausfragt, als sei er selbst der Journalist. Timm hat über die Studentenbewegung geschrieben und über die Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie, er hat Kinderbücher verfasst und zuletzt einen Roman über die Liebe. In „Ikarien“ spürt er dem Eugeniker und „Rassenhygieniker“ Alfred Ploetz (1860-1940) nach, dessen Theorie grundlegend für die NS-Ideologie wurde. Wir folgen seinen Spuren aus der Perspektive des US-Offiziers Michael Hansen, der in Hamburg aufgewachsen, 1945 als „Besatzer“ zurückkommt. Er recherchiert, wie sich der Kommunist zum Rassisten wandelte, wie der Traum von einer Gemeinschaft der Gleichen zum Züchtungswahn wurde.

Auf den ersten Seiten des Romans spricht ein Kind. Es erzählt von dem behinderten Karlchen, der im „Dritten Reich“ versteckt wurde. Ist das Ihre biografische Erinnerung?

Uwe Timm: Ja, Karlchen war von seiner Familie versteckt worden, weil er das Down-Syndrom hatte. Ein unendlich friedlicher, freundlicher Mensch. Ich fand ihn faszinierend, weil er so merkwürdige Dinge sagte, zum Beispiel wollte er die Wolken mit dem Besen wegschieben. Trotzdem fing ich an, ihn wie die anderen Kinder zu hänseln, bis meine Mutter mir den Kopf zurechtrückte. Das ist mir nachgegangen, dieser Verrat, um anderen zu gefallen. Früher gab es ja recht viele Menschen mit Down-Syndrom, heute sieht man sie kaum noch. Ich will nicht den Stab brechen, aber wenn Sie so wollen, findet da eine vorgezogene Selektion statt.

Wir sehen Nachkriegsdeutschland mit den Augen des GI Michael Hansen. Sie selbst waren 1945 fünf. Wie erinnern Sie die „Stunde Null“?

Als Kind verstand ich nicht, was da genau passierte, aber ich nahm wahr, dass sich die Erwachsenen von heute auf morgen veränderten. Mich hielt man an, nicht mehr „Heil Hitler“ zu schreien und die Hacken zusammenzuschlagen. Und dann waren da diese amerikanischen Soldaten, die nicht nach Kommiss und Leder rochen, sondern einen ganz anderen Geruch mitbrachten.

Wie war das Aufwachsen damals?

Das ganze Lebensgefühl änderte sich. Man merkte das an vielen Details, etwa am Zigarettenrauchen. Vorher versteckten die Männer die Zigaretten in der Hand, eine Angewohnheit aus den Schützengräben, damit man die Glut nicht sah. Die amerikanischen Soldaten rauchten offen und lässig. Nachträglich war es für mich eine Befreiung, dass die militärische Erziehung in Frage gestellt wurde. Die Generation der 68er war ja nicht zufällig die Generation, die erlebte, dass die Tätergeneration ihrer Autorität verlustig ging. Entweder die Väter waren nicht da oder sie kamen als gebrochene Männer zurück.

Sie haben 40 Jahre gebraucht, um diesen Roman zu schreiben. Das Interesse an dem Rassentheoretiker Ploetz begann mit ihrem Buch „Morenga“ 1978, in dem Sie den Völkermord an den Hereros aufarbeiten.

Bei der Recherche über Namibia bin ich darauf gestoßen, wie tief der Rassismus in der deutschen Geschichte eingelagert ist. Wobei Rassismus und Eugenik keine spezifisch deutschen Phänomene sind. Die ersten behinderten Menschen wurden 1907 in Amerika sterilisiert, in Dänemark wurde das in den 20er Jahren unter einer sozialdemokratischen Regierung betrieben, in Schweden bis in die 50er hinein. Die Angst, die Gesellschaft könne degenerieren, zieht sich vom Ende des 19. bis ins 20. Jahrhundert. Heute haben Sie Ähnliches mit dem Transhumanismus, an dem die Leute in Silicon Valley arbeiten.

Im Roman geht es um Alfred Ploetz, Begründer der Eugenik in Deutschland. Wie kamen Sie auf ihn?

Er ist der Großvater meiner Frau. Ursprünglich war er Kommunist, und das hat mich fasziniert: Wie kann es sein, dass so jemand eine Theorie entwickelt, die im Nationalsozialismus die Grundlage für die Euthanasie bildet? Der Versuch, Gesellschaft gerechter und gleicher zu gestalten, führt Ploetz zu einer Eugenik, die die Menschen ebenfalls gleicher machen soll – aber durch Züchtung.

Sie erzählen nicht direkt von ihm. GI Hansen befragt im Auftrag des Nachrichtendienstes Ploetz' einstigen Freund, den KZ-Überlebenden Wagner. Wieso soviel Distanz?

Ich bin jahrelang wie auf Erbsen rumgelaufen und habe über die Konstruktion nachgedacht. So eine Erzählung ist wie eine Kathedrale: Wenn etwas nicht stimmt, riskieren Sie Gewölbebrüche. Schließlich kam ich darauf, dass man das nur aus einem Widerpart erzählen kann, diesem Jugendfreund, der sich ganz anders entwickelt. Wagner geht mit Ploetz nach Amerika, um das utopische Gemeinschaftsprojekt der Ikarier zu besuchen. Später wird er einer dieser freundlichen Anarchisten, die früh aus dem linken Diskurs verdrängt wurden, weil sie Fragen stellten, die man sonderbar fand: Wie geht man mit der Technik um, überlässt man das dem Kapitalismus? Als Figur ist Wagner übrigens genauso erfunden wie Hansen, der theoretisch mein Bruder sein könnte.

Ihr echter großer Bruder war bei der SS und fiel im Krieg.

Ja. Wenn mein Vater ausgewandert wäre wie Michaels Vater – er hatte ein konkretes Angebot –, dann wäre mein Bruder nicht bei der SS gewesen, sondern vielleicht auch als amerikanischer Offizier zurückgekommen. Aber es war nicht so.

Wagner und Ploetz erleben, wie die Ikarier mit ihrer Kommune scheitern. Sie dürften solche Enttäuschungen aus Ihrer 68er-Zeit kennen.

Natürlich, wir haben im Sozialistischen Deutschen Studentenbund ja auch an eine Räterepublik geglaubt und festgestellt, dass die Arbeiter gar nicht mitmachen wollten. Zu dritt standen wir vor einer Elektronikfirma – ein Doktor der Archäologie, ein Doktor der Byzantinistik und ein Doktor der Philosophie – und verteilten Flugblätter, die die Arbeiter in die nächste Tonne warfen. Trotzdem war es eine wichtige Erfahrung, die etwas bewirkt hat. Wir haben herausgefunden, dass die Firma Wehrtechnik ins Apartheidsystem nach Südafrika lieferte, das flog dann auf. Das sind kleine Schritte, aber so wird Utopie konkret. Natürlich kann man behaupten, mein Buch „Ikarien“ sei eine Absage an die Utopie, das finde ich aber nicht.

Wie kann es gelingen, dass eine politische Utopie nicht entgrenzt?

Das kann man nur jeweils konkret im Alltag entscheiden. Eine Utopie heute wäre eine Gesellschaft, die nicht hemmungslos auf Profit ausgerichtet ist. Das ist eine gesellschaftliche Frage, an der man arbeiten muss.

Dennoch ist „Ikarien“ ein zweifelndes Buch. Sie lassen die Frage anklingen, ob eine gelingende Utopie nicht religiös fundiert sein muss.

Das ist tatsächlich Bestandteil meiner Überlegungen, dass alle Versuche, die auf Gerechtigkeit und Gleichheit aus sind, nicht nur von abstrakten Vorstellungen getragen sein dürfen. Dazu gehört Empathie. Ich bin nicht religiös, aber etwas davon steckt drin – dass man die Ehrfurcht vor der Einmaligkeit menschlichen Lebens behalten muss. Das Schöne an der Literatur ist ja, dass man kein Statement abgeben muss. Der Text entfaltet nur die Widersprüchlichkeit, er überlässt dem Leser die Auseinandersetzung.

Ihr Roman enthält viele Verweise in die Literatur. Doch auch sie wird hinterfragt: Ein Oberstleutnant etwa berichtet vom Holocaust und unterhält sich seelenruhig über Rilke.

Leider kann man das nicht trennen: Der Einsatzgruppenleiter vom SD, der tausende Menschen erschießen ließ, war hochgebildet. Das will man nicht, jedenfalls ich will es nicht, dass solche Leute Hölderlin oder Rilke lesen. Aber es geht zusammen. Literatur garantiert keinen Schutz vor Unmenschlichkeit.

Sie kann es versuchen. Auch „Ikarien“ hat mit unserer Realität zu tun.

Natürlich, auf dem Markt der Wunschkinder gibt es Vorgaben, die dem nicht unähnlich sind, was Ploetz vorschwebte. Sie könnten heute Kinder mit blauen Augen produzieren, das ist Selektion. Mein Buch spricht das an, wenn auch nicht direkt. Aber ich denke, der Leser wird sich die Frage stellen, wie es weitergeht mit der Entwicklung in der Genetik. Die läuft heute nicht mehr unter dem Aspekt der Gesundheit des Volkes, sondern der des einzelnen. Das ist nachvollziehbar, nur ist die Frage: Wo sind die Grenzen?

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09.09.2017, 06:00 Uhr
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