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Angriff auf das Herz Europas

IS-Terroristen zünden Bomben auf Brüsseler Flughafen und in U-Bahn-Station des EU-Viertels

Chaos und Entsetzen: Kurz nach der Festnahme des Terrorverdächtigen Abdeslam erschüttern schwere Explosionen Brüssel. Eine Bombe verwüstet die Abflughalle des Airports, die andere detoniert in einer U-Bahn.

22.03.2016
  • ANNIKA FISCHER KNUT PRIES

Güldener Sonumut hat Glück gehabt. Der Korrespondent des türkischen Senders ntv holt an diesem Dienstag eine Verwandte vom Flughafen Zaventem ab. Als er kurz nach acht Uhr wieder aus dem Parkhaus heraus Richtung Stadt steuert, kracht es. Zwei heftige Explosionen erschüttern das Hauptgebäude. Sonumut bleibt unversehrt, ein paar Minuten Vorsprung haben ihm das Leben gerettet. Dutzende andere Menschen hat es getroffen, und mit ihnen ganz Belgien. Der Ernstfall ist da. Das kleine Königreich zahlt einen schrecklichen Preis für seine Unfähigkeit, den Terror in seiner Mitte unter Kontrolle zu halten. "Ein schwarzer Tag", sagt Premierminister Charles Michel.

Auf dem Handy eines Passagiers ist festgehalten, wie es in der Abflughalle des Terminal nach den Explosionen aussieht, eine davon ausgelöst durch einen Selbstmord-Attentäter: Leblose, zum Teil zerfetzte Körper auf dem Boden, inmitten herabgestürzter Deckenplatten, eine apathische Mutter mit ihrem Kind im Arm, schreiende Menschen, die in Rauch und dichtem Staub den schnellsten Fluchtweg nach draußen suchen. Die Fassade des Flughafengebäudes ist zerstört. Am Nachmittag wird eine dritte Bombe gefunden und entschärft.

Eine halbe Stunde später schlagen die Attentäter ein zweites Mal zu: Mitten im Europa-Viertel detoniert ein weiterer Sprengsatz. Tatort ist die U-Bahnstation Maelbeek, nur hundert Meter entfernt vom Berlaymont, dem Gebäude, in dem EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und sein Team ihren Arbeitsplatz haben.

Ein Bautrupp hat seinen Container direkt neben dem Metro-Bahnhof. Ein Arbeiter mit Helm und gelber Weste hat die Explosion erlebt: "Es war eine gewaltige Detonation, die Scheiben flogen aus den Türen. Verletzte? "Viele!" Tote? "Mit Sicherheit." Er habe einen Körper gesehen, sagt der Mann, der war in zwei Stücke gerissen. Rauch quillt aus den geborstenen Schwingtüren des Bahnhofs, Menschen fliehen in Panik, einige schleppen Verletzte nach draußen auf den Bürgersteig.

In der Station herrscht um diese Stunde Hochbetrieb, ein Gutteil des EU-Personals steigt auf dem Weg zum Büro in Maelbeek aus. Die Polizei ist in wenigen Minuten da, hat aber große Mühe, im Gewühl aus rennenden Menschen, Autokolonnen, Schaulustigen und den ersten Kamerateams die Übersicht zu behalten. Nur widerwillig macht der Berufsverkehr eine Schneise für die Notarzt-Wagen frei, die sich mit Sirenengeheul den Weg zum Eingang der U-Bahnstation bahnen.

Erst nach einer halben Stunde gelingt es der Polizei, den Tatort abzusperren, der Abtransport der Verletzten kommt in Gang. Mehrere müssen zunächst auf dem Trottoir versorgt werden. Eine verstörte Frau versucht vergeblich, durch die Polizeisperre vorzudringen. "Dahinten liegt meine Freundin! Sie ist verletzt und hat mich über Handy angerufen. Aber ich kann nicht hin, die lassen mich nicht durch!" Ein Polizist versucht, die aufgelöste Frau zu beruhigen: "Die Sanitäter werden sich um Ihre Freundin kümmern."

Ulrike aus Dresden, Angestellte bei der EU-Kommission, ist mit dem Schrecken davongekommen. Sie saß im ersten Wagen, als weiter hinten der Sprengsatz explodierte. "Ich wusste nicht, wie das ist, aber ich wusste sofort: Das ist eine Bombe." Sie sei durch Rauchschwaden über einen Seiteneingang ins Freie gelangt, wo Verletzte auf dem Bürgersteig lagen oder saßen.

Der Metro-Bahnhof liegt auf der unteren Ebene einer Überführung. Oben verläuft die Rue de la Loi, die sechsspurige Hauptachse von Osten in die Stadt. Dort stehen die großen Burgen der EU: Kommission, Ministerrat, das fast fertige Haus des Europäischen Rates, wie die Gipfel-Versammlung der Staats- und Regierungschefs offiziell heißt, daneben das "Lex"-Gebäude der Dolmetscher. Wenn Merkel und Co. tagen, wird die Station Maelbeek geschlossen. Die Attentäter haben das Herz der EU getroffen.

Ein paar hundert Meter weiter Richtung Innenstadt hat Premierminister Charles Michel seinen Amtssitz. Der Nationale Sicherheitsrat tagt, kurz vor zwölf Uhr gibt Michel, begleitet von mehreren Ministern, eine erste Pressekonferenz. "Belgien ist von einem blindwütigen, gewalttätigen und feigen Anschlag getroffen worden", sagt er. Es handle sich um "eine schwere Prüfung" für das Land. Wo man die Täter zu suchen habe, darüber mag der Regierungschef zu diesem Zeitpunkt nicht spekulieren. "Wir sind in einer akuten Notsituation, als erstes müssen wir uns um die Opfer kümmern." Die vorläufige Bilanz am Nachmittag ist entsetzlich: 14 Tote und mehr als 90 Verletzte am Flughafen, 15 Tote und 55 Verletzte (10 davon schwer) in Maelbeek.

Seit die Spur der Pariser Attentäter im November ins nördliche Nachbarland führte, hat sich Belgien gegen das Risiko gewappnet, nächstes Ziel islamistischer Bombenleger zu werden. Brüssel, die Hauptstadt, verordnete sich damals für mehrere Tage die höchste Alarmstufe vier, das öffentliche Leben kam weitgehend zum Stillstand. Bis heute sind Polizei und Militär allgegenwärtig. Doppelposten mit Schnellfeuergewehren vor Behörden, EU-Gebäuden und Versammlungsorten gehören seither zum Stadtbild. Ungemütlich, aber wirksam, so schien es.

Dennoch dauerte es ein Vierteljahr, bis Salah Abdeslam, der flüchtige Hauptverdächtige der Pariser Attentate, in seinem Heimatviertel Molenbeek gefasst werden konnte. Zaventem, hieß es, sei vermutlich zurzeit der sicherste Flughafen Europas. Der schwarze Dienstag hat diese Illusion zerstört.

Unmittelbar nach den Attentaten wird der Alarmzustand wieder auf Stufe vier heraufgesetzt, diesmal für das gesamte Land. Die Regierung bittet die Belgier, zuhause zu bleiben. Sie ist nicht sicher, ob noch Attentäter unterwegs oder weitere Anschläge geplant sind. Der Flugverkehr wird umgeleitet nach Antwerpen, Lüttich und Charleroi. Zaventem stellt bis mindestens Mittwochmorgen den Betrieb ein. Busse und Bahnen in Brüssel bleiben in den Depots. Längere Straßentunnel sind geschlossen. An den Atomkraftwerken Doel bei Antwerpen und Tihange nahe Lüttich werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Zur Sicherheit wird das Personal auf eine Wochenendbelegschaft reduziert. "Etwa 1000 Personen arbeiten in solch einer Anlage. Sie werden alle einer genauen Sicherheitsprüfung unterzogen, aber wir gehen kein Risiko ein", sagt ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde.

Die Universitäten schließen den Campus, und auch die Schulen in der weiteren Umgebung der beiden Tatorte machen vorsichtshalber am Mittag zu, begleitet von Aufregung und Konfusion. Das Athenee Royal Jean Absil im Stadtteil Etterbeek fordert die Eltern auf, die Kinder am Mittag abzuholen - nur gegen Vorlage des Personalausweises. Chaos im Innenhof: Ein amerikanischer Vater schimpft: "Was für seine Organisation - mittlerweile hatten die doch genügend Zeit, so etwas besser vorzubereiten."

Ein Gruppe Schüler aus einem anderen Institut hat es geschafft, das Unterrichtsgebäude zu verlassen. Die Eltern hatten per SMS die Genehmigung dazu erteilt. "Dafür müssen wir jetzt zu Fuß ans andere Ende der Stadt", sagt der 16-jährige Pierre. Wie lange dauert das? "Bestimmt anderthalb Stunden." Angst? "Zuerst ein bisschen, jetzt nicht mehr - ist ja überall Polizei."

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22.03.2016, 23:00 Uhr
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